Gedenkstätte Auschwitz öffnet wieder für Besucher | Kultur | DW | 30.06.2020
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Erinnerungskultur

Gedenkstätte Auschwitz öffnet wieder für Besucher

Auch das Museum Auschwitz-Birkenau musste wegen der Corona-Pandemie schließen. Die Zeit diente der Instandhaltung. Ab 1. Juli öffnet es wieder für Besucher.

Wie viele Museen in Europa ist auch das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau im südpolnischen Oświęcim stark von der Corona-Pandemie betroffen. Ab dem 12. März 2020 blieb die internationale Gedenkstätte auf dem Gelände des früheren NS-Konzentrations- und Vernichtungslagers für Besucher geschlossen. Führungen konnten nicht mehr stattfinden. "Das Budget ist zusammengebrochen", hieß es in einem Spendenaufruf auf der Internetseite des Museums. "Wir wenden uns an alle, denen die Bewahrung der Erinnerung ein Anliegen ist."

Polen, Ausschwitz: Teil eines Stacheldrahtzauns mit Wachturm der KZ Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau (picture-alliance/dpa/A. Weigel)

Das Gelände des früheren NS-Vernichtungslager Auschwitz ist riesig: 191 Hektar umfasst die Gedenkstätte

Für die Finanzierung der aufwendigen Gedenkstättenarbeit sind die bezahlten Gruppenführungen, die in 19 Sprachen vorab im Internet gebucht werden können, existenziell wichtig. 328 Guides, die aus guten Gründen auf Deutsch nicht "Führer" genannt werden, sind als Honorarkräfte jeden Tag auf dem weitläufigen Gelände und im Museum eingesetzt. Seit der Schließung sind sie arbeitslos.

"Das hieß für viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte, dass sich für sie die Existenzfrage stellte", sagt Christoph Heubner, der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, im DW-Interview. "Und zwar im doppelten Sinne. Menschen aus der ganzen Welt kommen an diesen Ort, und die Guides sind der Kommunikator, der ihnen erklärt, was sie sehen - in einer heute fast idyllischen Landschaft."

Kontingentierung der Besucher

Mit der Wiedereröffnung am 1. Juli 2020 beginnt für das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau, das 1947 vom polnischen Parlament auf Initiative ehemaliger KZ-Häftlinge als Gedenkstätte eingerichtet wurde, eine neue Zeitrechnung. Der Publikumsverkehr und auch die Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museumsdienstes sind unter den Hygieneauflagen der Corona-Zeit stark reglementiert. 

Abstandsregelungen, Schutzmasken und ein vorgeschriebenes Einbahnstraßensystem auf dem Gelände gehören ab jetzt zum Standard. Mehr als 15 Personen sind in einer geführten Gruppe nicht mehr erlaubt. Das bedeutet eine Halbierung der wichtigen Einnahmen durch die separat gebuchten Führungen.

Aufkleber für eine Führung durch die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau auf Deutsch (DW/H. Mund)

Besucher bekommen für eine Führung durch die Gedenkstätte einen Aufkleber - in ihrer Landessprache

"Bisher war es so, dass die persönliche Online-Anmeldung die Voraussetzung dafür war, dass man bei der Masse der Besucher überhaupt die Möglichkeit hatte, an einer Führung durch die Gedenkstätte teilzunehmen", erläutert Christoph Heubner das System. "Jetzt ist die Online-Buchung einfach eine Kontingentierung der täglichen Besucher, damit nicht zu viele Menschen zum gleichen Zeitpunkt auf dem Gelände sind. Die Gedenkstätte hat sich ein klares Konzept überlegt, wie sie mit den Corona-Auflagen umgehen will."

Besuch der Gedenkstätte ist kostenlos

Eintritt kostet es nach wie vor nicht, die Gedenkstätte des früheren Nazi-Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zu besuchen. Das wäre - auch für die Museumsdirektion - ein Affront für die hochbetagten Holocaust-Überlebenden, die nach wie vor zu Gesprächen und persönlichen Begegnungen mit jungen Leuten ins Museum kommen.

Verfallene Lagerbaracken auf dem Gelände des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (DW/M. Oliveto)

Die Baracken und Krematoriumsbauten auf dem Gelände von Auschwitz-Birkenau verfallen allmählich

"Bisher ist die Gedenkstätte mit diesem Thema immer sehr zurückhaltend umgegangen", so Heubner. "Dies lag und liegt daran, dass es für die Überlebenden undenkbar ist, dass an diesem schrecklichen Ort Eintritt erhoben wird. Den Ort, an dem man sie geschunden und gequält hat, nach Zahlung eines Eintrittsgeldes zu 'besichtigen', würde Auschwitz in einer Weise musealisieren, die für sie unerträglich wäre."

