Befreiung oder Besatzung? Ein Skandal in Sofia | Europa | DW | 09.09.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bulgarien

Befreiung oder Besatzung? Ein Skandal in Sofia

Eine Ausstellung aus historischem Anlass sorgt für Spannungen zwischen Bulgarien und Russland. Die Geschehnisse vor 75 Jahren und die darauffolgenden 45 Jahre sind in Bulgarien noch immer nicht richtig verarbeitet.

1944 Bulgarien | Pro-sowjet. bulgarische Soldaten (picture-alliance/akg-images)

Pro-sowjetische bulgarische Soldaten Anfang September 1944

 "Ein Fußgänger überquert eine gefährliche Kreuzung. Von rechts kommt ein brauner Opel mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zugefahren. Dann kommt plötzlich von links ein noch schneller fahrender roter Moskwitsch, der den Fußgänger auf der Stelle zum Krüppel und den braunen Opel zu Schrott fährt. Der Fußgänger bleibt 45 Jahre an den Rollstuhl gefesselt. Weitere 30 Jahre später veranstalten die neuen Besitzer des Moskwitsch eine Ausstellung unter dem Motto: Wie der Moskwitsch den Fußgänger vor dem Opel rettete." So bildhaft beschreibt der Politikwissenschaftler Daniel Smilov für die DW die dramatischen Entwicklungen in Bulgarien vor genau 75 Jahren - und ihr Echo heute.

Vom Faschismus befreit?

Am 5. September 1944 erklärte die Sowjetunion Bulgarien den Krieg. Die bis dahin sehr guten Beziehungen Bulgariens zu Deutschland wurden abgebrochen. Obwohl Sofia bereit war, Nazi-Deutschland den Krieg zu erklären, besetzte die Rote Armee am 8. September das Land. Am Tag darauf wurde die legitime bulgarische Regierung von ein paar Offizieren und Kommunisten weggeputscht. Das Land wurde für 45 Jahre ein treuer Satellit Moskaus. Bis zur politischen Wende 1989 lautete die offizielle Lesart der Geschichte in Bulgarien und in der Sowjetunion: "Die glorreiche Rote Armee hat Bulgarien vom Faschismus befreit".

Zum 75. Jahrestag der Ereignisse von 1944 wird das russische Kulturzentrum in Sofia am 9. September 2019 eine Ausstellung unter dem Titel "Die Befreiung Bulgariens" eröffnen. Diese Ausstellung sei der bulgarische Ableger der Ausstellung "75 Jahre seit der Befreiung Osteuropas vom Nazismus", so die Veranstalter. Das bulgarische Außenministerium fand dies allerdings gar nicht in Ordnung und veröffentlichte eine Protestnote in einer ungewöhnlich scharfen Tonlage: "Ohne den Beitrag der UdSSR zum Sieg gegen den Nazismus in Europa in Frage zu stellen, dürfen wir unsere Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass die Bajonette der Sowjetarmee ein halbes Jahrhundert lang in Osteuropa nur für Repressalien, Unterdrückung des bürgerlichen Gewissens, Deformierung der wirtschaftlichen Entwicklung und Isolierung von den dynamischen Entwicklungen in den fortgeschrittenen europäischen Staaten gesorgt haben." Das bulgarische Außenministerium fordert des Weiteren die russische Botschaft auf, "die fragwürdige historische These [der 'Befreiung'] nicht zu unterstützen".

An Russland scheiden sich die bulgarischen Geister 

Diese Reaktion kam für viele Beobachter ziemlich überraschend. Denn das EU- und Nato-Mitgliedsland Bulgarien handelt immer sehr vorsichtig gegenüber Russland. Dem letzten amtierenden bulgarischen Zaren Boris III., der 1943 nach einem Treffen mit Adolf Hitler unter mysteriösen Umständen starb, wird ein Satz zugeschrieben, der für viele Bulgaren bis heute seine Gültigkeit behält: Bulgarien müsse "immer mit Deutschland und nie gegen Russland" sein. Bis zum heutigen Tage ist die Einstellung der bulgarischen Bevölkerung gegenüber Russland dramatisch gespalten. Die aktuelle Regierung in Sofia unterstützt zwar die EU-Sanktionen gegen Moskau, gleichzeitig aber liebäugelt sie mit russischen Energieprojekten im Land und behält Distanz zu den Anschuldigungen der westlichen Staaten gegenüber Moskau wegen des Attentats auf den Agenten Skripal in England. Die Regierenden in Moskau haben in den letzten Jahren mehrfach darauf hingewiesen, dass sie von Sofia keine unfreundlichen Gesten erwarten.

1944 Bulgarien | Bewohner Sofias begruessen Sowjets (picture-alliance/akg-images)

Sofia im September 1944 - umjubelter Empfang der Sowjetarmee

Nach der Note des bulgarischen Außenministeriums gab es eine entsprechende Reaktion auf russischer Seite. Der wissenschaftliche Leiter des Russischen Kriegshistorischen Museums, Michail Myagkow, erklärte gegenüber der amtlichen russischen Presseagentur TASS, die Führungseliten in Bulgarien würden versuchen, die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges zu vergessen und die Rolle der Sowjetunion als Befreier Bulgariens vom Nazismus zu relativieren. Der russische Senator Wladimir Dschabarow setzte sogar noch einen drauf. Die Vorwürfe, Moskau habe ein Besatzungsregime in Bulgarien installiert, seien inakzeptabel, sagte er gegenüber dem russischen Sender RT-TV. Der bulgarische Präsident müsse reagieren, so Dschabarow.

Bulgarien als 16. Republik der UdSSR? 

Das sehen bulgarische Historiker ganz anders. In einem DW-Interview spricht Ljudmil Spassov, Professor an der Universität zu Plovdiv, von einer sowjetischen Besatzung des Landes: "In den folgenden fast 50 Jahren nach 1944 regierten in Bulgarien Moskau-Marionetten, die mehrfach selbst die Existenz des bulgarischen Staates in Frage stellten. Ich meine die Versuche, Bulgarien als siebte Republik an Jugoslawien oder als 16. Republik an die UdSSR anzugliedern."

Kalin Yanakiev, Professor an der Universität zu Sofia, kritisiert auch die Ressentiments vieler Bulgaren, die die Ereignisse nach dem 9. September 1944 falsch interpretierten: "Im Vergleich zu anderen Ländern, wie Polen, Tschechien oder Ungarn, ist in Bulgarien die sowjetische Aggression immer noch nicht verarbeitet. Viele Menschen empfinden immer noch eine Nostalgie gegenüber dem 'Sozialismus', es wird immer noch darüber gestritten, was genau die Schüler über diesen erbärmlichen und erniedrigenden Zeitabschnitt in der bulgarischen Geschichte lernen sollten."

Die russische Ausstellung in Sofia wird plangemäß an diesem Montag eröffnet. Und im Oktober finden in der bulgarischen Hauptstadt Bürgermeisterwahlen statt. Die rechtskonservative Regierung von Boiko Borissow will auf jeden Fall die eigene Kandidatin Jordanka Fandakowa wiedergewählt sehen. Dafür wäre eine Konsolidierung der russland-skeptischen Wähler nützlich, kommentiert der Politikwissenschaftler Daniel Smilov gegenüber der DW. Die von den Sozialisten unterstützte Kandidatin Maya Manolowa gilt als russland-freundlich. Die scharfe Note des bulgarischen Außenministeriums könnte vor diesem Hintergrund als Unterstützung der Borissow-Kandidatin gelten, so Smilov.

Die Redaktion empfiehlt