Anschlag von Halle wirft Fragen auf | Aktuell Deutschland | DW | 10.10.2019
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Antisemitismus

Anschlag von Halle wirft Fragen auf

Ungeschützt - ausgerechnet am höchsten jüdischen Feiertag: Nach dem Angriff auf die Synagoge in Halle wird Kritik am Vorgehen der Polizei laut. Doch vieles in dem Fall ist noch unklar.

Nur glückliche Umstände haben offenbar verhindert, dass ein Rechtsextremist in der Synagoge in Halle ein Massaker anrichten konnte. Nachdem der Täter nicht in das Gotteshaus eindringen konnte, tötete er außerhalb der Synagoge zwei Menschen. 

Am Mittwochnachmittag konnte die Polizei einen 27-Jährigen festnehmen. Er steht unter Verdacht, der Mörder von Halle zu sein. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen hatte er gegen Mittag versucht, die Synagoge mit Waffengewalt zu stürmen. Zu dem Zeitpunkt hielten sich dort mehr als 50 Menschen auf, um Jom Kippur zu feiern, das wichtigste jüdische Fest. Nachdem der Anschlagsversuch scheiterte, soll der 27-jährige Deutsche vor der Synagoge und danach in einem nahen Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen und mindestens zwei weitere verletzt haben.

Angebliches "Manifest" des Mörders

Über die Opfer ist noch weniger bekannt als über den Täter. Unbestätigt ist auch, ob ein im Internet aufgetauchtes Live-Video der Tat und ein angebliches "Manifest" tatsächlich von dem Festgenommenen stammen. Das PDF-Dokument zeige Bilder von Waffen und enthalte einen Verweis auf das Video, schreibt Rita Katz im Kurzmitteilungsdienst Twitter. Sie ist die Leiterin der "Site Intelligence Group", die auf die Beobachtung von Extremisten spezialisiert ist.

In dem Text wird laut Katz das Ziel genannt, "so viele Anti-Weiße zu töten wie möglich, vorzugsweise Juden". Das Dokument sei anscheinend am 1. Oktober angelegt worden und gebe Hinweise darauf, wie viel Planung und Vorbereitung der Täter in die Attacke gesteckt habe.

Deutschland Halle nach Anschlag auf Synagoge: Einschusslöcher (Getty Images/J. Schlueter)

Einschusslöcher an der Synagogentür: Nur glückliche Umstände verhinderten ein Massaker

Ob das PDF tatsächlich von dem Angreifer stammt, ist bislang unklar. Nach ersten Prüfungen werde es von den Ermittlern aber als "authentisch" bewertet, meldet der "Spiegel" unter Berufung auf Sicherheitskreise. Unter anderem stimmten die in dem "Manifest" abgebildeten und vom Täter offenbar teils selbst gebauten Schusswaffen mit den tatsächlich bei dem Anschlag eingesetzten Waffen überein.

Das im Internet verbreitete Live-Video dokumentiert allem Anschein nach den Ablauf der Angriffe in Halle aus Sicht des Attentäters. Die Aufnahmen stammen wohl von einer Kamera, die am Helm des Mörders befestigt war. Bislang haben die Fahnder allerdings nicht bestätigt, dass es sich bei dem Mann im Video um den Attentäter handelt.

Das Video scheint auch zu zeigen, wie in mindestens zwei Fällen Ladehemmungen das Leben von Menschen retten. Der Täter setzte eine vermutlich im Selbstbau hergestellte Langwaffe, eine Pistole und Sprengsätze ein.

Tatort in Halle (picture-alliance/dpa/J. Woitas)

Tatort in Halle: Selbst gebaute Schusswaffen

Nach Angaben der Streaming-Plattform Twitch wurde das Video von rund 2200 Menschen angesehen, bevor es dann nach 30 Minuten gelöscht wurde. Über den vor etwa zwei Monaten erstellten Account sei zuvor nur einmal etwas veröffentlicht worden.

Die Bundesanwaltschaft sieht in dem Angriff eine staatsgefährdende Tat. Ermittelt wird unter anderem wegen Mordes und Mordversuchs. Übernommen hat die oberste Anklagebehörde das Ermittlungsverfahren wegen des "spezifischen staatsgefährdenden Charakters der Tat und der besonderen Bedeutung des Falles". Der mutmaßliche Täter war zuvor offenbar nicht als Rechtsextremer aufgefallen. Seine Wohnung wurde durchsucht. Die Ermittler prüfen, ob es Mittäter gegeben hat. Beim Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof werde im Laufe des Tages ein Haftbefehl beantragt, teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit.

Fahrlässigkeit der Sicherheitsbehörden?

Der Zentralrat der Juden in Deutschland erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei. "Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös", so Zentralratspräsident  Josef Schuster. "Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt." Nur glückliche Umstände hätten ein Massaker verhindert, sagte Schuster. "Die Brutalität des Angriffs übersteigt alles bisher Dagewesene der vergangenen Jahre."

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Halle, Max Privorozki, bestätigte der Deutschen Welle, dass die Synagoge am Jom-Kippur-Tag nicht speziell geschützt war: "Es gibt ständige Kontakte zur Polizei. Aber nach Auffassung der Polizei war es ausreichend, dass die sporadisch - ich weiß nicht wie oft - hier vorbeigefahren sind."

Der Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER), Pinchas Goldschmidt, nannte es "schockierend", dass die Synagoge an dem höchsten jüdischen Feiertag nicht ausreichend geschützt worden sei. "Dies hätte nie geschehen dürfen und darf nicht wieder geschehen", so Goldschmidt. Die Bundesregierung und die Sicherheitsbehörden müssten alles dafür tun, dass sich eine solch schreckliche Tat in Deutschland nicht wiederholt. Ähnlich äußerte sich der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Ronald S. Lauder.

Der FDP-Innenexperte Konstantin Kuhle forderte zwischen Bund und Ländern abgestimmte Schutzkonzepte für jüdische Einrichtungen in Deutschland. Dieses Thema müsse auf die Tagesordnung der nächsten Innenministerkonferenz gesetzt werden, sagte er dem "Handelsblatt". Die Länder sollten gemeinsame Standards vereinbaren.

AR/gri (dpa, epd, kna, afp)

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