Auf der Suche nach sich selbst: Israelische Künstler in Berlin | Kultur | DW | 21.10.2016
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Kultur

Auf der Suche nach sich selbst: Israelische Künstler in Berlin

Trotz schmerzhafter Erinnerungen an den Holocaust und Angst vor einem kreativen Exodus ziehen weiterhin viele israelische Künstler nach Berlin. Das ID Festival zeigt, wie Berlin ihnen hilft, ihre Identität zu finden.

Rund sechs Jahre sind bereits ins Land gezogen, seitdem dem isreaelischen Musiker Ohad Ben-Ari die Idee zu einem isrealischen Orchester kam. Damals zog es immer mehr junge Israelis in die deutsche Hauptstadt. "Davor gab es hier überhaupt keine Isreaelis" erinnert sich der Pianist und Komponist, der als Teenager in den 1990er Jahren in Frankfurt am Main Musik studierte.

Als er begann, seine Orchester-Ambitionen in die Tat umzusetzen, wurde er von der Fülle der in Berlin lebenden Talente geradezu überrumpelt. Also gründete er nicht nur ein Orchester, sondern direkt das ID-Festival (ID steht für Identität), das drei Tage lang den Facettenreichtum israelischer Künstler in Berlin feiert. 70 Künstler geben sich vom 21. bis 23. Oktober die Ehre, treten bei klassischen Konzerte, Tanz-, Theater- und Filmvorführungen auf, die meist in Auseinandersetzung mit ihrem neuen zu Hause entstanden sind. Der Veranstaltungsort ist das Radialsystem, eine ehemalige Abwasserentsorgungsanlage aus dem 19. Jahrhundert. Das diesjährige Thema: Flucht und Vertreibung.

Kreativer Exodus in Israel?

Berliner ID Festival 2016 Third Generation Cabaret (Eitan Rosin)

Für Ittai Rosenbaum ging es bei dem Umzug nach Berlin um die Suche nach seinen Wurzeln

Berlin gilt als kreativer Hub für Künstler unterschiedlichster Herkunft und hat auch israelische Künstler magisch angezogen. Dabei sind die bezahlbaren Mieten nur ein Faktor, der Berlin für die jungen liberalen Israelis attraktiv macht. 

Laut der israelischen Botschaft leben zur Zeit rund 12.000 Israelis in der deutschen Hauptstadt. Da aber viele Israelis außerdem noch einen europäischen Pass haben, sind es in Wirklichkeit vermutlich viel mehr.

In Israel diskutieren die Medien diese kreative Abwanderung hitzig: Der "Ruf nach Berlin" (oder "Berlin calling" wie der Kultfilm um die Geschichte des weltbekannten Berliner DJ's Paul Kalkbrenner heißt) führe demnach zu einem Exodus der hochqualifizierten Elite Israels - und das ausgerechnet in die Stadt, die im Schatten der Nazi-Verbrechen der 1930er und 40er Jahre stehe.

"Die Medien machen daraus fast eine moralische Frage, nämlich ob Israelis oder Juden überhaupt in Deutschland leben sollten", sagt Ittai Rosenbaum, einer der in Berlin lebenden Israelis, der mit seinem "The Third Generation Cabaret"am Festival teilnimmt. "Viele der Israelis, die nach Berlin gezogen sind, stammen aus Familien, die Opfer des Holocaust wurden oder noch fliehen konnten." Seine Entscheidung zum Umzug nach Berlin war mehr persönlich als politisch motiviert: "Es ging um Identität. Wenn deine Familie aus einem bestimmten Ort kommt, mit einer bestimmten Sprache und Kultur, dann läßt sich nicht verhindern, dass man auf diese Wurzeln neugierig darauf ist. Und das ist auch völlig in Ordnung."

