Auf dem heiligen Athos suchen Männer Gottes Nähe | Kultur | DW | 27.11.2006
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Kultur

Auf dem heiligen Athos suchen Männer Gottes Nähe

Im Laufe des Tages erfüllt jeder Mönche mindestens eine ihm zugewiesene Aufgabe, oft auch mehrere: Der eine bereitet in der Küche die nächste Mahlzeit vor; andere machen den Abwasch, reinigen die Kirche, füllen die Öllämpchen vor den Ikonen nach, ziehen Bienenwachskerzen, kümmern sich um die Bienenstöcke, pflegen die Olivenhaine oder Gemüsebeete im Klostergarten, fischen im Meer, forschen in den mittelalterlichen Pergamenthandschriften der Bibliothek, malen Ikonen oder - wie Vater Efrem - betreuen die Gäste. Die Mönche verzichten ein Leben lang auf den Genuss von Fleisch. Besonders streng fasten sie an etwa 200 Tagen im Jahr. Dann gibt es nur Obst, Gemüse, Kartoffeln oder Brot, aber keine tierischen Produkte wie Milch, Käse, Eier oder Fisch; auch kein Olivenöl oder Alkohol.

Kirche des Athos-Klosters des Propheten Ilias

Kirche des Athos-Klosters des Propheten Ilias

Vater Efrem hat sich einen Tag frei nehmen können. Gemeinsam wollen wir Vater Nikolaj besuchen, einen Eremiten. Seit Jahren lebt der russische Mönch alleine in einer Klosterzelle. Wir gehen entlang schmaler Pfade, vorbei an bewohnten aber auch verlassenen Häusern. Wir wandern eingezwängt von Gestrüpp links und rechts des Weges. Wir laufen über Brücken, unter denen Bäche mit klarem Wasser dahin plätschern. Jeweils der erste in unserer Gruppe schlägt mit einem Stab auf die Erde, um so Giftschlangen zu verscheuchen. Alle halbe Stunde öffnet sich plötzlich der Blick auf die Athos-Halbinsel und das einige hundert Meter tiefer liegende Meer, auf die rings herum liegenden Klöster und Einsiedeleien. Wir legen die Rucksäcke ab und können uns nicht satt sehen an der atemberaubend schönen Landschaft.

Nach zwei Stunden klopfen wir an der Pforte der Einsiedelei. Zuerst hören wir nichts. Nach einigen Minuten der Stille wird uns die Tür geöffnet. Das Gesicht von Vater Nikolaj erstrahlt vor Freude, als er uns sieht. Er dürfte die 50 überschritten haben, trägt einen imposanten Bart, eine Schürze um den schwarzen Gehrock des Mönchs. Er arbeitet gerade im Garten. Vater Nikolaj bewirtet uns mit frisch geernteten Melonen, Äpfeln und Birnen. Die Reste sammelt er auf und wirft sie in einen Eimer. Das sei für seine Freunde, sagt er und bedeutet uns, ihm zu folgen. Vor dem Eingangstor klopft er mit dem Eimer auf die Erde. Sogleich stürmen kräftige Wildschweine aus dem Gebüsch und machen sich über die Essensreste her. Wir staunen nicht schlecht, mit welcher Selbstverständlichkeit sich Vater Nikolaj unter den wilden Tieren bewegt. Schließlich weiß jeder Athos-Pilger, dass Wildschweine aber auch Wölfe, die es auf dem Athos gibt, sehr gefährlich sein können. "Die tun nichts", versichert uns Vater Nikolaj. Der Tonfall erinnert an den einer alten Dame, die im Berliner Park ihre Dackel ausführt.

Vater Nikolaj mit den Wildschweinen

Vater Nikolaj mit den Wildschweinen

Ein Stück Deutschland

Unser Weg führt uns zu einer weiteren Einsiedelei, diesmal direkt am Meer. Sie trägt den Namen Iowanica und gehört zum serbischen Athos-Kloster. Bewohnt wird sie indessen von Vater Panteleimon, einem Deutschen, der vor 23 Jahren bei den Serben Mönch wurde. Wie sich das für einen Schwaben gehört, hat der die einst völlig heruntergekommenen Bootshäuser, die zu der Einsiedelei gehören, mit einer Gründlichkeit und handwerklichem Geschick renoviert, die auf dem Athos ihresgleichen sucht. Vater Paneleimon bewirtschaftet 2000 Olivenbäume, einen riesigen Garten mit Trauben, Tomaten, Zwiebeln, Paprika Obstbäumen und vielem mehr. "Das ist ein kleines Stück Deutschland auf dem Athos", sagen viele Mönche voller Bewunderung. Das gilt übrigens auch für den Gottesdienst, den er in seiner Kapelle in weiten Teilen in deutscher Sprache feiert. Dankbar dafür sind insbesondere jene deutschen Athos-Pilger, die ihm im Herbst als Erntehelfer ein wenig zur Hand gehen. Vater Panteleimon, inzwischen Mitte fünfzig, ist ein nüchtern und pragmatisch denkender Mensch, humorvoll und fleißig. Viele, die der Zweifel plagt, kommen zum Athos, um ihn um Rat zu fragen. Vielleicht ist es das, was den Athos ausmacht: Der Pilger findet hier erfahrene Menschen, mit denen er abends auf der Terrasse mit Meeresblick sitzen kann, um über das geistige Leben - um über Gott zu sprechen.

Am nächsten Morgen fahren wir mit einem der Mercedes-Busse zurück zum Hafen. Von dort bringt uns die Fähre zurück "in die Welt".

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