Auch in der derzeit angespannten Finanzlage des Museums  sei es zu keiner Zeit eine Option gewesen, vorübergehend Eintrittspreise zu verlangen, erklärte Direktor Piotr Cywiński gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA). "Viele Programme und Investitionen mussten aber zurückgezogen oder auf kommende Jahre verschoben werden."

Stattdessen setze man auf ein freiwilliges Spendensystem. Jeder Besucher könne nach seinem Aufenthalt im Museum und dem Rundgang über das Gelände des früheren KZ Auschwitz-Birkenau den Betrag geben, der ihm angemessen erscheint. Außerdem tragen die Buchverkäufe der museumseigenen Publikationen zur Finanzierung bei.

Mit Namen beschriftete Koffer von Häftlingen in Auschwitz (DW/J. Hahn)

Habseligkeiten der KZ-Häftlinge: Jeder dieser Koffer ist sorgsam restauriert und archiviert worden

Erhaltung ist Erinnerungsarbeit für die Zukunft

Kosten fielen auch während der Monate der Schließung an: für die Restaurierung und dringend notwendige Erhaltungsmaßnahmen. 155 Gebäude und 300 Ruinen befinden sich auf dem Areal der Gedenkstätte. "Das Gelände muss gärtnerisch gepflegt werden", erklärt Christoph Heubner. "Da kann man nicht zuschließen und der Natur ihren Lauf lassen. Die 170 Hektar von Auschwitz-Birkenau sind ein sehr feuchtes Gelände, das heißt man muss dort auch Fundamente absichern, damit die übrig geblieben Baracken nicht in sich zusammenfallen."

Und es gibt noch einen Grund, alles sorgsam für die Zukunft zu erhalten: "Es ist der Tatort, an dem man ihre Liebsten, ihre Familien und viele Menschen umgebracht hat. Es ist ihr Friedhof", betont Heubner, der sich über Jahrzehnte intensiv um ehemalige Auschwitz-Häftlinge gekümmert hat. "Es ist für die Holocaust-Überlebenden auf der ganzen Welt ein Ort, der nicht von der Erde verschwinden darf, damit sich die Menschheit erinnert."

Christoph Heubner, geschäftsführender Vorsitzender des Internationalen Auschwitz Komitees, Berlin (DW/H. Mund)

Mitbegründer der Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim: Christoph Heubner (Internationales Auschwitz Komitee)

Online-Besuche kein Ersatz für reales Erleben

Museen sind weltweit längst zu Online-Besuchen übergegangen. Virtuelle Führungen, digitale Konzerte und Publikumsgespräche sowie innovative Netzformate machen so Besuche ohne persönliche Anreise möglich. Für einen historisch aufgeladenen Ort wie Auschwitz, der seit 1979 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, ist das keine Alternative.

"Bei aller emotionalen Professionalisierung, die wir in diesen Corona-Wochen mit Internet-Botschaften und in den Sozialen Medien erleben", räumt Christoph Heubner ein, "begreifen wir, dass digitale Botschaften letztendlich das Persönliche, die Nähe zwischen Menschen, den gemeinsamen entsetzten Blick, wenn man in Auschwitz steht, nicht ersetzen."

Für ihn sichert der persönliche Dialog zwischen den Generationen, wie er seit Jahrzehnten auch in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim stattfindet, die Arbeit der Gedenkstätte ab. Auszubildende und Jungmanager von VW und anderen deutschen Konzernen reisen jedes Jahr zu Schulungen dorthin.

Die deutschen Rapper Kollegah und Farid Bang stehen in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz vor der Exekutionsmauer, davor Kerzen (picture-alliance/dpa/J.Deodat/IAK)

Die Rapper Kollegah (re) und Farid Bang mit Christoph Heubner vor der Todeswand im früheren Stammlager Auschwitz I (7.6.2018)

Auschwitz-Besuch hinterlässt Spuren

Auf Heubners Einladung kam es 2018 zum Besuch der Skandal-Rapper Kollegah und Farid Bang, die sich nach ihrem Rundgang durch das frühere Vernichtungslager schwer betroffen zeigten. "Und deshalb wird diese Gedenkstätte in Zukunft, wie alle Museen an authentischen Orten, weiter eine ganz wichtige Aufgabe haben", so sein Fazit.

2019 hat die deutsche Bundesregierung deshalb noch einmal 60 Millionen Euro in den Kapitalstock der Stiftung Auschwitz-Birkenau eingezahlt. "Deutschland steht uneingeschränkt zu seiner historischen Verantwortung", hieß es von deutscher Seite vor dem Auschwitz-Besuch von Kanzlerin Angela Merkel im Dezember.

Was Schulklassen und Jugendgruppen aus aller Welt betrifft, befürchtet Heubner allerdings weiter schwere finanzielle Ausfälle für das Museum. "Im Jahr 2020 lässt sich das jetzt noch schwer einschätzen, aber für 2021 geht man von einer erheblichen Reduzierung der Besucherzahlen aus."

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