Antisemitismus an deutschen Schulen | Deutschlehrer-Info | DW | 06.12.2018
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Deutschlehrer-Info

Antisemitismus an deutschen Schulen

Immer wieder werden Fälle von Mobbing gegen jüdische Schüler bekannt. Nun liegt eine neue Studie zu Antisemitismus in Klassenzimmern und auf Pausenhöfen vor. Sie stellt fest: Antisemitismus ist oft Normalität.

In den ersten Tagen an seiner neuen Schule bekam ein Junge einen Zettel mit der Aufschrift „Jude" auf den Rücken geklebt. Niemand machte ihn darauf aufmerksam. In einem anderen Fall sagte ein Lehrer zu einem Betroffenen: „Wenn alle Juden so wären wie du, dann kann ich Hitler verstehen." Diese Vorfälle werden in einer neuen Studie der Soziologin Julia Bernstein dokumentiert. Sie wurde an der Frankfurt University of Applied Sciences veröffentlicht und gibt Beispiele für den Antisemitismus, der jüdischen Schülerinnen und Schülern täglich begegnet.

Nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer

Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass Antisemitismus an Schulen in Deutschland keine Randerscheinung sei, sondern oft zur Normalität gehöre.

Judenfeindlichkeit geht demnach sowohl von Schülern als auch von Lehrern aus. Bernstein zitiert Erkenntnisse, wonach etwa 20 Prozent der Bevölkerung „latent" antisemitisch eingestellt seien. Die Studie ist nicht repräsentativ. Sie basiert auf 227 Interviews mit jüdischen Schülern und deren Eltern sowie jüdischen und nichtjüdischen Lehrern. Befragt wurden auch Sozialarbeiter und andere Experten. Die Gespräche der qualitativen Studie seien über 17 Monate hinweg in unterschiedlichen, meist weiterführenden Schulen, Klassenstufen und Schulformen in Groß- und Kleinstädten bundesweit geführt worden.

Verharmlosung üblich

In Klassenzimmern und auf Schulhöfen werde Antisemitismus oft erst als solcher bezeichnet, wenn jüdische Schüler bedroht werden oder Gewalt erfahren. „Solche Angriffe stellen aber nur die Spitze einer Stufenleiter […] dar", betont die Forscherin. „Du Jude" als Schimpfwort werde von Lehrern häufig als „so daher gesagt" oder als Spaß und Provokation bagatellisiert. Auch würden Verschwörungstheorien und Ressentiments mitunter nicht erkannt und blieben unwidersprochen. Defizite sieht Bernstein auch bei der Thematisierung des Nahostkonflikts. Antisemitismus von Muslimen werde tendenziell verharmlost.

Bernstein fand heraus, dass israelbezogener Antisemitismus von Schülern und Lehrern „sehr häufig" geäußert und dabei oft als „legitime Kritik" vom Antisemitismus zu unterscheiden versucht werde. Viele Lehrer hätten Schwierigkeiten, Antisemitismus mit Israelbezug zu erkennen. Gleichzeitig würden jüdische Schüler nicht selten auf die Rolle als Repräsentanten Israels festgelegt.

Feindselige Atmosphäre

Wenn das immer wieder passiert, entstehe für jüdische Schüler eine „feindselige Atmosphäre, die einen selbstverständlichen, offenen Umgang mit ihren jüdischen Identitäten erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht", heißt es in der Studie. Opfer von Antisemitismus blieben oft allein und müssten mitunter erleben, dass sie diejenigen seien, die die Schule wechselten – und nicht die Täter. Und: Sowohl Schüler als auch Lehrer gingen aus Sorge oft nicht offen damit um, dass sie Juden seien.

Bernstein macht außerdem Bezüge zur nationalsozialistischen Vergangenheit aus: „Die Dimension der Nutzung nationalsozialistischer Symbolik unter Schülern sowie auch an Jüdinnen und Juden gerichtete Vernichtungsfantasien in direkter Bezugnahme auf die Schoah haben uns überrascht", sagt sie.

Antisemitische Angriffe sofort unterbinden

Die Studie liefert Handlungsempfehlungen für Lehrer, damit sie Antisemitismus professionell entgegenwirken und Betroffenen helfen können. In beiden Punkten sieht Bernstein Defizite, auch schon in der Ausbildung. Empfohlen werden Fortbildungen. Anders als bei vielen Vorfällen in der Praxis geschehen, müssten antisemitische Angriffe sofort unterbunden – und die Opfer geschützt werden.

mk/ip (KNA)

 

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