Antisemitismusdebatte überschattet Start der Ruhrtriennale | Kultur | DW | 08.08.2018
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Kunstfestival

Antisemitismusdebatte überschattet Start der Ruhrtriennale

Flucht und Kolonialismus sind wichtige Themen des internationalen Kunstfestivals im Ruhrgebiet in diesem Jahr. Das Programm ist vielversprechend - doch hinter den Kulissen brodelt es mächtig.

Eigentlich freut sich Stefanie Carp, die neue Intendantin der Ruhrtriennale, auf den Festivalstart am 9. August. Seit sie 2016 zur Nachfolgerin von Johan Simons für die Jahre 2018 bis 2020 berufen wurde, arbeitet sie an einem Programm, das sich schwerpunktmäßig mit Flucht, Migration und der Aufarbeitung der Kolonialherrschaft beschäftigt.

Antisemitismusdebatte trübt die Vorfreude

Doch mehr als für das Gesamtprogramm interessieren sich Politiker und Medien derzeit für den Streit um den Auftritt der schottischen Band "Young Fathers". Den Musikern wird vorgeworfen, die umstrittene israelkritische Bewegung BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) zu unterstützen. Zunächst lud Carp "Young Fathers" aufgrund der Kritik aus, dann, nach einem Gespräch mit den Bandmitgliedern, wieder ein. Doch "Young Fathers" wollte nicht mehr spielen. In einem Brief hat sich Stefanie Carp zwar von der ihr vorgeworfenen Israelfeindlichkeit distanziert, konnte ihre Kritiker aber nicht überzeugen. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, wirft den Organisatoren des Festivals in der Wochenzeitung "Jüdische Allgemeine" ein "desaströses Krisenmanagement" vor.

Christoph Marthaler und Stefanie Carp stehen vor dem Programmplakat der Ruhrtriennale 2018 (Ruhrtreinnale 2018/Edi Szekely)

Stefanie Carp und Regisseur Christoph Marthaler

Auch die als Ersatz für das Konzert angesetzte Podiumsdiskussion zum Thema "Freedom of Speech/Freiheit der Künste" ruft Kritiker auf den Plan. Jüdische Verbände werfen Carp vor, dass sie keine Vertreter der jüdischen Gemeinde eingeladen habe. Zudem sei Antisemitismus keine Frage der Meinungs- und Kulturfreiheit.

Zu guter Letzt hat nun auch noch kurz vor der Eröffnung der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet jeglichen Besuch der Ruhrtriennale in diesem Jahr abgesagt. Er sah sich zur Absage gezwungen, denn zum einen gebe es eine Bundestagsresolution, die den BDS grundsätzlich ablehne, und zum anderen sei die Intendantin der BDS-Bewegung nicht entschlossen genug entgegengetreten, verlautet es aus Regierungskreisen. "Ich finde es sehr bedauerlich, dass Armin Laschet in diesem Jahr nicht die Ruhrtriennale besucht. Ich nehme seine Gründe ernst und werde mich am 18. August einer diesbezüglichen Debatte stellen", sagte Stefanie Carp auf Nachfrage der DW. Im Vorfeld der Eröffnung sieht Carp das Gesamtprogramm im Vordergrund: "Jetzt spricht doch die Kunst, das ist das Wichtigste."

Die "Zwischenzeit" nutzen

Mit dem Begriff "Zwischenzeit" hat die Intendantin ihr Programm überschrieben. "Es ist der kleine Zeitraum, der uns noch bleibt, um an ein paar Stellschrauben zu drehen, wie wir künftig als internationale Menschengemeinschaft überhaupt leben wollen", sagte sie im Gespräch mit der Deutschen Welle. Sie sieht die Gesellschaft in einem großen ökonomischen, ökologischen und sozialen Umbruch. An manchen Orten herrsche eine große Gewaltbereitschaft. Menschen seien auf der Flucht und würden ausgegrenzt. Die "Zwischenzeit" sei deshalb noch eine Chance, Entwürfe für ein anderes Zusammenleben in Freiheit und Gleichheit zu entwickeln.

Die Bochumer Jahrhunderthalle von außen (DW/G. Reucher)

Die Jahrhunderthalle in Bochum wird von Christoph Marthaler bespielt

Bei der Ruhrtriennale greifen in diesem Jahr viele Künstler die Themen Krieg und Vertreibung, Migration und Postkolonialismus in ihren Produktionen auf. Zu den hierzulande bekannteren Namen zählen die US-amerikanische Performance-Künstlerin Laurie Anderson, die Choreografin Sasha Waltz und der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler, bei der Ruhrtriennale als "Artiste Associé" die rechte Hand von Carp.

