Anstoß zum Umdenken der Filmbranche? | Kultur | DW | 07.12.2020
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Europäischer Filmpreis

Anstoß zum Umdenken der Filmbranche?

Mit dem Europäischen Filmpreis findet auch das letzte Filmfestival im Corona-Jahr 2020 digital statt. Darin liegen aber große Chancen für die Film-Branche.

Filmliebhaber, Festival-Gänger und Filmschaffende wissen es eigentlich schon seit Monaten. Mit den Erfahrungen der großen Filmfestivals von Cannes, Locarno, oder Venedig im Hinterkopf, sowie der Pandemie-Entwicklung vor Augen, stand früh fest, dass mit dem Europäischen Filmpreis auch das letzte größere Film-Festival in Europa nur digital stattfinden kann.

Und so bleibt das Schaulaufen der Stars auf dem roten Teppich abermals eine glitzernde Erinnerung an frühere Zeiten. 2020 wird es zum "Schauplatz Wohnzimmer": die eigene Couch wird zum Ersatz für den Kinosessel und das Blitzlichtgewitter der Paparazzi muss man sich denken. Alles wird ebenso wegfallen wie die sich sonst jedes Jahr anschließende Nach-Feier. 

Verleihungen an mehreren Abenden

Während andere Filmfestivals ziemlich kurzfristig umplanen mussten, hatten die Organisatoren des 33. Europäischen Filmpreis genug Zeit, um sich auf die veränderten Umstände und die neue digitale Präsentationsform einzustellen. Das Ergebnis nennt der Ausrichter, die Europäische Filmakademie in Berlin, kurz EFA, eine "andere Art der Preisverleihung".

Der rote Teppich beim Europäischen Filmpreis 2019 in Berlin.

Stars auf dem roten Teppich wird man beim diesjährigen Filmpreis vergebens suchen: Die Verleihung findet digital statt.

Anstatt der für den 12. Dezember geplanten Gala-Veranstaltung im isländischen Reykjavík wird der Filmpreis in einer Reihe von virtuellen Einzel-Zeremonien vom 8. bis zum 12. Dezember 2020 aufgeteilt. Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 20 Uhr, werden in Berlin aufgezeichnet und von dort sowohl im nationalen Fernsehen als auch online auf der Website der EFA gezeigt. Das große Finale findet am Samstag, 12. Dezember 2020, ab 20 Uhr statt.

Selbstbesinnung statt Selbstbeweihräucherung?

"Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen", kommentierte Mike Downey, der Vorstandsvorsitzende der Europäischen Filmakademie in Berlin, den Schritt. Er versprach gleichzeitig, dass das neue digitale Format außergewöhnlich und mehr als eine Übergangslösung sein soll: "Not ist die Mutter aller Erfindungen", so der irische Filmproduzent Downey. Man werde das neue Format auch weiter nutzen, um über eine Weiterentwicklung der Europäischen Filmakademie in den kommenden Jahren nachzudenken.

Fünf Hände halten die Statue des Europäischen Filmpreises.

In Zukunft nur noch virtuelle Preisverleihung? Nach der Gala posierten die Preisträger 2013 für die Fotografen

Das Hinterfragen eigener Strukturen, das in diesem Satz mitschwingt, war eine der für die Filmbranche - seltenen - positiven Konsequenzen aus der Corona-Pandemie. Und mit diesem optimistischen Ausblick spiegelt sich das auch im neuen Programm des Europäischen Filmpreises wider.

Waren die Preisverleihungen - wie bei allen großen Filmfestivals - sonst vor allem glamouröse Abendveranstaltungen, in denen sich die VIPs, die wichtigsten Personen der Film-Industrie, feiern ließen, hat sich der Fokus in diesem Jahr merklich verschoben.

Zukunft der Filmindustrie nach Corona?

Erstes Beispiel: Die Auftakt-Veranstaltung am Dienstag, 8. Dezember. In der Podiumsdiskussion mit dem Titel "From Survival to Revival: Building the Post-Covid Future" (etwa: 'Vom Überleben zur Neubelebung: Die Zukunft des europäischen Films nach Corona') diskutieren renommierte Filmemacher über eine grundlegende Neuausrichtung der europäischen Filmindustrie.

Selten ging es bei der Eröffnung eines Filmfestivals dezidiert auch um die Filmschaffenden hinter der Kamera, hinter den sorgsam gebauten Kulissen, die Mitarbeiter in den Produktionsfirmen oder im Kino, die alle nicht über den roten Teppich laufen. Und noch nie war das für die Branche so dringend nötig wie mit den harten Erfahrungen des Corona-Jahrs.

