Jeder kann Siegfried sein: Bayreuther Festspiele 2021 | Kultur | DW | 24.07.2021
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Bayreuther Festspiele

Jeder kann Siegfried sein: Bayreuther Festspiele 2021

An diesem Sonntag starten die Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth. Nach der Absage 2020 sind die Erwartungen groß. Auch die Bundeskanzlerin ist zu Gast.

Bayreuther Festspielhaus

Auch 2021 ist kein einfaches Jahr für für die Bayreuther Festspiele

Am 25. Juli geht es traditionsgemäß wieder los - im Gegensatz zum Jahr 2020, als das Festival abgesagt werden musste.

Auch wenn der Besuch der Premiere der Bayreuther Festspiele 2021 am Sonntagabend der letzte große gesellschaftliche Auftritt der Kanzlerin Angela Merkel ist: Einen roten Teppich wird es dieses Jahr nicht geben. Das wäre weder coronakonform, noch der Situation angemessen, so Benedikt Stegmayer, Referent für Kultur und Tourismus der Stadt Bayreuth.

Angela Merkel mit Ehemann Joachim Sauer in Bayreuth.

Angela Merkel mit Ehemann Joachim Sauer in Bayreuth 2005.

"Für die Bayreuther Festspiele 2021 gibt es ein Hygienekonzept, welches den reibungslosen Ablauf der Veranstaltungen garantieren soll", so die Festspielleitung. Rein darf nur, wer komplett geimpft, getestet oder genesen ist. Zudem gilt die Pflicht, eine FFP2-Maske zu tragen.

Premiere: "Der fliegende Holländer"

Das Festival wird mit einer Premiere eröffnet: dem "Fliegenden Holländer". Die Sturm-und-Drang-Oper des jungen Richard Wagner wird von dem russischen Starregisseur Dmitri Tcherniakov inszeniert. Tcherniakov revolutionierte die russische Opernszene und ist auch international als Wagner-Fachmann anerkannt.

Oksana Lyniv und Dmitri Tcherniakov

Eingespieltes Paar: Oksana Lyniv und Dmitri Tcherniakov haben schon in München zusammen gearbeitet

"Dieser Komponist und seine Werke sind absolut anders als alle anderen", so Tcherniakov im DW-Gespräch. "Um einen Wagner zu inszenieren, muss man eine Art Psychose, einen Nervenzusammenbruch erleben. Nur wenn du dein Blut, dein Fleisch auf seinem Altar opferst, ist eine Annäherung möglich." Als Senta wird die lettisch-armenische Sopranistin Asmik Grigorian, die schon bei den Salzburger Festspielen gefeiert wurde, zu erleben sein - eine Sängerin mit Tiefgang und Charisma. 

Oksana Lyniv: Erste Frau am Pult

Die größte öffentliche Aufmerksamkeit gilt aber vor allem der ukrainischen Dirigentin Oksana Lyniv, die als erste Frau am Pult des Festivals stehen wird. "Richard Wagner hat den Frauen in seinen Opern tragende, handlungsweisende Rollen auf den Leib geschrieben, sie eigentlich extrem emanzipiert dargestellt", so Lyniv. "Deshalb glaube ich, dass er auch stolz wäre, dass nun fast 140 Jahre nach seinem Tod erstmals eine Frau seine wunderbare Musik am Pult zum Leben erweckt."

Darüber hinaus stehen die Wiederaufnahmen der Opern "Tannhäuser" in der Inszenierung von Tobias Kratzer und mit Axel Kober als Dirigenten sowie die gefeierten "Meistersinger von Nürnberg" von Barrie Kosky auf dem Spielplan, dirigiert von Philippe Jordan. Insgesamt sind bis Ende August 23 Opernaufführungen und zwei Konzerte (mit dem Stardirigenten Andris Nelsons) im Festspielhaus geplant.

