Baha Güngör gestorben | Aktuell Europa | DW | 23.11.2018
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In eigener Sache

Baha Güngör gestorben

Seine Stimme blieb moderat - auch wenn die Analyse messerscharf war. Der langjährige Redaktionsleiter der türkischen DW-Redaktion konnte Brücken bauen. DW-Intendant Limbourg würdigte ihn als Mahner und Ratgeber.

Er war ein großer Erklärer - und er besaß das Talent, so zu erklären, dass sich seine Zuhörer nicht belehrt, sondern bereichert fühlten. Gerade in den vergangenen Monaten, als vieles, was am Bosporus geschah, in der EU und besonders in Deutschland auf wachsendes Unverständnis stieß, war dieses Talent wieder besonders gefragt.

Und Baha Güngör stellte sich der Aufgabe: als Buchautor über "Atatürks wütende Enkel" - so der Titel eines seiner letzten Bücher - und als Interviewpartner, der Fernsehzuschauern und Radiohörern, Leserinnen und Lesern die Hintergründe zu den Schlagzeilen lieferte, der analysierte und dabei auch den Finger in die Wunde legte, wenn er etwa fragte: "Welche Mitverantwortung trägt der Westen am Zustand der türkischen Demokratie?"

Drei Tage im Zug

Baha Güngör war als Elfjähriger nach "Almanya", nach Deutschland, gekommen. Nach dreitägiger Fahrt, die am Bahnhof in Istanbul begonnen hatte, stieg er im äußersten Westen Deutschlands, in Aachen, aus dem Zug. Diese Stadt wurde sein Zuhause. Dort studierte er auch Betriebswirtschaftslehre, ehe er sich dem Journalismus zuwandte. Er war der erste türkische Zeitungsvolontär, der in Deutschland ausgebildet wurde.

Baha Güngör verstorben (imago/ZUMA Press/S. Babbar)

Journalist, Buchautor, Brückenbauer: Baha Güngör (hier im Mai auf einer Veranstaltung in München)

In den 1980er-Jahren ging Güngör als Korrespondent in das Land seiner Geburt. Er berichtete aus Istanbul und Ankara für die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (WAZ) und später für die Deutsche Presse-Agentur. So sah er sein Herkunftsland noch einmal neu: mit dem Blick des professionellen Beobachters.

Dieser Perspektivwechsel war seine Gabe - und zugleich sein Schicksal. Auch nach 57 Jahren in beiden Kulturen und Traditionen fühlte sich der bekennende Fan des 1. FC Köln oft "wie im Niemandsland". Das beschreibt auch der Titel seines Buches "Hüzün ... das heißt Sehnsucht. Wie wir Deutsche wurden und Türken blieben."

Anerkennung auf Augenhöhe

Güngör besaß die Fähigkeit, beharrlich für eine Anerkennung auf Augenhöhe einzutreten - und bei offenkundigen Rückschlägen auf diesem Weg nicht zu verbittern. So, wie die Bosporus-Brücke den europäischen mit dem asiatischen Teil Istanbuls verbindet, war auch sein Verständnis als Journalist das eines Brückenbauers, der unterschiedliche Lebenswelten zusammenbringt.

Es war eine Aufgabe, die Zähigkeit verlangte - und bei der gewisse Erfahrungen sich ermüdend wiederholten. "Man muss sich heute immer rechtfertigen. Als Türke ist man in Deutschland immer noch fremd", sagte er 2011 in einem Interview. 2018, sieben Jahre später, kondensierte genau dieses Gefühl erneut in einer Debatte, die der Fußballer Mesut Özil angestoßen hatte.

"Einzigartig und immer inspirierend"

Wieder war Baha Güngör als der große Erklärer gefragt. Nach langen Jahren als Leiter der türkischen Redaktion der Deutschen Welle, wo er maßgeblich an der Digitalisierung des Medienhauses beteiligt war, schrieb er im Ruhestand über die Themen seines Lebens - und gab Interviews. So auch zum Fall Özil. Der Fußballweltmeister hatte sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren lassen. Daraufhin gescholten, fühlte er sich rassistischen Anschuldigungen ausgesetzt.

Eine Moderatorin des Westdeutschen Rundfunks fragte damals Baha Güngör: "Wann wird das Thema Integration abgeschlossen sein?" Seine Antwort weist über den Tag hinaus: "Wenn wir nicht mehr darüber reden, wenn das ganz normal ist, dass ein Baha Güngör irgendwo ist, ohne sich rechtfertigen zu müssen und identifiziert werden zu müssen über seine Religion - dann ist die Integration kein Thema mehr."

"Baha Güngör war für viele türkeistämmige Menschen ein Ansporn", sagt der jetzige Leiter der türkischen DW-Redaktion, Erkan Arikan. "Seine Expertise war einzigartig und immer inspirierend."

Güngör habe über viele Jahre die Berichterstattung der Türkisch-Redaktion der DW geprägt, erklärt DW-Intendant Peter Limbourg. Als "unermüdlicher Mahner" habe er politische Entwicklungen vorausschauend beobachtet und sie für seine Leser in den richtigen Kontext gesetzt. "Wir haben mit Baha Güngör einen weit über unsere Grenzen hinaus hoch geschätzten Kollegen und Freund verloren. Ich werde seine klugen Ratschläge vermissen. Unsere Trauer um Baha Güngör ist aber auch von Dankbarkeit geprägt für alles, was er uns hinterlassen hat."

Am Donnerstag ist der Journalist und Vater zweier Kinder nach schwerer Krankheit im Alter von 68 Jahren gestorben.

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