Berüchtigtes Ex-Folterzentrum wird der Öffentlichkeit zugänglich | Politik | DW | 14.03.2005
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Politik

Berüchtigtes Ex-Folterzentrum wird der Öffentlichkeit zugänglich

"Die Kapuze ist wie ein tragbarer Kerker"

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Die so genannte Capucha: Hier lagen die Häftlinge an Händen und Füßen gefesselt und mit einer Kapuze über dem Kopf

Nach der physischen Folter wurden die Häftlinge in der Regel in den dritten Stock gebracht, die so genannte Capucha. Sieben Monate lag er dort zusammen mit anderen Häftlingen auf stinkenden Schaumstoffmatratzen, mit einer Kapuze über dem Kopf und mit Eisenketten an Händen und Füßen gefesselt - 24 Stunden am Tag. Noch heute hat er deshalb Probleme mit dem Rücken. Nur ab und zu durfte er die Kapuze abnehmen. "Das war so richtig durchdacht, eine Kapuze ist wie ein tragbarer Kerker", sagt Victor. Irgendwann fiel er ins Delirium. Das Fleisch, dass er zu Essen bekam, rührte er nicht mehr. "Es roch und schmeckte so komisch. Ich dachte plötzlich, die geben uns Menschenfleisch zu essen." Einen Monat lang ernährte er sich von Orangen, die ihm andere Häftlinge heimlich zukommen ließen.

Warum er überlebte, weiß er selber nicht, die Frage stellt er sich auch nicht mehr. Vielleicht waren ja seine Kenntnisse als Fotograf die Rettung. Nach Monaten der Folter bekam Victor den Auftrag, von den Mitgliedern der Todesschwadronen Fotos zu machen. Die wurden von den Militärs für die Herstellung gefälschter Dokumente benötigt. Die Todesschwadronen nutzen bei ihren Aktionen nie ihre wahre Identität, um so keine nachvollziehbaren Spuren zu hinterlassen. Victor bewahrte die Fotos zwischen unbelichtetem Fotopapier auf. "Hätten die das mitbekommen, wäre das mein sofortiges Todesurteil gewesen."

Berüchtigte Folterknechte

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Bild von Miguel Angel Cavallo (Mitte) aus Heft mit Fotografien von Folterern der ESMA

Ab 1980 wurden die Haftbedingungen etwas gelockert, Victor durfte ab und zu seine Familie besuchen - so schmuggelte er die Fotos aus der Esma. Nach dem Ende der Diktatur wurden sie zusammen mit seiner Aussage abgedruckt. Darin finden sich auch Fotos von zwei der berüchtigsten Folterer der ESMA, Alfredo Astiz und Ricardo Miguel Cavallo. Cavallo war im Jahr 2000 in Mexiko verhaftet und dann nach Spanien ausgeliefert worden. Astiz sitzt in Untersuchungshaft.

"Die Militärs haben mir den Mut genommen, langfristig für mein Leben Projekte zu planen. Vier Jahre lang wusste ich nicht, ob ich die nächste halbe Stunde überleben würde." Nach seiner Freilassung versuchte er sich wieder als Fotograf und eröffnete ein Geschäft, der Erfolg war mäßig. "Ich hatte einfach keine Kraft mehr, die Dinge mit voller Energie zu tun." Viktor brauchte lange, um sich wieder frei zu fühlen: Die Todesschwadronen der ESMA waren sogar noch nach dem Ende der Diktatur aktiv. Sie statteten Victor Hausbesuche ab, bewachten und verfolgten ihn bis ins Jahr 1984.

Führungen für Schüler und Studenten

Rachegedanken hegt Viktor nicht. Doch zusammen mit anderen Überlebenden fordert er Gerechtigkeit. "Alle die in der ESMA zu der Zeit waren, ob Offiziere oder Schüler, wussten von den Folterungen." Sie müssten nun zur Rechenschaft vor Gericht gezogen werden. Das Militär wird im Juli und Dezember weitere Gebäude räumen. Noch für März waren erste Führungen für Schulklassen und Studenten geplant. Dann will auch Victor wieder dabei sein.

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