Beethoven: 250 Klavierstücke als Geburtstags-Glückwunsch | Musik | DW | 13.09.2020
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Beethoven 2020

Beethoven: 250 Klavierstücke als Geburtstags-Glückwunsch

Komponist*innen aus 47 Ländern haben Beethoven mit kleinen Kompositionen zum Geburtstag gratuliert. Das Projekt der Pianistin Susanne Kessel schlägt Wellen.

Pianistin Susanne Kessel sitzt an ihrem Flügel und lächelt in die Kamera. (D. Kremser)

Susanne Kessel

Kai Schumacher hat "A little moonligth music" für die Pianistin Susanne Kessel komponiert, mit dissonanten Akkorden, die wie ein Gewitter über zarte Anklänge einer romantischen Mondnacht ziehen. Loy Wesselburg will in seinem Werk "Beethoven transforming gaps" die Stille zwischen den Klängen hörbar machen. Smail Benhouhou baut Anklänge aus seiner Heimat Algerien in seine Komposition ein und Peter Michael Hamel unterlegt Teile von Beethovens Neunter Sinfonie mit einem indischen Raga.

All diese Stücke sind Teil des großen Musikprojektes "250 piano pieces for Beethoven", das die Bonner Pianistin Susanne Kessel 2013 initiiert hat. Ausgewählte Musiker*innen aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Genres wie der Neuen Musik, Jazz, Musiktheater oder Film hat sie gebeten, ein Klavierstück zu Beethovens 250. Geburtstag zu schreiben. Schließlich war Beethoven nicht nur Komponist, sondern auch ein gefragter Pianist, bevor er sich im Zuge seiner Ertaubung ganz der Komposition widmete.

Kammermusiksaal des Beeethoven Hauses mit Publikum auf Abstand. Susanne Kessel am Flügel (David Kremser)

Von den 250 Klavierstücken für Beethoven spielt Susanne Kessel aus dem neusten Notenband im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses

Auch Kinderkomponist*innen aus Nachwuchsschmieden haben bei dem Projekt mitgemacht. Am Ende sind es insgesamt sogar mehr als 250 Stücke aus 47 Ländern geworden, die sich mit Beethovens Werken, mit seinen Schriften oder seiner Taubheit musikalisch auseinandersetzen. Dabei ist kein Werk länger als die längste Bagatelle von Beethoven, die gerade mal vier bis fünf Minuten dauert.

"Es hat niemand geglaubt, dass ich das schaffe"

Egal wie schwierig und kompliziert die Werke auch sind, Susanne Kessel spielt sie alle und bringt sie zur Uraufführung. Außerdem hat sie zu den Kompositionen noch zehn Notenbände herausgegeben - und das am Anfang ohne jede finanzielle Unterstützung von öffentlichen Institutionen.

"Es hat niemand geglaubt, dass ich das schaffe, so viele Stücke zu bekommen und sie dann auch noch zu spielen und zu verlegen", erzählt die Pianistin im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Das hat ja noch nie jemand gemacht in diesem Umfang."

Pianistin Susanne Kessel und Nicolaus Anton Huber, der ins Mikrofon spricht. (privat )

Susanne Kessel mit dem Komponisten Anton Huber bei der Uraufführung seines Stückes "Ludwigs Lust" im Juni 2020

Immerhin hat die Beethoven Jubiläumsgesellschaft BTHVN 2020 einen Teil ihrer Ton-Aufnahmen am Ende als Eigenprojekt finanziell unterstützt. Aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Seit sieben Jahren arbeitet Susanne Kessel unermüdlich für ihr unabhängiges privates Musikprojekt. Es basiert auf der Idee, Beethoven im seinem Jubiläumsjahr mit kleinen Musikstücken aus dem 21. Jahrhundert zu gratulieren. Alle Komponist*innen haben auf eine Bezahlung für ihre Werke verzichtet.

Beethoven im 21. Jahrhundert

Bei dem "Veröffentlichungskonzert" im Kammermusiksaal des Bonner-Beethovenhausesspielte Susanne Kessel Stücke aus dem 10. und letzten Notenband, der gerade fertig geworden ist. Den Druck bei einem Londoner Verlag haben interessierte Bürger*innendurch Spenden finanziert, indem sie Patenschaften für die Musikstücke übernommen haben.

Wie etwa für Odeya Ninis "Shift in Tonal Centers", das Susanne Kessel im Bonner Konzert uraufgeführt hat. Die Sängerin und Ausdruckstänzerin aus den USA hat sich von der Musik des Nahen Ostens inspirieren lassen und eine Improvisationsvorlage zu Beethovens berühmtem Klavierstück "Für Elise" vorgelegt.

Dabei gehörte Beethoven eigentlich nicht zu ihrem Repertoire. Über Wikipedia hat sie sich erst einmal schlau gemacht - über den Werdegang des berühmten Komponisten und seine ausgefeilte Kompositionstechnik.

