Belarus: DW-Medientrainer hinter Gittern | Europa | DW | 22.07.2021
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Europa

Belarus: DW-Medientrainer hinter Gittern

Andrej Alexandrow sitzt in Belarus hinter Gittern. Erst hat man ihm die Finanzierung oppositioneller Proteste vorgeworfen, dann Hochverrat. Wer ist der Journalist, der mit der DW-Akademie zusammengearbeitet hat?

Andrej Alexandrow sitzt an einem Fenster in Belarus

Andrej Alexandrow sitzt seit Januar 2021 im Gefängnis

Die Behörden in Belarus gehen in diesen Tagen massiv gegen alle noch verbliebenen Oppositionellen oder auch unabhängigen Strukturen vor. Es gab dutzende Durchsuchungen und Festnahmen von Menschenrechtlern und Journalisten. "Dahinter steckt der Wunsch, die Zivilgesellschaft zu zerschlagen", sagt der belarussische Politik-Experte Artjom Schreibman. Gleichzeitig werden wie am Fließband Urteile gegen oppositionelle Aktivisten undPolitiker gefällt, die seit rund einem Jahr gegen den Machthaber Alexander Lukaschenko protestieren. 

Die Polizei geht gegen Demonstranten vor, Minsk, Oktober 2020

Die Polizei geht gegen Demonstranten vor, Minsk, Oktober 2020

Auch der Belarussische Journalistenverband (BAJ) ist betroffen. Seine Räume wurden Mitte Juli durchsucht und gesperrt, die Konten eingefroren. Der stellvertretender Leiter, Andrej Alexandrow, ist seit Monaten in Untersuchungshaft. Er hat auch mit der Deutschen Welle zusammengearbeitet. 

Vorwurf des Hochverrats

"Wie kann man seine Stadt noch gemütlicher und schöner machen." Unter dieser Überschrift erschien im Oktober 2005 der erste Online-Artikel des freien Journalisten Andrej Alexandrow bei DW-Russisch. Er lebte damals in der Provinzstadt Nowopolozk im Norden von Belarus und berichtete über diese Region. Später zog er in die Hauptstadt Minsk. Dann brach der Kontakt ab und wurde später in einer neuen Form wiederbelebt: Alexandrow begann seine Mitarbeit als freier Medienmanager und Trainer bei der DW-Akademie.

Ob als Reporter, als Mitarbeiter von Menschenrechtsorganisation oder als Redakteur - Alexandrow habe immer versucht, sein Land gemütlicher, schöner und moderner zu machen, sagen heute Freunde und Kollegen des 42-Jährigen. Seit rund einem halben Jahr kann er das nicht mehr. Alexandrow wurde zusammen mit seiner Freundin am 12. Januar 2021 festgenommen. Zunächst warf die belarussische Justiz ihnen vor, Strafzahlungen für diejenigen übernommen zu haben, die während der oppositionellen Proteste festgenommen wurden. Seit Ende Juni wird Alexandrow zusätzlich des Hochverrats bezichtigt.

Studium in London

Andrej Bastunez sitzt vor dem Logo des Belarussischen Journalistenverbands

Andrej Bastunez ist heute der Vorsitzende des Belarussischen Journalistenverbands

Alexandrow studierte Geschichte an der Universität Polozk und begann seine journalistische Laufbahn bei lokalen Medien. Als er nach Minsk zog, wurde er stellvertretender Leiter des Belarussischen Journalistenverbands. "Dank seines Naturtalentes als Leiter und seinen Sprachkenntnissen ging es der Organisation mit ihm finanziell immer besser", sagt der heutige Chef Andrej Bastunez. Er sei von Alexandrows scharfem Verstand und Lebensenergie beeindruckt gewesen.

"Wir haben uns angefreundet, haben zusammen Fußball gespielt und sind bei Poesie-Abenden aufgetreten", sagt Bastunez. "Ja, Andrej ist auch ein Dichter. Er ist seit langem ein Fan des FC Liverpool. Er hat jetzt sogar im Gefängnis die Vereinshymne 'You'll Never Walk Alone' ins Belarussische übersetzt."      