Bayreuther Festspiele: Chorsaal mit coronakonformen, durchsichtigen Einzelkabinen

Sicheres Singen: der Bayreuther Chorsaal

Alle Beteiligten stellen sich dabei großen Herausforderungen wie Einhaltung von strengsten Hygieneregeln und täglichen Testungen. Für die großen Ensemble-Szenen, ohne die es bei Wagner bekannterweise nicht geht, wurde eine besonders kreative Lösung gefunden: Der Festspielchor ist in der vollen Stärke von 140 Personen engagiert worden. Bei den Aufführungen werden jeweils 70 Chormitglieder stumm auf der Bühne agieren, währen die anderen 70 Sänger aus dem Chorsaal zugeschaltet werden. Gesungen wird aus extra eingerichteten Einzelkabinen (siehe Bild).

"Walküre" mit Hermann Nitsch und viel Experiment

Einen trifft die Pandemie besonders hart: den jungen deutschen Regisseur Valentin Schwarz. Seine Inszenierung von Wagners zentralem Werk, der Tetralogie "Der Ring des Nibelungen", hat sich um gleich zwei Jahre verschoben und wird voraussichtlich erst 2022 auf dem Grünen Hügel zu erleben sein.

Aktionskünstler Hermann Nitsch

Bekennender Wagner-Fan: Aktionskünstler Hermann Nitsch

Als Vorläufer des neuen "Rings" wird 2021 eine der vier Opern, die "Walküre", halbkonzertant aufgeführt: Während der musikalische Part von dem neuen "Ring"-Ensemble unter dem Dirigenten Pietari Inkinen gestaltet wird, begleitet der österreichische Künstler Hermann Nitsch Wagners Musik mit einer Malaktion auf der Bühne. "Es ist nicht so, dass ich eine Inszenierung aufbaue, die der 'Walküre' entspricht", kommentiert Nitsch seine Absichten. "Ich werde eine Malaktion durchführen, die wohl indirekt mit der farbenprächtigen, breit ausladenden Musik von Richard Wagner zu tun hat." Der 1938 geborene Nitsch gilt als Mitbegründer des Wiener Aktionismus, berühmt wurde er Ende der 1960er-Jahre durch das Gesamtkunstwerk "Orgien-Mysterien-Theater".

Die Aufführungen der "Walküre" werden eingerahmt durch Auftragswerke in verschiedenen Kunstrichtungen, die, so die Idee von Katharina Wagner, "alle Teile des 'Ring des Nibelungen' spiegeln, kommentieren, fortschreiben oder neuartig erlebbar machen." So gibt es "Rheingold" als Puppenspiel von dem jungen Österreicher Nikolaus Habjan (und in neuer musikalischer Deutung von Gordon Kampe). Der Amerikaner Jay Scheib geht "Siegfried" multimedial an, die Japanerin Chiharu Shiota wartet mit einer "Götterdämmerung"-Installation auf.

Gestärkt aus der Krise?

Die Bayreuther Festspiele haben schon so manche Krise überstanden. Richard Wagners gewagtes Projekt, ein Festival nur mit seinen eigenen Werken zu veranstalten, ging gleich nach dem ersten Durchlauf im Jahre 1876 pleite und konnte erst 1882 wiederbelebt werden. Auch die beiden Weltkriege Anfang des 20. Jahrhunderts und die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre machten den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung: 1882 bis 1944 fielen die Festspiele insgesamt 16 Mal aus.

Bayreuther Festspiele 2017, Die Meistersinger von Nürnberg: Massenszene in Kostüm

Dieses Jahr wird entweder gesungen oder gespielt: Szene aus "Die Meistersinger von Nürnberg" bei der Premiere 2017

Wie Katharina Wagner bekanntgab, soll in diesem Jahr "jeder die Möglichkeit haben, sich selbst als der junge Siegfried zu fühlen und eine Begegnung mit einem Drachen zu erleben". Indirekt kann man wohl den Drachenbewältigung als Kampf gegen das Virus interpretieren, der nur gemeinsam zu gewinnen ist. Im Idealfall kommt man gestärkt und weiser auch aus dieser Krise.

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