„Bergpredigt live“ | Spurensuche | DW | 20.04.2018
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Spurensuche

„Bergpredigt live“

Eine Regel, die Grenzen setzt? Dr. Christine Hober von der katholischen Kirche über die Lehre der Bergpredigt und die Tat des Herzens.

„Bergpredigt live“ heißt das neue Projekt im Religionsunterricht meines Sohnes. Vier Wochen lang sollen die Oberstufenschüler während des Unterrichts versuchen, nach der Bergpredigt zu leben. Die Rahmenbedingungen für das Experiment ähneln denen des Fernsehformates „Das Dschungelcamp“: die Situation der Jugendlichen spielt auf einer Insel, wo sie als eine Art Schicksalsgemeinschaft bestimmte Vorgaben des Lehrers diskutieren und im Gespräch umsetzen müssen. Eine echte Herausforderung – denn bei der Frage, wie die Bergpredigt zu leben sei, gehen die Meinungen schon seit jeher auseinander.

Die Bergpredigt steht in den Kapiteln fünf bis sieben im Matthäusevangelium und fasst als die größte Rede Jesu wichtige Punkte seiner Botschaft zusammen: Jesus fordert seine Zuhörer dazu auf, nicht nur ihre Mitmenschen zu lieben, sondern auch ihre Feinde, und jedem mit Respekt zu begegnen. Neben dem Gebot der Feindesliebe gelten die „Goldene Regel“, das Vaterunser und die Seligpreisungen als die Magna Charta des Christentums.

Eine Regel, die verhindert, dass andere zu Schaden kommen?

Beim Mittagessen berichtet mein Sohn von den Schwierigkeiten der Umsetzung. „Heute sollten wir uns vorstellen, ein Eiscafé auf unserer Insel zu betreiben, um Eis an Touristen zu verkaufen, die dann aber außerhalb des Cafés andere Menschen mit Eis bewerfen. Wir sollten überlegen, wie wir das verhindern können, ohne gegen die Bergpredigt zu verstoßen. Ich schlug vor, eine Regel aufzustellen: ,Der Verzehr von Eis ist nur im Eiscafé erlaubt‘.“

Einfach und wirkungsvoll: eine neue Regel setzt Grenzen, verhindert, dass andere zu Schaden kommen. Ist es das, was die Bergpredigt wollte?

Zugegeben, wenn Menschen zusammen leben wollen, ist es von Vorteil, sich auf entsprechende Regeln zu einigen. Regeln sind klar und lassen keinen Raum zur Willkür. Regeln für das Zusammenleben hat es zu allen Zeiten gegeben, am bekanntesten sind wohl die im Alten Testament dokumentierten Zehn Gebote, die Moses am Berg Sinai von Gott empfangen hat und diese als Gottes Willen dem Volk Israel weitergab. Das Matthäusevangelium sieht in Jesus den Vertreter des Willen Gottes und passt die Situation der Bergpredigt an die alttestamentliche Erzählung von den Zehn Geboten an, nur dass hier die Jünger Jesu die Zuhörer sind. Dabei geht die Bergpredigt über die Forderungen der Zehn Gebote deutlich hinaus und der ethische Anspruch, der dahinter steht, scheint nach menschlichem Ermessen kaum erfüllbar.

Der Anspruch, ohne Gewaltanwendung zu handeln, den die Schüler in ihrem Experiment der gelebten Bergpredigt verwirklichen sollen, geht zurück auf das Gebot der Feindesliebe: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“ (Mt 5,43f.) Nicht nur am Gebot der Feindesliebe scheiden sich heute wie zu allen Zeiten die Geister. Dass Jesus in der Bergpredigt die alttestamentlichen Gesetze radikal überbietet, stellt auch Christen vor die Frage, wie sie deren Forderungen erfüllen können oder ob sie nicht an unserer Lebenswirklichkeit vorbeigehen? Das wäre tatsächlich so, wenn man die Bergpredigt als ein per Gesetz verordnetes Programm versteht oder als einen Leistungskatalog, den es abzuarbeiten gilt.

Mehr, als Regeln einzuhalten

Irgendwie unzufrieden erlebt mein Sohn das zu Ende gehende Experiment. Zwar haben die Schüler etliche neue Regeln aufgestellt, um nicht gegen die Bergpredigt zu verstoßen, und auch das Miteinander auf der imaginären Insel funktioniert inzwischen reibungslos.

Doch irgendetwas scheint immer noch zu fehlen, denn den richtigen Schlüssel zum Verständnis der Bergpredigt zu finden, bedeutet offenbar mehr, als Regeln einzuhalten und umzusetzen: Jesus zielt mit seiner Rede weniger auf messbare Taten im Sinne einer Werkgerechtigkeit als vielmehr auf eine Tat des Herzens, das sich in der Liebe Gottes geborgen weiß. Erst dann wird der Sinn hinter den Regeln der Bergpredigt erkennbar. Dann kann die Bergpredigt als eine konkrete Formulierung der Liebe aus ganzem Herzen verstanden werden – ermöglicht durch die bedingungslose Zuwendung Gottes zu den Menschen.

Christine Hober, Dr. der Theologie, arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.