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Milizenkämpfe vor Tripolis

Valerie Stocker4. Februar 2014

Nahe der libyschen Hauptstadt Tripolis kommt es zu heftigen Gefechten zwischen Rebellen und Anhängern des alten Regimes von Muammar al-Gaddafi. Dabei zeigt sich, wie wenig sich Stammesfehden und Politik trennen lassen.

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Ein Mann patroulliert (Foto: DW/V. Stöcker)
Bild: DW/V. Stöcker

Im Leichenraum im Krankenhauses in Zhara im Südwesten Libyens liegen drei Tote. Der Arzt besteht darauf, ein Laken aufzudecken. Darunter: ein 65-jähriger Mann, der in seinem Garten stand, als ihn ein verirrtes großkalibriges Geschoss tötete. Vor dem Raum stehen die Angehörigen.

Nicht jedem ist es recht, dass die Opfer zur Schau gestellt werden. "Wahrt die Ehre der Märtyrer", ruft jemand und eine erhitzte Diskussion entbrennt. Am Ende überwiegt jedoch die Meinung, dass die Gräueltaten an die Öffentlichkeit kommen sollen. "Die wahllosen Angriffe verschonen niemanden. Sie schießen mit Raketen auf Wohngebiete!" sagt Faraj Mustafa, der im eigenen Haus am Bein getroffen wurde. "Gaddafi-Treue gibt es überall. Warum werden ausgerechnet wir angegriffen? Hier herrscht ein Stammeskrieg!"

Gewalt gegen die "Algen"

Denn die Warschefana, nach denen das Gebiet wenige Kilometer entfernt von der Hauptstadt Tripolis benannt ist, gelten vielen Libyern als "Tahaleb", "Algen", eine Anspielung auf die frühere grüne Staatsflagge. Viele der Stammesangehörigen hatten hohe Ämter inne unter dem ehemaligen Machthaber Muammar al-Gaddafi und sollen das Ex-Regime im Krieg verteidigt haben. Bei ihnen herrscht Ausnahmezustand: Bewaffnete Milizen, die schon 2011 gegen Gaddafi gekämpft haben, halten das Gebiet mit schwerem Geschütz umstellt. Auf der anderen Seite haben sich Stammesmilizen in den Wohngebieten verschanzt und Zufahrtstraßen mit Sand zugeschüttet.

Begonnen hatte alles Mitte Januar mit grünen Flaggen und einem Gaddafi-Porträt. Angeblich hatten Stammesmitglieder diese aufgestellt, um eine militärische Offensive reaktionärer Kräfte in Südlibyen zu feiern. Am Folgetag rückten Brigaden aus der Hauptstadt an und begannen, Bandenmitglieder aus der als kriminell geltenden Gegend festzunehmen. Die Einwohner empfanden den Einsatz als politisch motivierte Vergeltungsmaßnahme und Kämpfe entbrannten. Die Einmischung weiterer Milizen aus umliegenden Orten, die mit Warschefana im Streit liegen, verstärkte den Eindruck eines Feldzuges gegen den Stamm. Im Kreuzfeuer fielen dutzende Kämpfer und Zivilisten.

Zivilisten im Kreuzfeuer

In der Stadt Maamura befindet sich eine der Frontlinien - sofern man bei den unkoordinierten Straßenkämpfen von einer Front sprechen kann. Gerade ist Waffenruhe; bis auf einige Schüsse in weiter Ferne herrscht hier eine fast unheimliche Stille. Familien sind größtenteils geflüchtet.

Mann mit eingegipstem bein auf Krankenbett (Foto: Valerie Stöcker)
Faraj Mustafa wurde am Bein verletztBild: DW/V. Stöcker

Der Bürgermeister kam am ersten Tag der Zusammenstöße ums Leben, auch seine Frau und sein Kind waren unter den Opfern, als eine Rakete die Hauswand durchbohrte. Am Kinderwagen klebt Blut. Sein Bruder steht sichtbar verstört und stumm inmitten der Verwüstung, doch vor dem Haus ergreifen Stammesältere das Wort. "Solange Warschefana nicht befriedet ist, wird es auch in Libyen keine Stabilität geben! Unser Schicksal ist mit dem des Landes verbunden!", ruft Sheikh Nureddin. Die anderen applaudieren.

Ängste und Verschwörungstheorien

Die Warschefana sind der Ansicht, die Verhaftungen seien nur ein Vorwand - und es gehe der Regierung in Wirklichkeit darum, sie auszugrenzen. Viele ihrer Häuser sind im Zuge der Kämpfe geplündert und angezündet worden. "Pure Rache", sagt Faraj Sayeh, während er in den Trümmern seiner Familienvilla steht. Der Politiker weist den Vorwurf, einem Gaddafi-treuen Stamm anzugehören, aber vehement zurück: "Eine Verschwörung ist das! Wir haben Beweise, dass das Medienamt selbst dieses Gaddafi-Porträt hat drucken und aufstellen lassen, um uns anprangern zu können." Wie viele aus seinem Stamm glaubt er, dass die Medien bewusst Feindbilder schaffen und Teile der Staatsführung sich dieser bedienen, um von eigenen Machtspielen abzulenken.

Portrait Sheikh Nureddin (Foto: Valerie Stöcker)
Sheikh Nureddin: "Unser Schicksal ist mit dem des Landes verbunden"Bild: DW/V. Stöcker

Gesellschaftliche Spannungen

Überall in Libyen brechen die Auseinandersetzungen der Revolutionszeit wieder aus. Viele Libyer sind von der aktuellen Regierung enttäuscht und wünschen sich insgeheim zurück in die Gaddafi-Zeit. Für die Warschefana haben die meisten aber trotz vieler unschuldiger Opfer wenig Verständnis. "Das sind doch alles Azlam", hört man oft - Regimeüberreste. "Mindestens 80 waren es, die neulich öffentlich Gafaddi gehuldigt haben", sagt ein Milizenchef in Tripolis. In der ganzen Umgebung sind die Warschefana verhasst, besonders im Nachbarort Sawiya, der während der Revolution von Regimetruppen belagert war.

Auch vom Südwesten her weht kühler Wind. "Warschefana ist ein krimineller Sumpf", sagt ein Revolutionskämpfer aus der Berberstadt Dschadu. "Hunderte Reisende sind an falschen Kontrollposten ausgeraubt und angegriffen worden. Viele Bewohner des Nafussa-Gebirges trauen sich gar nicht mehr nach Tripolis, weil die Straße durch Warschefana-Gebiet führt."

Mann steht in zerstörtem Haus (Foto: Valerie Stöcker)
Faraj Sayeh im Haus seiner FamilieBild: DW/V. Stöcker

Der Stamm müsse von sich aus Kriminelle und Gadaffi-Verehrer an die Polizei ausliefern, sonst stünden immer wieder Zivilisten in der Schusslinie, so die Forderung. Die Stammesführer haben sich prinzipiell dazu bereit erklärt und versuchen, mit Vertretern aus der Hauptstadt einen Friedensvertrag auszuhandeln. Diesen umzusetzen wird schwierig sein, da keine Seite ihre bewaffneten Kräfte gänzlich unter Kontrolle hat. Jene Truppen, die Warschefana angreifen, fühlen sich im Recht, denn schließlich sorgen sie im Namen des Staates für Ordnung. Was fehlt, ist eine neutrale Armee. Denn solange die Staatsmacht Selbstjustiz durch Milizen duldet, wird es weiter zu solchen Konflikten kommen.