Alexandrow blieb bis 2011 beim Belarussischen Journalistenverband. Danach erhielt er ein Stipendium des britischen Außenministeriums und zog nach England, um an der University of Westminster Medienmanagement zu studieren. Seine guten Englischkenntnisse und Erfolge im Studium sorgten dafür, dass er Jobs in Londoner Büros der Menschenrechtsorganisationen "Index on Censorship" und "Article 19" bekam. Dort war Alexandrow für die Länder der früheren Sowjetunion zuständig. 2014 kehrte er nach Belarus zurück und wurde stellvertretender Direktor bei BelaPAN - der einzigen unabhängigen Nachrichtenagentur des Landes. 

Zusammenarbeit mit der DW-Akademie

"Andrej hat immer geholfen. Sie werden strafrechtlich verfolgt? Alexandrow würde jeden zum Ermittlungskomitee begleiten und dort bei jedem Wetter so lange ausharren, bis die Person wieder rauskommt", sagt seine Kollegin bei BelaPAN Irina Lewschina. "Er hilft einfach, ohne viel nachzufragen."

Lydia Rahnert von der DW-Akademie

Lydia Rahnert hat in der DW-Akademie mit Andrej Alexandrow zusammengearbeitet

Als Alexandrow bereits in einer Leitungsposition bei BelaPAN war, begann er, mit der DW-Akademie zusammenzuarbeiten. "Er gab Workshops für Medienmanager in der Ukraine, Usbekistan, aber auch im Libanon", sagt Lydia Rahnert, Bereichsleiterin für Zentralasien, Kaukasus und Europa bei der DW-Akademie. "Da er sowohl Journalist als auch Medienmanager ist, kennt er beide Seiten gut und weiß, wie man ein erfolgreiches Medium gründen kann." Man hoffe sehr, dass er bald wieder bei der Akademie unterrichten kann, so Rahnert.

Ein Kollege, der gerne hilft

Nach der Verhaftung wurde Alexandrow zunächst vorgeworfen, er habe die Proteste finanziert. Laut dem stellvertretenden Innenminister von Belarus, Gennadij Kasakewitsch, sollen er und seine Freundin über eine Crowdfunding-Firma insgesamt mehr als 250 Geldstrafen für Demonstranten bezahlt haben.

"Menschenrechtler sagen aber, eine Strafe für jemanden zu begleichen sei keine Finanzierung der Proteste", so Irina Lewschina. Die Regierung habe mit dem Strafverfahren das Gegenteil erreicht und aus Alexandrow "eine Art Robin Hood" gemacht.

Doch die Nachricht, dass ihm Hochverrat vorgeworfen wird, hat seine Freunde und Kollegen wie aus heiterem Himmel getroffen. "Welcher Hochverrat? Er hätte ein sicheres und komfortables Leben führen können, kehrte jedoch nach Belarus zurück, um hier die Medien weiterzuentwickeln", sagt Lewschina. Das sei echter Patriotismus. 

Bis zu 15 Jahre Haft

Sollte Alexandrow schuldig gesprochen werden, droht ihm eine Haftstrafe zwischen sieben und 15 Jahren. Der Journalist sei schockiert über die neuen Vorwürfe gewesen und habe sie zurückgewiesen, so sein Anwalt. Belarussische Menschenrechtsorganisationen haben ihn und seine Freundin als politische Häftlinge eingestuft.    

Freunde und Kollegen können derzeit nur über Briefe Kontak zu Alexandrow halten. In einem Brief an den Leiter des Belarussischen Journalistenverbands, Andrej Bastunez, schrieb er, man sei derzeit "ein gemeinsames großes unabhängiges Medium". Er nannte es einen "Blog derjenigen, die nicht verzweifeln wollen". Bastunez sagt, er denke jedes Mal daran, wenn es mal wieder schwierig wird.