Behörden stoppen Komödie auf Kurdisch | Europa | DW | 15.10.2020
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Türkei

Behörden stoppen Komödie auf Kurdisch

Kurdische Kunst hat einen schweren Stand in der Türkei - willkürliche Verbote sind an der Tagesordnung. Eine Behördenanordnung gegen das Theaterstück "Bêrû" sorgt nun für eine Solidaritätswelle.

Alles sei ganz schnell gegangen, berichtet der kurdische Regisseur Nazmi Karaman. Plötzlich habe die Polizei vor der Tür gestanden und sie mussten das Theater verlassen. "Das Theaterstück wird in der Türkei seit drei Jahren aufgeführt. Nie haben die Behörden etwas daran auszusetzen gehabt, doch plötzlich haben sie wohl ihre Meinung geändert", klagt der Regisseur des kurdischen Stücks "Bêrû" - zu Deutsch: "Gesichtslos". Kurz vor der ersten Aufführung im Istanbuler Stadttheater - Istanbul Belediyesi Sehir Tiyatroları - wurde das Werk am Dienstag vom Ortsvorsteher des Stadtteils Gaziosmanpasa verboten, weil es "die öffentliche Ordnung stört".

Nazmi Karaman

Regisseur Karaman: "Plötzlich stand die Polizei vor der Tür"

Bei der Kommödie, die von der kurdischen Künstlergruppe "Teatra Jiyana Nû" aufgeführt werden sollte, handelt es sich um eine Übersetzung des Stücks "Hohn der Angst" des italienischen Theaterautors Dario Fo. Bereits seit drei Jahren wird das Stück des Nobelpreisträgers in der Türkei und im Ausland aufgeführt.

Für das Stadttheater in Istanbul wäre es trotzdem eine Premiere gewesen. In seiner 106-jährigen Geschichte gab es dort bislang noch keine kurdischsprachige Aufführung. "Für uns und für die Gesellschaft wäre das ein wichtiges Signal gewesen", beklagt Regisseur Karaman.

"Alles wie eine Tragikomödie"

Für Karaman hat das Verbot des Zweiakters etwas von einer Tragikomödie. "Ob in Diyarbakır, in Van oder in Batman, in diesen kurdisch besiedelten Gegenden war es üblich, dass man bei der Polizei die Texte einreicht. Die Polizisten kommen anschließend vorbei, gucken sich die Aufführung an und drehen alles mit. Dann wird eine Erlaubnis ausgestellt. Nie gab es mit dieser Prozedur Probleme."

Kurz bevor der Ortsvorsteher das Verbotsverfahren eingeleitet hat, war in der regierungsnahen Zeitung "Aydinlik" ein Artikel erschienen mit dem Titel "Von Istanbuler Stadtbühne zur PKK-Theatergruppe" - eine Polemik, die das Theater in die Nähe der kurdischen Terrormiliz PKK rückt. Schön häufiger hätten sie schlechte Presse gehabt. Man habe das aber stets ignoriert, sagt der Regisseur.

Solidarität für die Schauspieler

Der Gouverneur von Istanbul, Ali Yerlikaya, begründete das Verbot damit, dass das Stück überprüft werden müsse. Es gebe den Vorwurf der "PKK-Propaganda". Der sozialdemokratische Bürgermeister von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, solidarisierte sich mit den Künstlern. "Dario Fos Stück wurde von staatlichen Theatern bereits mehrfach auf Türkisch gespielt. Nun wird es eben auf Kurdisch gespielt. Wo liegt der Unterschied?".

Auch in den sozialen Medien erhielten Karaman und die Schauspieler unter dem Hashtag #KürtçeTiyatroEngellenemez (Das Kurdische Theater lässt sich nicht aufhalten) zahlreiche Solidaritätsbekundungen.

"Kurdische Kultur- und Kunstaktivitäten werden auf unterschiedlichste Weise unterdrückt", kritisiert Özkan Küçük. Er ist der Repräsentant der "Susma-Plattform" in Diyarbakır, einem Forum gegen Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Kultur, Kunst und Medien. Küçük spricht von einer gefährlichen Entwicklung.