Aber auch weniger renommierte Kategorien für die Preisverleihung erhalten in diesem Jahr mehr Aufmerksamkeit und (Sende-)Zeit. Das wäre das zweite Beispiel: Am 9. Dezember werden nicht nur Preise für Kostüm, Schnitt oder Filmmusik vergeben, in den Tagen darauf steigen plötzlich auch Kunstformen wie der Animationsfilm oder künstlerische Kurzfilme zu den Hauptdarstellern einzelner Zeremonien auf. Sonst kamen sie nur unter "ferner liefen" vor.

Paula Beer steht im Film Undine vor einem Stadtplan von Berlin.

Die nominierte Schauspielerin Paula Beer, hier als Undine im Film von Christian Petzold.

Zwei deutsche Hoffnungsträger

Natürlich sollte das nicht überbewertet werden. Schließlich läuft weiterhin alles auf das "Grand Finale" am 12. Dezember zu, dem feierlichen Abschluss-Abend mit der Verleihung der Hauptpreise: Wer setzt sich in der Hauptkategorie "Bester europäischer Film" durch, wer wird von den 3.800 Mitgliedern der Filmakademie zur besten Darstellerin, wer zum besten Darsteller gewählt? Und wem wird zu guter Letzt der Preis für die beste Regie, das beste Drehbuch und den besten Dokumentarfilm zugesprochen?

2020 wurde zum ersten Mal die engere Auswahl in den jeweiligen Kategorien von fünf auf sechs ausgeweitet. Das hat der Vielfalt gut getan. Und so stehen neben der polnischen Produktion "Corpus Christi", dem dänisch-niederländischen Film "Druk" und dem italienischen Sozialdrama "Martin Eden", die sich mit jeweils vier Nominierungen die Favoritenrolle teilen, auch zwei deutsche Filme in der Endauswahl. Mit in der Endauswahl ist auch der tschechische Film "The Painted Bird",

Szene aus dem Film Berlin Alexanderplatz: Mann und Frau sitzen an der Bar.

Momentaufnahme aus dem nominierten Drama "Berlin Alexanderplatz" mit Welket Bungué und Jella Haase.

Auch die viel besprochene moderne Literatur-Verfilmung "Berlin Alexanderplatz" kann sich Hoffnungen auf die Auszeichnung als bester Film machen, Martin Behnke und Regisseur Burhan Qurbani sind ebenfalls für das beste Drehbuch nominiert. Konkurrenz in der Kategorie "Bester Europäischer Film" bekommt deren Spielfilm von Christian Petzolds mythischen Liebesdrama "Undine".

Die 25-jährige Paula Beer geht für ihre Rolle als Udine außerdem noch in das Rennen um die beste Hauptdarstellerin - in direkter Konkurrenz mit der deutschen Schauspielerin Nina Hoss, die im Schweizer Film "Schwesterlein" die Hauptrolle spielt.

In der Kategorie "Bester europäischer Darsteller" könnte es zu einem Zweikampf "David gegen Goliath" kommen: Der bereits vier Mal nominierte Hollywood-Schauspieler Mads Mikkelsen ("Druk") tritt unter anderem gegen den bisher eher unbekannten kroatischen Schauspieler Goran Bogdan an, der mit seiner Rolle als verzweifelter Vater in dem Film "Otac" ('Vater')" als Geheimfavorit gilt. 

Filmpreis 2022 in Reykjavík

Die Glasfassade der Konzerthalle Harpa im isländischen Reykjavík.

Austragungsort 2022: In der Konzerthalle Harpa in Reykjavík sollte die Verleihung 2020 stattfinden.

2021 will die Europäische Filmakademie den renommierten Filmpreis wieder persönlich vergeben – und zwar in Deutschland. Der Turnus des ausrichtenden Vereins sieht vor, dass die Verleihung alle zwei Jahre in Berlin stattfindet, wo die Akademie auch ihren Sitz hat.

Der eigentlich für dieses Jahr geplante Austragungsort Reykjavík wird nicht leer ausgehen, sondern als Austragungsort 2022 an der Reihe sein. Inwiefern dann bei der pompöseren Gala im futuristischen Konzerthaus Harpa in Reykjavik dann an die Filmschaffenden aus der zweiten und dritten Reihe gedacht wird, wird sich zeigen. So oder so  - die Corona-Pandemie hat das Filmgeschäft und auch Festivals und Preisverleihungen auf lange Sicht verändert.

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