Barré-Sinoussi: ″Wir schenken Aids immer weniger Beachtung″ | Wissen & Umwelt | DW | 23.07.2015
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Wissen & Umwelt

Barré-Sinoussi: "Wir schenken Aids immer weniger Beachtung"

Es hat sich viel getan in der Aids-Forschung, aber es muss auch noch viel passieren, sagt Françoise Barré-Sinoussi im Interview. Besonders in wohlhabenden Ländern bekomme HIV wenig Beachtung, so die Nobelpreisträgerin.

DW: Hat HIV/Aids Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren seinen Schrecken verloren?

Françoise Barré-Sinoussi: Wir schenken dieser Erkrankung immer weniger Beachtung - vor allem in den reichen Ländern. Dort herrscht mittlerweile die Ansicht, dass es Patienten, die mit entsprechenden Medikamenten behandelt werden, gut geht und dass sie eine ähnliche Lebenserwartung haben wie gesunde Menschen.

Aber genau diese Wahrnehmung ist der Grund dafür, dass sich wieder mehr Menschen anstecken - vor allem unter den Homosexuellen in Europa und den USA. Außerdem beobachten wir langfristig, dass je nach Land bei 25 bis 60 Prozent aller Patienten, die in einer Langzeitbehandlung sind, die HI-Viren nicht unterdrückt werden, weil sie die Behandlung nicht richtig durchziehen.

Françoise Barré-Sinoussi. (Foto: Zulfikar Abbany).

Barré-Sinoussi: Wichtige Behandlung ist nicht für alle zugänglich

Ich frage Menschen gern, in welchen Gegenden die Unterdrückungsrate nur bei 25 Prozent liegt. Alle antworten: Afrika. Aber es ist in Washington D.C., in den USA. Die Linie verläuft also nicht zwischen armen und reichen Ländern. Es geht darum, wie gut der Zugang zur Behandlung ist. In den USA sind von HIV hauptsächlich sogenannte Minderheiten betroffen, und diese Minderheiten haben dort nicht den ganzen Zugang zu kostenfreien Behandlungen, und es gibt auch keine Kontrolle darüber, ob sie die Behandlung auch durchziehen.

In meinem Heimatland Frankreich liegt die Rate von Patienten, bei denen die Viren langfristig unterdrückt werden, bei 60 Prozent. Aber auch das ist nicht genug. Und in Frankreich - oder Australien, wo diese Rate auch bei 60 Prozent liegt - kostet die Behandlung nichts. Wenn Sie mit den Patienten über die Behandlung sprechen, merken Sie, dass es eben nicht nur eine Frage des Geldes ist. Die Behandlung über eine lange Zeit durchzuführen, das ist schwierig.

Aber für viele Pharmakonzerne ist Geld doch eine entscheidende Frage. Wäre es nicht hilfreich, wenn man bestimmte Forschungsfelder - wie HIV-Forschung - von allen wirtschaftlichen Zwängen befreit? So würde man die Konkurrenz um den Profit stoppen, wenn es um Forschung geht, die der allgemeinen Gesundheit dient.

Das ist eine Frage an die Pharmakonzerne und nicht an mich. Aber die werden sicherlich sagen, dass das unmöglich ist, weil sie dann nicht überleben könnten. Und wenn sie nicht überleben, gibt es auch keine Entwicklungen von ihrer Seite mehr - und das hieße keinen gesundheitlichen Nutzen.

Aids Viren. (Foto: Hans Gelderblom/Robert Koch Institut).

Barré-Sinoussi bekam ihren Nobelpreis für die Entdeckung des HI-Viruses

Es kommt also letztlich wirklich auf die Pharmakonzerne an?

Ja, denn wir Akademiker können keine neuen Medikamente entwickeln. Wir haben nicht das Wissen dafür. Ich kenne keinen Forscher aus dem wissenschaftlichen Bereich, der das könnte. Es ist nicht unsere Aufgabe. Es geht hier nicht um Forschung, sondern um Produktion in der Medizin. Damit kennen wir uns nicht aus.

Aber Menschen wie Mitchell Warren von AVAC (Anm. der Red.: internationale Non-Profit-Organisation zur Mobilisierung der Bereitstellung von Aids-Impfstoffen und anderen neuen HIV-Präventions-Optionen) sagt, die beste Impfung der Welt ist nutzlos, wenn die Menschen sie nicht nutzen.

Ich stimme Mitch da vollkommen zu. Das gleiche gilt für Behandlungen. Wenn man als Wissenschaftler merkt, dass die eigenen Forschungsergebnisse nicht umgesetzt werden, in einer Weise, die Patienten direkt hilft - dann wird man Aktivist. Das ist schließlich völlig inakzeptabel!

Wir müssen eine Lösung finden. Die Pharmakonzerne sollten irgendwie reguliert werden. Hepatits C ist ein gutes Beispiel. Wir können Hepatitis C heilen, aber die Behandlung ist zu teuer - das ist inakzeptabel. Politiker müssen dafür kämpfen, die Preise für Medikamente zu regulieren. Und das sollte auf der internationalen Ebene stattfinden, nicht nur in Europa oder den USA. Aber wir brauchen immer noch Menschen, die sich damit auskennen, wie man diese Medikamente oder Impfstoffe entwickelt und produziert. Die sollten selbstverständlich auch bezahlt werden, schließlich ist es viel Arbeit und sie geben ja auch Geld dabei aus. Aber es muss eine Obergrenze bei diesen Preisen festgelegt werden.

Professor Doktor Françoise Barré-Sinoussi gewann gemeinsam mit Luc Montagnier 2008 den Medizinnobelpreis für die "Entdeckung des HI-Virus". Sie ist emeritierte Professorin am Institut Pasteur, einem Grundlagenforschungszentrum in Paris, und emeritierte Forschungsdirektorin am Inserm, dem nationalen Gesundheitsforschungsinstitut Frankreichs.

Das Interview führte Zulfikar Abbany.

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