Der Flügel auf dem Susanne Kessel 250 piano pieces gespielt hat (DW/G. Reucher)

Vor der Aufführung ausgewählter Klavierstücke im Beethoven-Haus Bonn

Gerade solche Komponisten waren Susanne Kessel wichtig. "Ich wollte neben bekannten Namen auch Komponist*innen ansprechen, die vielleicht nie im Zusammenhang mit Beethoven gefragt werden." So wie auch den früheren Berliner Punk-Sänger Wolfgang Müller, der für das Projekt ein Stück mit Gebärdensprache komponiert hat.

Für die Aufführung musste Susanne Kessel die Wörter für verschiedene Tiere in Gebärdensprache lernen, um so mit stummen Worten das Publikum zu beschimpfen, wie es auch Beethoven zuweilen getan hat, allerdings nicht in Gebärdensprache, sondern lautstark mit Worten. "Dazwischen habe ich dann stümperhaft Etüden gespielt, also quasi geübt", erzählt sie. Das sei alles gar nicht so einfach gewesen. "Es ist ein Hinweis des Künstlers darauf, dass die Gebärdensprache genauso geübt werden muss, wie Klavierspielen."

Komponisten aus aller Welt 

Nino Tiro von den Philippinen hat dagegen in seiner "Phantasie für Ludwig" ein scheinbar leicht von der Hand gehendes, wohlgefälliges Stück zu Beethovens Bagatelle "Für Elise" komponiert - von Susanne Kessel ausdrucksstark und virtuos gespielt. Nino Tiro hat Komposition bei einem deutschen Professor in seiner Heimat studiert, so kam der Kontakt zustande. Susanne Kessel, die sich seit über 40 Jahren mit Neuer Musik beschäftigt, musste sich für jedes Stück mit anderen Genres und Kulturen auseinandersetzen und oft auch mit den sehr unterschiedlichen Notenschriften der Komponist*innen vertraut machen.

Beethovenstatue mit Mundschutz (Imago Images/R. Unkel)

Wegen Corona konnte auch Beethoven nicht mehr in großen Konzerten gehuldigt werden

Vor der Corona-Pandemie waren bereits 150 Komponist*innen bei den Uraufführungen ihrer Stücke zu Gast, jeweils präsentiert von Susanne Kessel. Sie konnten ihre Stücke dem Publikum noch persönlich erläutern. Doch nach dem Corona-Lockdown waren große Konzerte mit viel Publikum in Deutschland untersagt. Kessel hat sich deshalb auf kleinere Privatkonzerte beschränkt. Nur vereinzelt können noch Komponist*innen aus der Region dazu kommen.

Die großen "Party-Konzerte" mit regem Austausch zwischen Komponist*innen und Zuschauern, wie es zur Fertigstellung des 10. Notenbandes ursprünglich geplant war, will die Pianistin aber auf jeden Fall nachholen.

250 piano pieces for Beethoven - ein Lebenswerk

Susanne Kessel hat über die Jahre viele spannende und schöne Begegnungen durch ihr ambitioniertes Projekt erlebt. "Da gab es aus Armenien einen sehr begabten 13-jährigen Jungen, der eigens zur Uraufführung her geflogen kam mit seiner Mutter. Das war ein toller Moment."

Auch für den Jungen selbst, der sich stolz zwischen den erwachsenen Komponist*innen mit seiner Musik präsentieren konnte. "So stelle ich mir als Musikerin eine echte Geburtstagsfeier vor: Dass man nicht nur den Komponisten ehrt, sondern auch sich selbst vorstellt mit einem kreativen Beitrag."

Cover der CD von Susanne Kessel. (DW/G. Reucher)

Zehn Notenbände mit je 25 Stücken und eine CD gibt es jetzt zu Susanne Kessels Musikprojekt. Weitere CDs werden folgen.

Mit dem 10. Notenband, der im Oktober veröffentlicht wird, ist für Susanne Kessel der größte Teil der Schreibtischarbeit mit Skript-Korrekturen und Verlegerarbeit  abgeschlossen. Bis zu Beethovens Geburtstag am 17. Dezember  stellt die Pianistin in einem allabendlichen "Marathon" noch über Facebook ihre Komponist*innen vor. Auch einige Uraufführungen liegen noch vor ihr.

Die "250 piano pieces for Beethoven" seien ihr Lebenswerk, sagt sie. "Es war die tollste Zeit meines Lebens." Sie habe sich gefühlt wie Beethoven, weil sie lauter musikalische Geschenke bekommen habe. "Ich werde mein Leben lang eine Auswahl dieser Stücke im Konzert spielen, egal wo ich eingeladen werde. Ich bin ihre Botschafterin."

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