Mit Spannung wird seine als "Musiktheater-Kreation" inszenierte Aufführung von Charles Ives unvollständiger "Universe Symphony" in der Jahrhunderthalle in Bochum erwartet. Charles Ives musikalische Vorstellung vom Universum seit seiner Entstehungsgeschichte bis in die Neuzeit wird durch den Dirigenten Titus Engel und die Bühnenbildnerin Anna Viebrock umgesetzt. "Wir nutzen die ganze Halle mit Instrumentalisten und Schauspielern und improvisieren zu der Musik von Ives", sagt Marthaler, "das ist ein Experiment, ein Wagnis".

Ruhrtriennale ist offen für Experimente

Die Ruhrtriennale wurde als Festival der Künste 2002 ins Leben gerufen. Dabei sollten alte Industrieanlagen der Bergbauregion als Spielorte genutzt werden für Kunst, Film, Musik, Theater und Multimediaprojekte. In der Vergangenheit haben viele experimentelle Aufführungen für Gesprächsstoff gesorgt.

Szene aus The Head and The Load (Stella Olivier)

Szene aus "The Head and The Load" über die Rolle Afrikas im Ersten Weltkrieg

Auch die Deutschlandpremiere zum Auftakt der Ruhrtriennale von William Kentridges Musiktheater "The Head and the Load" klingt in dieser Hinsicht vielversprechend. Der Titel ist ein Sprichwort aus Ghana, das so viel heißt wie: "Des Nackens Leid sind Kopf und Last". Der südafrikanische Künstler William Kentridge geht in seiner bildgewaltigen Produktion aus Schauspiel, Schattenspiel, Musik und Tanz auf die Rolle Afrikas im Ersten Weltkrieg ein. Was heute kaum noch bekannt ist: Über zwei Millionen Menschen von dem afrikanischen Kontinent wurden für den Ersten Weltkrieg von den europäischen Mächten als Soldaten oder als Träger von Waffen rekrutiert. "Ich finde insgesamt, dass das postkoloniale Thema in Deutschland viel zu kurz gekommen ist und dieses Thema möchte ich gerne der Ruhrtriennale hinzufügen", sagt Stefanie Carp.

Uraufführung zum Syrienkonflikt

Doch es geht nicht nur darum, die Rolle Europas in vergangenen Kriegen und Konflikten aufzuzeigen. Der syrische Regisseur Omar Abusaada wird mit seiner Uraufführung von "The Factory" zeigen, wie europäische Unternehmen mit dem Krieg in Syrien verflochten sind. "Syriens Geschichte ist nicht isoliert von dem, was in der Welt passiert", sagte Omar Abusaada im DW-Interview. Syrien sei ein Teil der Geschichte und an diesem Teil könne man die Geschichte der Welt verstehen.

Portrait von Regisseur Omar Abusaada (Foto:Isabelle Meister)

Regisseur Omar Abusaada arbeitet auch mit Schauspielern, die aus Syrien geflohen sind

Omar Abusaada und der Autor Mohammad al Attar sind bekannt für ihre Mischung aus Dokumentation und Fiktion. In "The Factory" greifen sie den Fall einer französischen Zementfabrik auf, die noch bis 2015 im syrischen Kriegsgebiet produzieren konnte. "2012 haben alle ausländischen Firmen ihre Arbeiter außer Landes gebracht, aber die Zementfabrik arbeitete weiter. Die Direktoren verließen Syrien, aber die syrischen Arbeiter mussten weiter arbeiten", sagt Abusaada. Zunächst kooperierte man mit der syrischen Armee, dann mit Widerstandskämpfern und zuletzt mit dem sogenannten IS. Der Fall wurde von einer französischen Journalistin aufgedeckt und beschäftigt bis heute die Gerichte.

In Syrien kann Abusaada, der in Damaskus lebt, seine Stücke derzeit nicht aufführen. In Berlin arbeitet er mit der Volksbühne zusammen. "2011 haben wir uns selbst entschlossen, nicht mehr in Syrien zu spielen, weil wir unsere Meinung nicht frei äußern dürfen. Wir wollten keine Kompromisse eingehen. Seitdem produziere ich im Ausland."

Über 920 Künstler aus rund 30 Ländern sind in diesem Jahr mit 33 Produktionen bei der Ruhrtriennale vertreten. Viele von ihnen kommen aus arabischen und afrikanischen Ländern. Das Festival der Künste findet vom 9. August bis zum 23. September an verschieden Spielorten im Ruhrgebiet statt.

Lesen Sie hier das ganze DW-Interview mit der Intendantin der Ruhrtriennale Stefanie Carp: Stefanie Carp: "Kunst kann zu mehr Offenheit beitragen"

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