Bunter, schräger, liberaler

Für Ben-Ari, der 2010 nach Berlin gezogen ist, war es wichtig, den Schwerpunkt des Festivals auf die Identitätssuche zu legen. "Die Frage nach der Identität beschäftigt uns nicht nur als Künstler sondern auch als Migranten. Und das jeden Tag. Gerade für Israelis, die ausserhalb Israels wohnen, kann es sehr verwirrend sein, sich Fragen nach der eigenen Identität zu stellen, denn im Allgemeinen haben Menschen nicht-jüdischer Herkunft Mühe, zwischen Israelis und Juden zu differenzieren."

Er sieht die jüdische Kultur als eine traditionellere, von der Religion bestimmte, so wie sie an den Jüdischen Kulturtagen gezeigt wird, die vom 5. - 13.November in Berlin stattfinden. Obwohl jüdische Elemente bei seinem Festival sehr wohl einfließen, sei "das Besondere, dass es das erste deutsche Festival ist, das sich explizit der israelischen Kultur widmet." Er erklärt weiter: "Wir wollen zeigen, dass die in Berlin lebenden Künstler sehr liberal sind und sehr säkular. Sie treten ein für Frieden, das Bunte und Queere."

Durch Kunst die Identität untersuchen

Berliner ID Festival 2016 Third Generation Cabaret (Adi Levy)

Nitsan Bernstein sagt, dass Musik ihr bei der Identitätssuche geholfen hat

"Die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Identität fand gerade in der Anfangsphase stark über die Musik statt", sagt die in Jerusalem geborene Singer-Songwriterin Nitsan Bernstein. Es war ihre Faszination für die deutsche Kultur und der Wunsch nach künstlerischer Zusammenarbeit, die sie vor drei Jahren nach Berlin brachte. Sie und Rosenbaum entwickelten das Konzept für das "The Third Generation Cabaret" gemeinsam, einer musikalischen Reise durch die israelisch-deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Bernsteins Rolle ist von ihrer eigenen Geschichte inspiriert: Sarah, eine junge Israelin deutscher Herkunft will sich in Berlin künstlerisch verwirklichen und probiert sich in Hebräisch, Englisch, Deutsch und Jiddisch aus. Sie singt hebräische Volkslieder und Kabarettstücke, die zur Zeit der Weimarer Republik komponiert wurden.

Tabuthemen gibt es für die Enkelin einer Holocaust-Überlebenden nicht: Erst kürzlich veröffentlichte die Gruppe ein Musikclip ihres Songs "Anti-Semites", in dem sie die "sehr verständlichen" Empfindlichkeiten von Israelis und Juden aufs Korn nimmt, die aufträten egal ob sie der realen Situation angemessen seien oder nicht.

"Erst hier, in einem fremden Land, begann ich mich zu fragen, inwiefern ich Teil der israelischen Kultur bin und wie ich mich der Judaismus betrifft", sagt die Künsterin, die in einer säkularen Familie aufwuchs.

Kein Loblied auf den Staat Israel

Die Entscheidung den Schwerpunkt des diesjährigen ID-Festivals auf das Thema Migration zu legen, war durch die Ankunft der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten inspiriert. Das Thema ist gleichzeitig zentral für die Geschichte Israels und der Juden. Über die Staatsgründung Israels 1948 und die darauf folgende Umsiedelung vieler Palästinenser sollte nicht geschwiegen werden, sagt Ben-Ari, das sei Teil der Geschichte seines Landes.

Die Vorführung des Films "Junction 48" ist ein zentraler Event des Festivals: Der Film erzählt die Story eines palästinensischen Hip-Hop-Künstlers, der sich mit seiner Musik gegen die soziale Ungerechtigkeit stellt. Er ist der wahren Geschichte des palästinensischen Rappers Tamer Nafar nachempfunden und hat an der Berlinale den Publikumspreis gewonnen. Nach dem Screening wird seine Gruppe am Festival auftreten. "Wir wollen auf keinen Fall ein Loblied auf den Staat Israel singen", betont Ben-Ari: "Wir wollen zeigen, was wir über den Statos quo denken und fühlen."

Englische Übersetzung: Julia Hitz

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