Beim Namen gerufen | Spurensuche | DW | 26.06.2018
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Spurensuche

Beim Namen gerufen

Schlimm, wenn der eigene Name öffentlich niedergemacht wird. Dagegen steht der Sonntags-Wochenspruch. Angelika Obert nimmt es zum Anlass, darüber nachzudenken, worum es geht, wenn wir beim Namen gerufen werden.

„Karl Theodor Friedrich Wilhelm Justus Friedeberg!“ ruft der Vater. Ein etwas unfroher Junge schleicht herbei, der sich mit abwesendem Blick in Papas dicken Wagen setzt. „Jan, Lukas, Michi, Jannik, Max, Tom!“ ruft der andere Vater. Sechs muntere Knaben kommen angetrabt, die alle miteinander in einem kleineren Auto Platz finden. Auf YouTube kann man diesen Werbespot immer noch sehen. Vor ein paar Jahren geisterte er durch‘s Fernsehen und zeigte ziemlich eindrucksvoll: Es ist kein Spaß, einen breiten Namen zu tragen. Zu viel Anspruch macht einsam. Dabei haben die Macher der Reklame schon sorgfältig darauf geachtet, den sechs Jungen schicke Namen aus der Mittelschicht zu geben. Wenn es geheißen hätte: „Justin, Kevin, Peggy, Mandy, Chantal!“, wäre das für die beworbene Automarke nicht so attraktiv gewesen. Kinder mit diesen Vornamen gelten als „weniger leistungsstark“. So ergab es jedenfalls eine Umfrage unter Lehrern.

Mein Name – das bin ich

Ist es nicht erschreckend, dass mit den Namen immer noch ein sozialer Rang verbunden wird, obwohl wir ja schon lange nicht mehr in einer Ständegesellschaft leben? Warum sitzt das so tief in uns drin? So viel ist ja richtig: Mit meinem Namen stehe ich in einem Beziehungsgeflecht, gehöre ich zu einer bestimmten Familie oder auch in eine bestimmte Region oder Kultur. Allerdings ist das in der globalisierten Welt längst nicht mehr so eindeutig wie früher. Und viel wichtiger ist doch, dass mein Name mich gerade in meiner Einzigartigkeit meint. Er macht mich zu einer Person, die nicht einfach einzuordnen ist in irgendeine Menge. Mit meinem Namen bin ich mehr als Mann oder Frau, Verkäuferin oder Kunde, Deutscher oder Ausländer. Mein Name steht dafür, dass man mich nicht auf einen Begriff bringen kann. Mein Name, das bin ich – und das ist immer etwas mehr als man über mich wissen kann.

Wenn mein Name in den Dreck gezogen wird

Aber oft genug meinen die Leute ja, alles zu wissen. Oft genug fallen sie über einen Namen her und ruhen nicht, bis sie ihn niedergemacht haben. Immer ist es ein Mensch, der dann beschämt, erniedrigt, gejagt und an sich selbst irre gemacht wird. Und das trifft die mit den großen Namen genauso schmerzlich wie die mit den kleinen. Ob Chantal in der Schule gemobbt wird, ob der Promi in den Zeitungen niedergeschrieben wird oder der Fußballer von allem Volk für sein Versagen beschimpft wird – weh tut es allemal. Wie soll man umgehen mit der Schmach?

Gottes Schutzversprechen

„So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ (Jesaja 43,1) Das Wort des Propheten Jesaja ist der biblische Wochenspruch für den morgigen Sonntag. Jesaja richtet es an ein gerupftes, erniedrigtes, besiegtes Volk: das biblische Israel in der Verbannung. Die Letzten waren sie da in der Hierarchie. Aber darum sollen sie sich nicht scheren, da es doch Gott ist, der sie beim Namen ruft. Sein Ruf gibt ihnen die Freiheit. Zu ihm gehören sie. Sie sind nicht abhängig von dem, was die andern sagen. Keine Sklaven ihres Rufs bei den andern.

Von Gott beim Namen gerufen, das ist so etwas wie eine unsichtbare Aura, ein Schutzversprechen gegen alle Demütigungen, die einem Menschen widerfahren können. Und das verbindet Kevin und Justin jedenfalls mit Tom und Jannik und auch mit Karl Theodor Friedrich Wilhelm Justus Friedeberg – sie sind wie wir alle von Gott beim Namen gerufen. Sind niemals bloß „Geringverdiener“ oder „Siegertyp“. Sind immer Menschen mit einer einzigartigen Identität: „So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Was immer auch über dich gesagt wird, hat der Gott, der dich geschaffen hat, schon längst überholt.  

 

Zur Autorin:

Pfarrerin. i.R.Angelika Obert (Jahrgang 1948) war von 1993 - 2014 Rundfunk- und Fernsehbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb). Nach dem Studium der Evangelischen Theologie und der Germanistik besuchte sie eine Schauspielschule, bevor sie Pfarrerin wurde. Als Autorin gestaltet sie auch Sendungen für den Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur.