Atempause für die türkische Lira | Wirtschaft | DW | 13.09.2018
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Leitzinsen

Atempause für die türkische Lira

Die türkische Notenbank reißt das Ruder rum und erhöht überraschend deutlich den Leitzins - gegen den ausgesprochenen Willen von Präsident Erdogan. Beobachter geben deswegen noch keine Entwarnung in der Lira-Krise.

Man kann wohl von einem Knall sprechen, wenigstens aber von einem Überraschungscoup: Die türkische Notenbank hat sich direkt gegen Staatspräsident Erdogan gestellt und die Leitzinsen kräftig erhöht: So steigt der Schlüsselsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld von 17,75 auf 24 Prozent. Unabhängige Ökonomen hatten höchstens auf einen Anstieg auf 22,00 Prozent gehofft, gerechnet allerdings hatten auch damit viele Beobachter nicht.

Denn ein entschiedener Gegner höherer Zinsen ist kein geringerer als Recep Tayyip Erdogan, der autokratische Staatspräsident. Der hatte noch kurz vor der Sitzung der Notenbanker wiederholt, was er von steigenden Zinsen hält: nämlich nichts. "Lasst uns diese hohen Zinsen senken", hatte er ausgerufen. Umso bemerkenswerter die kräftige Erhöhung der Zinsen durch seine Währungshüter. "Gut gemacht, so funktioniert Krisenpolitik", lobt Thomas Gitzel von der VP Bank.

Wie unabhängig sind die Zentralbanker wirklich?

Die Krise in der Türkei läuft schon seit längerem, die Notenbankentscheidung ist nur deren letztes Kapitel. Denn seit Jahresbeginn hat die türkische Lira rund 40 Prozent ihres Wertes eingebüßt. Ein Streit mit Washington wegen der Inhaftierung eines US-Pastors in der Türkei und amerikanische Einfuhrzölle trugen dazu bei.

Vor allem aber Sorgen wegen Erdogans Politik hatten dem Vertrauensverlust bei Investoren Vorschub geleistet. Denn der hat nicht nur die Maßnahmen beschleunigt, die den Rechtsstaat zu Gunsten eines autokratischen Präsidialregimes aushöhlen. Er hat auch seinen Einfluss auf die Notenbank erhöht.

So war eines seiner ersten Dekrete nach seiner Wiederwahl, dass er als Präsident den Chef der Zentralbank ernennen und austauschen kann. Deswegen sind längst nicht alle Ökonomen überzeugt, dass die türkische Zentralbank wirklich unabhängig agiert. "Wir wissen, dass Erdogan die Zentralbank davon abgehalten hat, beherzt gegen das Inflationsproblem vorzugehen", meint etwa der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. "Ich bin immer noch nicht davon überzeugt, dass die Zentralbank jetzt wirklich unabhängig ist".

Die Armen werden die Zeche zahlen

Dass Erdogan die Zentralbank auf niedrige Zinsen verpflichten und am liebsten kontrollieren würde, hat einen einfachen Grund: Seine Popularität nährt sich auch aus starken Wachstumsraten der türkischen Wirtschaft in den vergangenen Jahren. Die allerdings könnten gedämpft werden, wenn die Zinsen ansteigen, entsprechend könnten seine Popularitätswerte sinken.

Den Preis dafür muss übrigens die türkische Bevölkerung bezahlen, und da vor allem ärmere Menschen. Denn mit dem galoppierenden Wertverlust ist auch die Inflation auf rund 18 Prozent geklettert, das Leben in der Türkei hat sich also beim alltäglichen Einkauf spürbar verteuert.

Türkei Ankara Rede Erdogan (picture-alliance/Xinhua/Turkish Presidential Palace)

Er hält nichts von Zinsen, von hohen Leitzinsen schon mal gar nicht: Der türkische Präsident Erdogan.

Erste Reaktionen: Erleichterung und Entspannung

Durch höhere Zinsen jedenfalls, so meinen die meisten außenstehenden Beobachter, könnte die Krise des Währungsverfalls und der hohen Inflation in der Türkei zumindest eingedämmt werden. Allerdings hat die türkische Notenbank vergleichsweise lange mit diesem Schritt gezögert. Deswegen traut auch Phoenix Kalen von der Societe Generale dem Burgfrieden zwischen der Notenbank und dem Staatspräsidenten nicht ganz. "Der Markt ist einerseits zufrieden mit dieser Zinserhöhung, andererseits ziemlich durcheinander. Es sieht ganz danach aus, als ob es ein 'Good Cop, Bad Cop'-Spiel der türkischen Behörden gibt. Präsident Erdogan sagt auf der einen Seite, er mag keine Zinsen. Auf der anderen Seite hebt die Zentralbank dann die Zinsen sehr deutlich an".

Jedenfalls haben Investoren an den Devisenmärkten offenbar erleichtert auf die massive Zinserhöhung reagiert. In einer ersten Reaktion konnte die türkische Lira gegenüber Währungen wie dem Euro oder dem US-Dollar wieder Boden gut machen.

Und der Kurssprung der Lira half teilweise auch anderen Währungen von Schwellenländern, die in den vergangenen Wochen in den Strudel der Lira-Krise geraten waren. Der südafrikanische Rand und der russische Rubel legten nach der Zinserhöhung am Bosporus am deutlichsten zu. Wie nachhaltig die Zinserhöhung allerdings wirken wird, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Denn Erdogan ist bislang nicht dafür bekannt, bei Widerstand nachzugeben.