Antibiotika verringern Impfschutz bei Kleinkindern | Wissen & Umwelt | DW | 27.04.2022
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Medizin

Antibiotika verringern Impfschutz bei Kleinkindern

Für Kinder gibt es eine Reihe empfohlener Impfungen, die vor schweren Infektionskrankheiten schützen sollen. Antibiotika können den Impfschutz jedoch negativ beeinflussen, zeigt nun eine US-Studie.

Ein Kind bekommt nach der Impfung ein grünes Pflaster mit Marienkäfern

Wichtige Schutzimpfungen für Kleinkinder können durch Antibiotika an Wirkung verlieren

Die Einnahme von Antibiotika kann die Wirkung von Schutzimpfungen verringern, das ist bereits bekannt. Eine neue US-Studie, deren Ergebnisse nunim Fachjournal "Pediatrics" veröffentlicht wurden, hat dies allerdings erstmalig bei Kleinkindern gezeigt. Es wird vermutet, dass die Antibiotika das Darmmikrobiom verändern und Bakterien töten, die sonst das Immunsystem stärken, weshalb die Immunantwort auf die Impfung schwächer ausfällt.

Zwischen 2006 und 20016 haben die Forschenden vom Center for Infectious Diseases and Immunology am Rochester General Hospital Research Institute in New York 560 Kinder in einem Zeitraum von sechs bis 24 Lebensmonaten regelmäßig beobachtet. Zunächst sollten sie auf akute Atemwegsinfektionen, einschließlich akuter Mittelohrentzündung, untersucht werden. Im Nachhinein wurden dann die Blutproben ausgewertet, die im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen im Alter von 6, 9, 12, 15, 18 und 24 Monaten sowie bei Auftreten einer akuten Mittelohrentzündung entnommen wurden.

Infografik: Mindestens empfohlene Impfungen in Deutschland

Die Forschenden analysierten die Antikörperlevel im Blut für die Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Polio, Keuchhusten, Influenza und Pneumokokken. Sie glichen die Informationen mit Daten aus den Krankenakten der Kinder ab und befragten die Eltern zu Krankheiten und Antibiotikaverordnungen.

Von den 560 untersuchten Kindern erhielten 342 Kinder Antibiotika innerhalb der ersten 24 Lebensmonate - 218 Kinder erhielten keine.

Antikörperlevel unter dem Schutzniveau

Das Forscherteam konnte beobachten, dass die Antikörperlevel bei Kindern mit einer Antibiotika-Behandlung im Schnitt geringer waren als bei Kindern ohne Antibiotikabehandlung. Besonders häufig lagen die Antikörperlevel unter dem Schutzniveau, wenn die Kinder im Alter zwischen neun und zwölf Lebensmonaten eine Antibiotikabehandlung erhalten hatten. Auch wiederholte Antibiotikaanwendungen wirkten sich verstärkend negativ auf die Antikörperwerte aus.

"Das wichtigste Ergebnis ist, dass besonders bei Kindern mit Antibiotikagaben zwischen dem 9. und 24. Lebensmonat signifikant geringere Antikörpertiter gemessen wurden. Damit hätten sie ein erhöhtes Risiko, an Infektionen zu erkranken, die durch die Erreger, gegen die geimpft wurde, ausgelöst werden", so Prof. Dr. Ulrich Schaible, Direktor am Forschungszentrum Borstel, Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften (FZB). Er war nicht an der Studie beteiligt.

Im Rahmen der Studie sei jedoch nur die Menge der Antikörper gemessen worden und nicht ihr Potenzial, die entsprechenden Erreger zu neutralisieren - also die Infektion zu verhindern, so Schaible. Auch die Anzahl an T-Gedächtniszellen, die ebenfalls zum Schutz vor Krankheiten beitragen, wurde in der Untersuchung nicht berücksichtigt. 

Darüber hinaus sei interessant, so Schaible, dass die Kombination der Antibiotika Amoxicillin und Clavulanate nach fünf Tagen einen geringeren Effekt auf die Antikörperproduktion hatte als nach einer Gabe für zehn Tage. "Kürzer Antibiotika zu geben, scheint also besser zu sein", schlussfolgert er.

Mikrobiom: Immunsystem in Balance

Doch welche Rolle spielt nun die Darmflora bzw. das Mikrobiom? Als Mikrobiom bezeichnet man die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die den Menschen oder andere Lebewesen besiedeln. Die meisten dieser Bakterien kommen im Gastrointestinaltrakt vor. In vielen Fällen erfüllen die Bakterien für den Menschen wichtige Aufgaben, etwa bei der Herstellung von Vitaminen und der Verdrängung von Krankheitserregern. Sie beeinflussen das Immunsystem und werden teilweise selbst durch Medikamente beeinträchtigt.

"Antibiotika, die in der frühen Kindheit oft gegen eine Mittelohrentzündung verschrieben werden, greifen nicht nur die gefährlichen Bakterien im Ohr an, sondern auch die nützlichen Bakterien des Darmmikrobioms", weiß Dr. Cornelia Gottschick, Arbeitsgruppenleitung Infektionsepidemiologie am Institut für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Wie Schaible war auch sie nicht an der Untersuchung beteiligt.

Die Balance der Bakterien werde somit gestört und es sei denkbar, dass Impfungen dadurch ebenfalls nicht mehr ihre volle Wirkung zeigen, was zu einem verminderten Impfschutz führen kann.    

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Das Geheimnis des Mikrobioms

"In der Studie von Chapman et al. wurde das Darmmikrobiom nicht untersucht, sodass dieser Zusammenhang hier theoretisch bleibt", so Gottschick.

Antibiotika ausgleichen oder vermeiden

Laut Cornelia Gottschick könnte ein verminderter Immunschutz unter Umständen durch eine weitere Impfung ausgeglichen werden. Doch "dafür muss eine sorgfältige Kosten-Nutzen-Rechnung durchgeführt werden", rät sie.

"Möglicherweise kann eine Einnahme von Probiotika, welche das Darmmikrobiom während einer Antibiotikaeinnahme schützen sollen, den in der Studie beobachteten Effekt reduzieren", so Gottschick. Dem stimmt auch Schaible zu. "Probiotika sollten getestet werden, die das Mikrobiom nach der Antibiotikagabe schneller wiederherstellen, das heißt dessen Resilienz verbessern," sagt er. Doch auch hierzu seien weitere Studien notwendig. 

"Die Impfungen während der Antibiotikagabe auszusetzen und nach Therapieende nachzuholen, könnte auch eine Konsequenz der Studie sein", so Schaible. Doch was noch besser wäre als die Nebenwirkungen auszugleichen: Wenn möglich, ganz auf die Gabe von Antibiotika verzichten. Cornelia Gottschick betont, dass die Ergebnisse erneut zeigen, "wie wichtig es ist, dass Antibiotika nicht leichtfertig verabreicht werden."

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