In den vergangenen fünf Jahren seien kurdische Kunstveranstaltungen immer häufiger zensiert worden. "Die Kurdische Sprache steht systematisch unter Druck. Es geht aber nicht nur um die Sprache, sondern um die ganze Kultur. Das Verbot eines Theaterstücks im Herzen Istanbuls ist ein Vorfall, den man in den kurdischen Provinzen ständig erlebt", so Küçük.

"Bêrû" kein Einzelfall

Küçük erinnerte auch an einen Vorfall, als zuletzt zwei Musiker bei einer Hochzeit in der südostanatolischen Stadt Sanliurfa auf Kurdisch gesungen haben und deshalb wegen "Propaganda für eine terroristische Organisation" festgenommen wurden. "Heute ist es schon so weit, dass ein Ortsvorsteher eines Bezirks Sprachen verbieten kann." Es komme ihm vor, dass versucht werde, die Kurdische Sprache auszulöschen.

Ekrem Imamoglu

Bürgermeister Imamoglu: "Wo liegt der Unterschied?"

In der jüngsten Vergangenheit gab es weitere Fälle, in denen kurdische Kultur- und Kunstveranstaltungen zensiert wurden: Die Istanbuler Bilgi-Universität ließ im Jahr 2017 die "Kurdische Theaterkonferenz von gestern bis heute" verbieten, so dass die Veranstaltung in die Istanbuler Boğaziçi Universität umziehen musste.

Rewşan Apaydın

Schauspielerin Apaydin: "Immer mehr Intoleranz"

Der Oberste Rundfunk- und Fernsehrat (RTÜK) ließ im Jahr 2018 die Sendung "Cevdet Gülbay ile Govend Show" verbieten, die vom türkischen Sender Yasam TV ausgestrahlt wird. Der Fernsehsender wurde mit umgerechnet 1400 Euro und fünf Programmaussetzungen sanktioniert. Vorausgegangen war eine Beschwerde, in der festgestellt wurde, dass ein Teilnehmer der Sendung auf Kurdisch grüßte; zudem habe er ein kurdischer Liedtext verwendet, der nicht offiziell übersetzt wurde.

Ebenfalls im Jahr 2018 erhielt der Kinderkanal Zarok TV eine Geld- und Programmstrafe, weil zwei Lieder, die auf Kurdisch ausgestrahlt wurden, als "terroristische Propaganda" eingestuft wurden. Im selben Jahr wurden Musiker festgenommen, weil sie bei einer Hochzeit in Izmir kurdische Musik gespielt hatten.

Die öffentlich-rechtliche Rundfunkgesellschaft TRT ließ wenig später 66 kurdische Lieder verbieten. 2019 wurden die "Kurdischen Theatertage" vom Gouverneur von Adana mit der Begründung verboten, dass die Veranstaltung "die öffentliche Sicherheit bedroht".

Regisseur: "Für die gesamte Kunst tut es mir leid"

"Die Intoleranz gegenüber der kurdischen Sprache und Kunst kommt immer mehr zum Ausdruck. Aber kurdische Kunst und kurdisches Theater können nicht verhindert werden. Wir werden unser Publikum mit unseren Stücken immer erreichen'', sagte Rewşan Apaydın, eine der fünf Schauspieler des verbotenen Theaterstücks "Bêrû".

Regisseur Nazmi Karaman betont, dass das Verbot nicht nur für ihn und seine Schauspieler ein Verlust wäre. "Für die gesamte Kunst tut es mir sehr leid", so der Regisseur. Er träume von einer Welt, in der es keine Zensur gegenüber dem Theater und anderen Kunstformen gibt.

Eine Sache mache seine Situation ein wenig erträglicher, sagt er: Nach der Verbotsentscheidung habe er zahlreiche Unterstützungsschreiben erhalten. Durch die große Solidarität habe er sich deutlich besser gefühlt.

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