Athen: ″Stille Heldin″ als Schlepperin angeklagt | Aktuell Welt | DW | 06.12.2018
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Flüchtlingshilfe

Athen: "Stille Heldin" als Schlepperin angeklagt

Nach Monaten in griechischer U-Haft ist die syrische Bambi-Preisträgerin Sarah Mardini gegen Kaution frei gekommen. Die Justiz wirft ihr Menschenschmuggel vor. Auf Lesbos hatte sie als Flüchtlingshelferin gearbeitet.

Als Sarah Mardini am späten Dienstagabend in Athen gegen eine Kaution von 5000 Euro aus der Untersuchungshaft freikommt, wird sie von Freunden empfangen. Mit den Medien möchte die Syrerin, die eigentlich in Deutschland lebt, aber auf der griechischen Insel Lesbos als Flüchtlingshelferin arbeitete, nicht sprechen. Sie wirkt erschöpft.

Neben Mardini kommen an dem Abend vier weitere Mitglieder der Flüchtlingshilfsorganisation Emergency Response Centre International (ERCI) auf freien Fuß - vorerst. Denn die griechische Justiz ermittelt weiterhin gegen insgesamt 30 ERCI-Mitglieder wegen des Verdachts der illegalen Flüchtlingshilfe.

Zacharias Kesses, einer von Sarah Mardinis Anwälten, erklärt: "Der Oberste Justizrat wird entscheiden, ob das Verfahren weitergeführt wird und, falls ja, was die konkreten Anschuldigungen sind." Nach fast 100 Tagen Haft müsse Mardini erst einmal wieder zu sich kommen, so Kesses weiter. Am Wochenende wolle sie nach Deutschland ausreisen. 

Geflohen, gefeiert, verhaftet

Dass Sarah Mardini einmal des Menschenschmuggels, der Spionage und der Geldwäsche beschuldigt werden könnte, hätte vor zwei Jahren wohl niemand gedacht. Da wurden sie und ihre Schwester Yusra in Deutschland gerade als Lebensretterinnen gefeiert, unter anderem mit dem renommierten deutschen Fernsehpreis "Bambi" in der Kategorie "Stille Hilfe".

Sarah und Yusra Mardini aus Syrien (picture-alliance/dpa/C. Bilan)

Von links: Yusra Mardini, Vater Mohamed Mardini, Bastian Schweinsteiger und Sarah Mardini bei der Bambi-Preisverleihung

Denn mit ihren Schwimmkünsten hatten die syrischen Schwestern 2015 andere Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet. Stundenlang sollen die beiden Schwimmerinnen ein Flüchtlingsboot, auf dem sie zunächst selbst gesessen hatten, mit einem Seil hinter sich hergezogen haben, als es vor der Insel Lesbos in Seenot geriet. Danach ließen sich Sarah und Yusra Mardini in Deutschland nieder und engagierten sich in der Flüchtlingspolitik. Yusra Mardini trat bei den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro 2016 für das Team der Flüchtlingsathleten an. Sarah wurde später für ERCI als Flüchtlingshelferin auf Lesbos tätig. 

Mittlerweile soll sie, die selbst vor drei Jahren nach Europa flüchtete, also in einem "kriminellen Netzwerk"aktiv sein, das Migranten bei der illegalen Einreise nach Griechenland hilft und dabei auch mit organisierten Schleppern zusammenarbeitet - so sehen es die griechischen Behörden. Zudem hätten die Aktivisten illegal den Funkverkehr der griechischen Küstenwache und der EU-Grenzschutzagentur Frontex abgehört.

Vorwürfe sind "haltlos"

Mardinis Anwalt Kesses bezeichnet die Vorwürfe der DW gegenüber als haltlos: "Es gibt nicht den geringsten Beweis, dass sie oder andere ERCI-Mitglieder irgendeinen Kontakt zu Schmugglern hatten. Die Polizei hat Zugang zu den Mobiltelefonen und auch zu den Bankkonten erhalten und nichts gefunden." Auch dass ERCI frühzeitig Informationen über ankommende Flüchtlingsboote gehabt habe, beweist laut Kesse nichts. Denn viele Flüchtlinge hätten auf Facebook-Seiten kommuniziert, wann und wo sie ankommen würden.

Kesse zufolge werfen die Ermittler Mardini und weiteren Flüchtlingshelfern auch die Aktivität in einer bestimmten Whatsapp-Gruppe vor. "Circa 400 Menschen aus verschiedensten Hilfsorganisationen wie etwa Ärzte ohne Grenzen, aber auch Polizisten haben sich in dieser Gruppe ausgetauscht, wenn etwa Boote ankamen oder irgendwo Kleidung oder sonstiges benötigt wurde." Warum das ein Hinweis auf Menschenschmuggel sein soll, in dieser Gruppe aktiv gewesen zu sein, gerade wenn auch Beamte darin waren, ist dem Anwalt ein Rätsel - und auch, warum es ausgerechnet Mardini und einige weitere getroffen hat.

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Retter oder Schlepper?

Vorgehen gegen ERCI als Exempel für andere NGOs?

Als Folge der schwerwiegenden Anschuldigungen hat ERCI die Arbeit auf Lesbos mittlerweile eingestellt - genau das könnte das Kalkül der Behörden sein, vermutet Kesses: "Das ist eindeutig ein Versuch, humanitäre Hilfe zu kriminalisieren und Hilfsorganisationen dazu zu bringen, Lesbos und andere griechische Inseln zu verlassen." 

Denn die Hilfe, die NGOs wie ERCI in Griechenland leisten, schätzen nicht wenige als sogenannten Pullfaktor ein, also als Anreiz für die Flüchtlinge, die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer anzutreten. Doch würden sich wirklich weniger Flüchtlinge auf den Weg machen, wenn Hilfsorganisationen ihre Arbeit einstellen? Verschiedene Studien, etwa "Blaming the Rescuers" von Forschern der University of London, widerlegen jedenfalls diese These.

Entscheidung in einigen Monaten

Auch Kesses findet: "Das ist ein Denkfehler. Viele NGO's haben in den letzten Monaten ihre Arbeit auf Lesbos eingestellt, die Zahl der ankommenden Flüchtlinge hat sich dadurch aber nicht verringert." So ist die Lage für Bewohner und Migranten auf den griechischen Inseln weiterhin äußerst angespannt. Erst kürzlich riefen die Vereinten Nationen die Regierung in Athen erneut auf, mehr Flüchtlinge aufs Festland zu bringen. Auf Samos und Lesbos seien in den vergangenen drei Monaten 11.000 Schutzsuchende gelandet.

Ob Sarah Mardini und weitere NGO-Mitarbeiter sich tatsächlich in irgendeiner Form strafbar gemacht haben und vielleicht sogar mit Haftstrafen rechnen müssen, wird sich erst in einigen Monaten zeigen. Ihr Anwalt ist optimistisch: "Ich glaube nicht, dass es zu einer Verurteilung kommen wird. Entweder wird die Anklage fallen gelassen und es kommt gar nicht erst zu einem Prozess - oder es kommt zu einem Prozess und die Richter sehen, dass es keinerlei Beweise gibt."

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