Benedikt Höwedes geht den Schürrle-Weg | Sport | DW | 31.07.2020
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Portrait

Benedikt Höwedes geht den Schürrle-Weg

Benedikt Höwedes beendet die Karriere. Der 32-Jährige - zuletzt bei Lokomotive Moskau - gibt seinen Abschied. André Schürrle hatte es dem Ex-Schalker vorgemacht - der auch kritische Worte zum Profifußball findet.

Wer weiß, wie lange der Gedanke Benedikt Höwedes schon beschäftigt hatte? Wohl nur er selbst. Die Entscheidung, die aktive Karriere zu beenden, fiel aber erst im jüngsten Sommerurlaub mit der Familie. "Ich habe gemerkt, wie krass es mich erfüllt hat, meinen Sohn hautnah zu erleben. Da wurde Fußball plötzlich so unwichtig für mich”, sagte der 32-Jährige dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Da sein Vertrag beim russischen Erstligisten Lokomotive Moskau vor kurzem aufgelöst worden war, musste Höwedes "nicht mehr lange nachdenken”. 

Parallelen zu Schürrle

Und wer weiß, wie die weitere Karriere des Abwehrspielers verlaufen wäre, hätte er im WM-Finale 2014 von Rio den Ball mit seinem wuchtigen Kopfball kurz vor dem Pausenpfiff nicht an den Pfosten, sondern im Tor der Argentinier platziert. Spekulativ. Die Frage nach dem "was wäre wenn” schwingt im Sport häufig mit. Und dass man als Schütze eines womöglich entscheidenden Tores im WM-Finale nicht automatisch eine stromlinienförmige Fortsetzung der Karriere erwarten kann, zeigte in den letzten Jahren das Beispiel Mario Götze. Wie Höwedes ist auch Götze seit dem Sommer ohne Vertrag, ein Karriereende scheint für den ehemaligen BVB-Spieler aber noch nicht in Frage zu kommen. 

Verlässlicher Verteidiger im Nationalteam: Benedikt Höwedes (picture-alliance/augenklick/firo Sportphoto/J. Fromme)

Verlässlicher Verteidiger im Nationalteam: Benedikt Höwedes

Ganz im Gegensatz zu Götzes ehemaligen BVB-Kollegen und Torvorbereiter im Finale von Rio, André Schürrle. Der vom BVB zuletzt an Spartak Moskau ausgeliehene Offensivmann beendete nach dem Leihende in Moskau und der Vertragsauflösung in Dortmund kürzlich ebenfalls die Karriere. Aber nicht still und heimlich, sondern wie nun auch Höwedes per Interview im "Spiegel", in dem Schürrle hart mit der Branche Profifußball ins Gericht ging. Er sei oft einsam gewesen, gerade als "die Tiefen immer tiefer wurden und die Höhepunkte immer weniger". Die Branche erlaube es nicht, Gefühle zu zeigen, hatte der 29-Jährige gesagt. Bei Höwedes klingt die Begründung für die Entscheidung etwas weniger frustriert. Eine erfolgreiche und im Vergleich zu Schürrle konstantere Karriere liegt hinter Höwedes, er ist 32 Jahre alt und Vater eines kleinen Sohnes. Zeit, in die Heimat zurückzukehren.  

Endstation Moskau 

Die hatte Höwedes 2017 unfreiwillig verlassen. Der damalige Schalke-Trainer Domenico Tedesco hatte ihm das Kapitänsamt entzogen. Für Höwedes, dem nie Eitelkeit nachgesagt worden war, dennoch ein schwerer Schlag. Das Signal: Der Trainer baut nicht auf mich. Es ging nach insgesamt 16 Jahren - die Jugendzeit mit eingerechnet - im Trikot der Königsblauen zum italienischen Rekordmeister Juventus. Doch wer dachte, dass der Weltmeister hier den nächsten Karriereschritt machen würde, der irrte. Höwedes war für ein Jahr ausgeliehen, eine feste Verpflichtung an eine Minimalzahl an Einsätzen gebunden. Und er plagte sich die Saison über mit Verletzungen herum. Schließlich endete das Intermezzo Turin nach nur drei Ligaeinsätzen. Immerhin aber hatte Höwedes gegen Sampdoria ein Ligator erzielt und wurde am Ende der Saison Meister und Pokalsieger mit der "alten Dame”. 

