„Bete und arbeite und lies“ | Spurensuche | DW | 09.07.2018
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Spurensuche

„Bete und arbeite und lies“

„Ora et labora et lege“ – Alfred Herrmann von der katholischen Kirche erkundet spirituelle Wege von Orden und Klöster. Heute nimmt er die benediktinischen Gemeinschaften in den Blick.

Benediktinerinnen aus der Abtei Herstelle ( Alfred Herrmann)

Höre – im Psalmgebet hören die Benediktinerinnen der Abtei Herstelle an der Weser auf das Wort Gottes. Foto: Alfred Herrmann

Ausspannen im Kloster. In Ruhe und Abgeschiedenheit Antworten auf Lebensfragen suchen oder einen spirituellen Impuls empfangen. Wer sich auf einen Klosteraufenthalt einlassen möchte, hat die Auswahl zwischen verschiedensten Ordensgemeinschaften. Da gibt es Gästehäuser der benediktinischen Abteien oder Exerzitienzentren der Jesuiten, ein Haus der Stille der Karmeliten oder Orte aktiven Mitwirkens in franziskanischen Gemeinschaften. Kloster ist nicht gleich Kloster, Ordensweg ist nicht gleich Ordensweg. Es lohnt daher, diese unterschiedlichen spirituellen Wege des Christentums zu erkunden.

„Höre!“ – mit dieser Aufforderung beginnt die Regel des heiligen Benedikts von Nursia. Der Mönchsvater verfasste sie im Jahr 529 für seine Klostergemeinschaft in Montecassino in Italien. „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat“, lautet der erste Satz. In ihm zeigt sich die spirituelle Grundhaltung benediktinischer Gemeinschaften.

Höre mit den Ohren des Herzens

Denn dieses Hören umschreibt nicht allein einen physischen Vorgang. Hören zu können, bedeutet, bereit und offen zu sein für Gott, aufmerksam für die Stimme Gottes im eigenen Leben. Benedikt spricht vom Hören mit den Ohren des Herzens. Ein Wahrnehmen mit allen Sinnen. Ein Hineinhören in all das, was einem die Umwelt, der Alltag entgegenbringt: Begegnungen und Ereignisse, vielleicht ein Text der Heiligen Schrift. Ein In-sich-hinein-hören in die Tiefen des eigenen Inneren. Um diese Grundhaltung zu leben, braucht es Zeiten und Räume des Schweigens und der Stille.

„Ora et labora et lege“ – „Bete und arbeite und lies“, das Prinzip, das Benedikt in seiner Regel entfaltet, strukturiert den Tag in Chorgebet, Arbeitsstunden und kontemplative Schriftlesung. Es erzeugt einen Rhythmus, der eine einseitige Lebensweise nicht zulässt. „Müßiggang ist der Seele Feind“, schreibt Benedikt in seiner Regel. Wer im benediktinischen Rhythmus lebt, spricht alles an: Körper und Seele, Geist und Herz.

„In allem soll Gott verherrlicht werden“, schreibt Benedikt in seiner Regel. Er sieht nicht nur das Gebet, das siebenmal am Tag und einmal in der Nacht erfolgen soll, sondern auch die Arbeit als Mittel und Ausdruck der Gottsuche. Arbeit wird zur Verlängerung des Betens in den Alltag hinein. Sie hilft dabei, die Beziehung zu Gott zu intensivieren, und verleiht Anteil am Schöpfungswerk.

„Lies“ – diese Aufforderung des benediktinischen Dreiklangs geht im allgemeinen Sprachgebrauch gerne unter. Dabei bildet sie einen zentralen Wesenszug, die „lectio divina“, die tägliche geistliche Lesung. Sie ist weder Studium noch dient sie zur Wissenserweiterung noch zur Unterhaltung. Vielmehr ist sie eine Meditation der Worte der Heiligen Schrift, um diese zu verinnerlichen.

Schon die ersten Mönche verwendeten das Wort „ruminare“, „wiederkäuen“, für die „lectio divina“. Sie nutzten die Metapher des Essens, um sich ihren spirituellen Weg bildhaft vor Augen zu führen. In diesem Sinne nimmt man das Wort Gottes durch Lesen und Hören wie Nahrung in sich auf. Man „isst“ es. Im Verlauf des Tages holt man sich die biblischen Worte immer wieder in die Gedanken zurück, wiederholt sie im Geiste, meditiert sie immer wieder von neuem, als würde man darauf herumkauen, sie „wiederkäuen“. Das Wort Gottes geht auf diese Weise in einen über, man „verdaut“ und verinnerlicht es.

Anleihen aus dem Leben der Eremiten

Wer im Rhythmus von „ora et labora et lege“ lebt, geht diesen Weg in Stillschweigen. „Der Mönch hält seine Zunge vom Reden zurück, verharrt in der Schweigsamkeit und redet nicht, bis er gefragt wird“, gibt Benedikt vor. Das benediktinische Gemeinschaftsleben entwickelte sich aus dem des Eremiten, des Einsiedlers. Bis heute nimmt es Anleihen davon.

Abgeschieden, fern allen turbulenten, gesellschaftlichen Treibens leben benediktinische Ordensleute in Klausur, reden nur das Nötigste bei der Arbeit, lauschen beim Essen einer Tischlesung, halten Zeiten strikten Schweigens. Am Abend ziehen sie sich in ihre Zelle zurück wie in eine Eremitage. Dennoch fühlen sie sich nicht wie Eremiten. Die Gemeinschaft, in denen sie ihr gesamtes Leben verbringen, ist zentral für ihren Weg. Sie dient ihnen als Korrektiv und als Lehrmeisterin auf ihrer Suche nach Gott und nach der Vervollkommnung ihres Lebens.

Anteil an diesem Weg schenken die zahlreichen Gästehäuser der benediktinischen Abteien wie zum Beispiel in Herstelle. In der Abtei vom Heiligen Kreuz hoch über der Weser leben und arbeiten Benediktinerinnen von der Beuroner Kongregation. In ihrem Gästehaus bieten sie Kurse und geistliche Begleitung. Hier besteht die Möglichkeit, diesen jahrtausendealten Weg christlicher Spiritualität für ein paar Tage mitzugehen.

 

Zum Autor: Alfred Herrmann, 1972 in Würzburg geboren, arbeitet als freier Autor in Berlin. Vor kurzem erschien im Bonifatius-Verlag sein Buch „Sich Gott nähern – Frauenorden in Deutschland“.