Berlins charmante Kombiläden | Deutschlandtour | DW | 12.11.2013
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Deutschlandtour

Berlins charmante Kombiläden

In der Hauptstadt gibt es einige Läden, die zwei Businesskonzepte vereinen. Viele davon sind interessante Anlaufpunkte für alle, die gern mit Menschen der Stadt ins Gespräch kommen. So wie DW-Reporter Jefferson Chase.

20 Uhr an einem lauen Herbstabend. Vor den Läden in der Winsstraße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg sitzen Menschen auf Stühlen und Bänken, genießen die frische Luft und ein paar Drinks. Im Enten und Katzen hole ich mir einen Latte Macchiato und nehme Platz auf einem der schweren Holz-Klappstühle. Nichts Außergewöhnliches, würde man denken. Doch Enten und Katzen ist eigentlich kein Café, sondern ein Bio-Laden.

Das Geschäft mit den gesunden Lebensmitteln öffnete Inhaberin Ira Tepperwien 2001, der Café- und Abendbetrieb entwickelte sich dann ganz organisch. Gäste blieben auf ein Gläschen, man kam ins Gespräch, Ira stellte ein paar Stühle auf den Gehweg.

Mittlerweile hat das Geschäft zehn Mitarbeiter. Auch Iras Ehemann Marc, ein freundlicher Spätvierziger und hauptberuflicher Architekt, hilft ab und an mit aus. Vielleicht, weil er so seine Frau auch mal tagsüber zu Gesicht bekommt. Das hybride Geschäft verlangt sehr lange Arbeitszeiten ab: Das Enten und Katzen öffnet morgens um 8 Uhr und schließt erst nach 22 Uhr. "Meine Frau wusste nicht, worauf sie sich einlässt.", sagt Marc und fügt lächelnd hinzu: "In der Branche heißt es, wenn Petrus zurück auf die Erde geschickt wird, muss er als Strafe für seine Sünden einen Lebensmittelladen aufmachen."

Mehr als ein reines Marketing

So ein hybrides Geschäftsmodell ist also anstrengend. Wer im Prenzlauer Berlin überleben möchte, muss möglichst viele Kunden ansprechen oder etwas Besonderes haben. In dem gentrifizierten, ehemaligen Szene-Kiez herrscht rege Konkurrenz - sowohl untern Bio-Läden- als auch Cafébetreibern. Sie buhlen um die Muttis und Vatis, die sich tagsüber eine Pause gönnen, bevor sie Klein-Cornelius oder Anastasia aus der multilingualen Kita abholen und anschließend als Ausgleich zum Häkelkurs bringen.

Das Besondere am Enten und Katzen ist wohl, dass sich Eltern hier auch nach Anbruch der Dunkelheit treffen. Bei einem Gläschen Bier oder Wein entspinnen sich dann sogar Gespräche jenseits von Babykarren, Kinderaccessoires und Schulprogrammen. "Wir kennen sehr viele Kunden persönlich", sagt Marc. "Und die Leute tauschen sich aus. Über einen guten Arzt oder eine Wohnung, die gerade frei ist und auch über Geschäftsideen. Der Laden ist ein Ort der Synergien." Diese Erfolge spiegeln sich nur indirekt in den Umsatzzahlen wider.

Bar trifft Plattenladen

Aussenansicht der Bar Wowsville

Sympatischer Kombi-Laden: Das Wowsville in Berlin

Wenn es eine Grundregel gibt, wie man Geschäftsideen in Berlin profitabel kombiniert, dann diese: Alkohol schadet nie. Berühmtestes Beispiel dafür ist eine Fahrschule mit Weinhandel im Bezirk Friedrichshain - wobei die zwei Geschäftshälften autonom von einander betrieben werden. Anders dagegen läuft es im Wowsville, einem Rockabilly-, Surf- und Punkplattenladen mit integrierter Bar im Stadtteil Kreuzberg. Den will ich mir angucken.

Besitzer des seit 2010 geöffneten Etablissements ist der Spanier Alberto, ein 40-Jähriger aus Valencia, der früher Schallplatten in New York City vertickte und das Wowsville ganz im Geist des legendären New Yorker Club CBGBs gestylt hat. Trashfilm-Poster zieren die Wände, Graffiti ist erwünscht. Der kleine Hinterraum ist bis unter die Decke gefüllt mit LPs und Singles von Bands wie The Ventures, The Vapors oder The Wipers. Vorn an der Bar sitzt eine entsprechend rockig gekleidete, internationale Trinkgemeinschaft.

"Die Hoffnung ist, dass Leute auf ein Bier reinkommen und eine Platte für ihr nächstes DJ-Set mit nach Hause nehmen", sagt Alberto. In der Tat liegen einige frisch bezahlte Platten auf den Fünfziger-Jahre-Beistell-Tischen im Barbereich.

Nichts fürs große Geld

Gast von inten an der Theke der Wowsville Bar, die auch Plattenladen ist

Wer genug Platten gestöbert hat, kann an der Bar einen Drink nehmen - oder war es umgekehrt?

Das neuste Stück in Albertos wachsendem Imperium ist die Pizzeria gegenüber, mit der er versucht, noch ein bisschen mehr Big Apple nach Kreuzberg zu transportieren. Rauchen darf man nicht mehr in Berliner Restaurants. Wen doch die unwiderstehliche Lust auf eine Zigarette überkommt, kann ein Stück Pizza mit auf die andere Straßenseite nehmen und in der Bar verzehren - ein verlockendes Angebot für das junge, meist quarzende Wowsville-Publikum. Ob das Bar-trifft-Plattenladen-Konzept viel Geld abwirft? Alberto behauptet, der Spaß zähle mehr als Profit. "Wenn ich richtig Geld verdienen wollte, müsste ich mir einen anständigen Job suchen", witzelt er.

Hoffentlich tut er das nicht, denke ich. Die Wowsville-Bar ist ein angenehmer Ort zum Abhängen, und wie man erwarten kann, ist die Musik ziemlich gut. Hinterm Tresen steht eine junge Neuseeländerin namens Freya; ich bestelle ein Bier, und wir plaudern über das legendäre Plattenlabel Flying Nun aus ihrer Heimat. Letzte Woche, erzählt mir Freya nebenbei, habe sie ein Auto von einem Spätkauf gemietet, der auch ein Wettbüro sei. Das X-trifft-Y ist eben Trend in der Hauptstadt.

Während ich nach Hause radle, wird mir klar: Kombigeschäfte mögen ein wirksames Mittel sein, um neue Kundengruppen anzusprechen. Eine Garantie für Coolness sind sie noch lange nicht. Aber sie eröffnen Menschen die Möglichkeit, einer der unangenehmsten Begleiterscheinungen des Kapitalismus zu entkommen: Der Einzelne wird nicht auf seinen monotonen Job reduziert. Und deswegen lohnt es sich, Berlins Hybridläden aufzusuchen. Dabei gilt: Je ungewöhnlicher die Kombi, desto besser.