″Aus Europas großen Drei scheinen zwei zu werden″ | Wirtschaft | DW | 08.05.2018
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Luftfahrt

"Aus Europas großen Drei scheinen zwei zu werden"

Die Lufthansa präsentiert ihre Erfolge in Frankfurt, in Paris wird Air France erneut bestreikt, in Rom kämpf Alitalia ums Überleben. Wir schauen auf einen ganz normalen Dienstag in der europäischen Luftfahrtbranche.

Die deutsche Lufthansa platzt gerade vor Selbstbewußtsein aus allen Nähten. Mit einer ganzen Reihe von Erfolgsmeldungen präsentierte sich die Gruppe um die namensgebende deutsche Airline, zu der unter anderem auch Swiss, Austrian Airlines und Eurowings gehören, am Dienstag in Frankfurt den Aktionären. Konzenchef Carsten Spohr ging mit einem Rekord im Rücken in die Hauptversammlung. Im Geschäftsjahr 2017 hat der Dax-Konzern mit 2,37 Milliarden Euro den dritten Rekordgewinn in Folge eingeflogen. Für die Anteilseigner soll die Dividende denn auch von 50 auf 80 Cent erhöht werden.

Der Boom im Luftverkehr sorgt nach den Worten von Spohr allerdings weltweit für Engpässe bei Personal und Technik. Das dämpfe die Wachstumsmöglichkeiten der Airline. "Wir können nicht so stark wachsen, wie wir wollen", sagte Spohr am Dienstag in Frankfurt. Es fehle wegen der hohen Nachfrage nicht nur an Piloten und mittlerweile mancherorts auch an Flugbegleitern, auch Ersatzteile und Triebwerke seien knapp. Als Folge werde der Rückgang von Flugpreisen nicht mehr so weitergehen wie bisher. Eine Krise sei angesichts des anhaltend starken Weltwirtschaftswachstums nicht in Sicht.

Während aber die Lufthansa derzeit auf Erfolgskurs ist, kämpfen andere große europäische Airlines mit ernsten Problemen. Bei Air France streikte am Dienstag schon wieder das Personal, in Italien wird die traditionelle Fluggesellschaft Alitalia nur durch Geld aus der Staatskasse am Leben gehalten. Am Rande der Lufthansa-Hauptversammlung in Frankfurt sprach die Deutsche Welle mit dem Luftfahrtexperten Jens Flottau über die Lage der Branche in Europa: 

Air France Flugzeug (picture-alliance/dpa/R. Ruprecht)

Dauerstreiks und verpasste Umstrukturierung: Wieder fallen bei Air France reihenweise Flüge aus

Die Lufthansa steht derzeit sehr gut da, man merkt es hier auf der Hauptversammlung in Frankfurt. Was macht der Konzern besser als andere?

Jens Flottau: Die Lufthansa hat es anders als andere geschafft, wesentliche Reformen intern durchzusetzen. Sie hatte ganz massive Konflikte mit den Piloten; bei den Mitarbeitern war sie nicht sehr flexibel, was den Aufbau des Billigflugsegments unter der Marke „Eurowings" angeht. All das ist mittlerweile aber weitgehend überwunden, nun ist es möglich, Eurowings stark auszubauen. Und man muss einfach hinzufügen: Lufthansa ist an einem hervorragenden Markt aktiv, Deutschland, die Wirtschaft dort boomt, und immer wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es auch der Lufthansa gut. Sie wächst im Moment doppelt so schnell wie die Wirtschaft im Allgemeinen. Es könnte also schlechter laufen …

Hat die Lufthansa also einen Weg gefunden, die Konkurrenz durch die Billig-Airlines hinter sich zu lassen?

Nicht hinter sich zu lassen, aber immerhin einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Das Schlagwort ist hier Eurowings. Lufthansa hatte die einmalige Chance, nach der Insolvenz von Air Berlin große Teile dieser Airline zu übernehmen, zum Teil auch indirekt; da geht es um 77 Flugzeuge, und mit diesen Flugzeugen und den eigenen versucht sie nun, soweit das möglich ist, den deutschen Markt gegenüber Ryanair und Easyjet dicht zu machen. Das gelingt ihr in Teilen sehr gut, auch wenn sie dabei zunächst Anfangsverluste bei Eurowings in Kauf nimmt. Sie profitiert von der Situation und nutzt sie strategisch recht gut.

Airline in der Dauerkrise

Frankreichs Finanzminister hat angesichts der laufenden Streiks bei Air France gewarnt,  die Airline könne auch untergehen. Ist das realistisch?

Die Air France wird es immer geben, nicht zuletzt, weil der französische Staat daran beteiligt ist. Die Frage ist nur, in welcher Form? Frankreich ist ein riesiger Markt; da gibt es immer den Bedarf nach solch einer großen Fluggesellschaft. Trotzdem: Air France hat einfach enorme strukturelle Probleme, die die Lufthansa schon überwunden hat. Auch IAG, der Mutterkonzern von British Airways, steht wesentlich besser da. Nun fehlt Air France bald auch die Führung, nachdem der bisherige Chef Jean-Marc Janaillac jetzt zurücktritt. Aus den großen Drei in Europa scheinen im Moment die großen Zwei zu werden, und Air France eine Airline in der Dauerkrise.

Italien Maschinen der Fluggesellschaft Alitalia und Lufthansa (picture-alliance/AP Photo/A. Calanni)

Alitalia fliegt nur noch, weil der italiensiche Staat immer wieder Geld nachschießt

Ein Dauerproblem hat in jedem Fall Alitalia: Gibt es eigentlich noch Überlebenschancen für die Airline?

Man ist versucht zu sagen: nein, aber die Erfahrung lehrt: ja. Denn bislang hat die italienische Regierung noch immer eine Möglichkeit gefunden, doch noch Geld nachzuschießen. Nach marktwirtschaftlichen Kriterien wäre Alitalia schon seit Jahren pleite. Sie ist ja auch jetzt wieder in einem Insolvenzverfahren, es gibt einen Übergangskredit, der ständig verlängert wird. Ich sehe aber nicht, dass ein Unternehmen wie etwa Lufthansa auf absehbare Zeit Alitalia in der aktuellen Form ohne Sanierung übernehmen wollte.  

ar/ tko (rtr, dpa - eigen)

 

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