 Auf Schalke wollte man Höwedes nicht zurückhaben und löste den Vetrag auf. Schließlich fand sich in Lokomotive Moskau ein Klub, der den Weltmeister verpflichtete und für eine Ablöse von rund fünf Millionen Euro mit einem Vertrag bis 2022 ausstattete. Mit den Russen feierte Höwedes einen Pokalsieg und kehrte 2018 in der Champions-League-Gruppenphase nach Schalke zurück. "Das war ein Spiel, bei dem ich oft zweimal schauen musste, dass ich nicht den falschen Mann anspiele oder fast aus langjähriger Gewohnheit in die Heim-Kabine gelaufen wäre", sagte Höwedes der "Rheinischen Post” über seine Rückkehr. 

Schalke im Herzen 

Benedikt Höwedes: Von Ex-S04-Coach Domenico Tedesco degradiert. (picture-alliance/dpa/I. Fassbender)

Benedikt Höwedes: Von Ex-S04-Coach Domenico Tedesco degradiert.

Aus seiner Zeit in Moskau bleiben zwei prägende Erlebnisse: 2018 wurde er Vater eines Sohnes, außerdem wurde Höwedes in Russland Veganer und ernährt sich bis heute rein pfanzlich. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte Schalke wohl nicht verlassen. Höwedes war die vielleicht letzte große Identifikationsfigur, die der Revierklub in seinen Reihen hatte. Sogar noch mehr, als der hochtalentierte Offensivmann Julian Draxler, der Schalke irgendwann entwachsen zu sein glaubte und den Klub für viel Geld, aber mit wenig Anerkennung in Richtung Wolfsburg verließ. Der gebürtige Halterner Höwedes trug Schalke 04 immer im Herzen, brachte es vom hoffnungsvollen Talent bis zum Kapitän. 

Dabei verkörperte der 1,88 Meter große Verteidiger das, was so viele Profis - gerade auch auf Schalke - heutzutage immer weniger zu haben scheinen: Tugendhaftigkeit, die Bereitschaft, alles zu geben, spielerische Defizite mit Einsatz wettzumachen, zur Not mit zerrissenem Trikot und Kopfverband vom Platz zu gehen. Höwedes mit Kopfverband: Neben seiner "Jahrhundertgrätsche” im EM-Halbfinale 2016 gegen Frankreichs Olivier Giroud, die ihn als "Kampfschwein” endgültig in die Herzen der Fußballfans katapultierte, ist dies das Bild, das von einem außergewöhnlichen Profi in Erinnerung bleiben wird. 

Neue Aufgaben in Deutschland 

Wahrscheinlich trägt er Schalke noch immer im Herzen, doch im Rückblick dürfte Höwedes sogar froh sein, die letzten zwei Jahre nicht das Trikot der Königsblauen getragen zu haben. Insbesondere die vergangene Saison mit der schlechtesten Rückrunde der Klubhistorie, den Fehltritten des ehemaligen Aufsichtsratschef Clemens Tönnies, die katastrophale Außendarstellung des Klubs auch gegenüber den eigenen Anhängern - all das hätte Höwedes' Schalker Herz als Spieler in Diensten des Klubs wahrscheinlich noch viel mehr geschmerzt, als es das wohl ohnehin schon tat. 

Doch Schalke ist für Höwedes bis auf weiteres Geschichte. Engagieren wird sich der Ex-Weltmeister wie schon in der Vergangenheit bei seinem Jugendklub TuS Haltern. Fortan wahrscheinlich aber noch viel intensiver. Der Klub aus der Kleinstadt an der Grenze zwischen Ruhrgebiet und Münsterland will laut eigener Aussage "das Athletic Bilbao des Amateurfußballs" werden. Dafür verfolgt der Klub ein Konzept, das auch bei Transfermöglichkeiten eher Spielern aus der Region den Vorzug geben will.

Es geht um Verbundenheit und Identifikation. Attribute, die für Benedikt Höwedes auch als Profifußballer immer eine wichtige Rolle gespielt haben - ob auf Schalke, in Turin, in Moskau oder bei der Nationalmannschaft. "Ich bin fest davon überzeugt, dass ich irgendwann wieder mit meinem Bruder und alten Freunden in der Alte-Herren-Mannschaft des TuS spiele", hatte Höwedes im vergangenen Mai in einem Interview mit der "Halterner Zeitung" gesagt. Diesem Ziel ist er nun ein beträchtliches Stück näher gekommen. 

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