Bildergeschichten: Was soll das bedeuten? | Geschichte | DW | 24.02.2014
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Geschichte

Bildergeschichten: Was soll das bedeuten?

Wir stellen jede Woche ein Bild vor und erzählen seine Geschichte. Diesmal gehen wir zurück in das Jahr 1938: Die Nazis greifen nach der Loreley

Wie gut, dass Heinrich Heine dieser Anblick erspart geblieben ist: Hoch oben auf der Loreley, dem vom Dichter einst romantisch besungenen Felsen hoch über dem Rhein, haben die Nazis soeben eine sogenannte "Thingstätte" erbaut. Das Foto aus dem Jahr 1938 zeigt zwei Männer des "Reichsarbeitsdienstes", die dieses Beispiel faschistischer Architektur betrachten. 5.000 Menschen können in der Arena ab sofort Platz finden. Dass das NS-Regime sich auch an diesem Rheinfelsen vergreift, ist kein Zufall – die Loreley ist ein zentrales deutsches Symbol, es soll nun auch dem "Dritten Reich" dienen.

In der Sage von der Loreley betört hoch oben auf dem Rheinfelsen ein wunderhübsches Mädchen mit seiner Schönheit und seinem Gesang die vorbeifahrenden Schiffer so sehr, dass sie in dieser so gefährlichen Stromenge alle Vorsicht fahren lassen und schließlich in den Fluten versinken. Der Dichter Clemens Brentano erzählte um 1800 erstmals von diesem unglaublichen Geschöpf, Heinrich Heine verfasste schließlich 1824 das Gedicht, mit der sie schließlich populär wurde. "Ich weiß nicht was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin; ein Märchen aus uralten Zeiten, das geht mir nicht aus dem Sinn."

Die junge Dame kurbelte alsbald den Rheintourismus kräftig an: Seit den 1820er Jahren begannen Erlebnishungrige den Rhein zu bevölkern. Neuartige Dampfschiffe verkehrten seit 1827 regelmäßig zwischen Köln und Mainz, und schon 1849 beförderten die Reeder erstmals rund eine Million Passagiere. Dabei ging der Tourismus Hand in Hand mit dem Nationalismus; keine literarische Figur an diesem Strom konnte unpolitisch sein: Der Rhein als deutscher Strom, als oft zitierter Schicksalsfluss der Deutschen, wurde in steter Abgrenzung zu Frankreich zum Nationalheiligtum. Und oben auf dem Felsen – und im Zentrum des Mythos vom deutschen Rhein: das hübsche deutsche Mädchen.

Die Nazis versuchten sich den Mythos ideologisch einzuverleiben, doch es gelang nicht recht. Heines Bücher wurden ein Opfer der Bücherverbrennung, und wenn sein Loreley-Gedicht in Schulbüchern noch Erwähnung fand, hieß es oft: "Verfasser unbekannt". Aber Heinrich Heine und seine Loreley überstanden im kollektiven Gedächtnis der Deutschen auch das "Dritte Reich", und die einstige "Thingstätte" diente anschließend als Freilichtbühne. Dass dort später Rockgrößen wie Joe Cocker, Udo Lindenberg oder Frank Zappa auftreten sollten – dass wiederum hätte dem Dichter sicherlich gefallen.

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