Auf dem heiligen Athos suchen Männer Gottes Nähe | Kultur | DW | 27.11.2006
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Kultur

Auf dem heiligen Athos suchen Männer Gottes Nähe

Gleich gegenüber der Basilika führen abgelaufene Marmortreppen hoch in das gelb getünchte Athos-Parlament. Hier entscheiden Vertreter der 20 Hauptklöster, ob und wenn ja wo neue Straßen gebaut werden sollen, wie viele Pilger täglich den heiligen Berg betreten dürfen oder wie sich die Beziehungen zur Europäischen Union gestalten. Die Verfassung des Athos geht auf das Jahr 971 zurück. Damit gehört die Mönchsrepublik zu den ältesten Demokratien Europas.

Unsere Pilgergruppe macht sich auf in das nahe gelegene Kloster des Heiligen Andreas. Dort wartet Vater Efrem auf uns, ein Brite mit Nickelbrille, braunen Haaren, kräuseligem Bart und verschmitztem Lächeln. Er dürfte etwa 35 Jahre alt sein. Bereits vor Jahren haben wir Vater Efrem kennen und seinen Humor schätzen gelernt. Einst arbeitete er in der britischen Erdgas-Industrie als Manager. Damals schon suchte er nicht nur nach Gasfeldern sondern auch nach dem "richtigen Glauben". Als er ihn fand, konvertierte er zur Orthodoxie. Bald darauf wurde er Novize, dann Mönch auf dem Athos. Im riesigen Kloster des Heiligen Andreas betreut er jetzt die Gäste. Manchmal sind es mehrere Dutzend am Tag.

Wahre Kommunisten

Vater Efrem erwartet uns vor dem Haupteingang des Klosters, wo er uns freundlich begrüßt. Im Zentrum des klösterlichen Innenhofs erhebt sich eine mächtige Kirche, die größte auf dem Athos. Das Gotteshaus wird eingerahmt von zum Teil verfallenen Wohngebäuden. Jahrzehntelang stand das vor dem Ersten Weltkrieg von den Russen erbaute Sankt Andreas Kloster leer, so dass es in Teilen verfiel. Vor Jahren hat eine Bruderschaft, die vor allem aus Griechen besteht, das Kloster übernommen und baut es wieder auf. Dächer werden neu gedeckt, Mauern stabilisiert, morsche Holzböden herausgerissen und durch Steinböden ersetzt. Tagsüber ist es unruhig innerhalb der Klostermauern. Betonmischer rotieren ihre Kreise, Bauarbeiter rufen einander etwas zu; es wird gehämmert und gebohrt. Vater Efrem lebt und betet auf einer Baustelle. Er weist uns ein Zimmer zu. Abends sitzen wir noch lange im Klostergarten und reden über das Leben auf dem Athos.

Einsiedelei Iowanica, in der der deutsche Mönch Vater Panteleimon lebt

Einsiedelei Iowanica, in der der deutsche Mönch Vater Panteleimon lebt

Die Mönche verzichten auf Privatbesitz: Alles gehört der jeweiligen Klosterbruderschaft. Besucher scherzen deshalb, dass die Träger der schwarzen Kutten die wahren Kommunisten seien, und das lange vor Karl Marx. Das eigentliche Leben der Mönche ist ein inneres, ein geistiges. Für sie ist das Gebet, die Begegnung mit Gott etwas sehr Einfaches, Konkretes. Mystik auf dem Athos ist nichts Geheimnisvolles, sondern ist für jedermann praktisch erfahrbar. Die "Väter", wie dort die erfahrenen Mönche genannt werden, misstrauen allem Abstrakten und lehnen Gefühlsduseleien strikt ab. Um Fortschritte im geistigen Leben zu machen, fordern sie von ihren geistigen "Kindern" Nüchternheit, Leidenschaftslosigkeit und Anstrengung - wie es im Griechischen heißt.

Wir schlafen nur wenige Stunden. Das Tagewerk der Mönche beginnt gegen drei Uhr nachts, wenn durch rhythmisches Schlagen auf ein Holzbrett - dem so genannten Simandron - zum gemeinsamen Gebet gerufen wird. Viele Mönche greifen im Dunkel der Nacht zur Taschenlampe. Kein Athos-Besucher vergisst das Bild, wie Gestalten in wehenden, schwarzen Gewändern mit auf den Boden gerichteten Lichtkegeln die dunklen Kloster-Flure entlang huschen, über den Innenhof zu schweben scheinen und dann in der mit Öllämpchen schwach erleuchteten Kirche verschwinden. Auch im Sankt Andreas Kloster dauert der Gottesdienst fünf Stunden. Es werden Psalmen gelesen, Gebete und Fürbitten gesprochen, am Ende die Liturgie gefeiert. Wir kämpfen mit der Müdigkeit und sind am Morgen ein wenig stolz, dass wir bis zum Ende des Gottesdienstes ausgeharrt haben. Gemeinsam mit den Mönchen verlassen wir die Kirche und begeben uns zum gemeinsamen Frühstück. Der griechische Bergtee schmeckt herrlich. Zähflüssiger Athos-Honig und Nüsse versüßen das selbst gebackene, harte Brot.

Lesen Sie weiter: Ein Besuch beim Eremiten Vater Nikolaj, seine Wildschwein-Freundschaft und das Treffen mit einem Schwaben auf dem Berg Athos

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