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Kriminalität

Anklage gegen Osmanen-Germania-Mitglieder

14. Dezember 2017

Wie weit reicht der politische Einfluss des türkischen Präsidenten Erdogan in Deutschland? Nach den Vorwürfen gegen Ditib-Imame steht nun eine Rockergruppe im Blickfeld. Erkenntnisse der Behörden geben Anlass zur Sorge.

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Deutschland Rockergruppe "Osmanen Germania BC" in Neuss
Polizisten beobachten in Neuss ein Treffen der Gruppe Osmanen Germania BC (Archivbild) Bild: picture-alliance/dpa/D. Staniek

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat Anklage gegen acht mutmaßliche Mitglieder der national-türkisch geprägten Rockergruppe Osmanen Germania Box-Club erhoben. Ihnen werden unter anderem versuchter Mord und versuchter Totschlag zur Last gelegt, wie die Behörde mitteilte. Dazu kommen demnach räuberische Erpressung, gefährliche Körperverletzung, Zwangsprostitution und Zuhälterei sowie Verstöße gegen das Waffen- und Betäubungsmittelgesetz. Alle Beschuldigten sitzen in Untersuchungshaft.

Drei Verdächtige gehören zur weltweit höchsten Führungsebene

Die meisten von ihnen werden nach Angaben der Staatsanwaltschaft verdächtigt, andere Mitglieder der Osmanen Germania BC, die die Gruppe verlassen wollten oder sich Anweisungen widersetzten, "erpresst, beraubt und brutal zusammengeschlagen zu haben". Dabei sollen sie auch den Tod ihrer Opfer in Kauf genommen haben. Drei der acht Beschuldigten gehörten laut den Ermittlungen zur weltweit höchsten Führungsebene der Organisation. 

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt zusammen mit dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg und weiteren Polizeibehörden nach eigenen Angaben seit Ende 2016 gegen Mitglieder von Rockergruppen. Das Landeskriminalamt geht auch möglichen politischen Hintergründen des Konflikts zwischen türkischen und kurdischen Rockern in dem Bundesland nach. Landeskriminaldirektor Klaus Ziwey erläuterte in Stuttgart, man prüfe, ob die Gruppe Osmanen Germania BC politisch vom Ausland gesteuert werde. "Deshalb haben wir zum ersten Mal auch den Staatsschutz bei den Ermittlungen gegen diese Gruppierungen ins Boot geholt."

Ziwey sagte, die Osmanen hätten Kontakt zur Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD). Die UETD gilt nach Angaben des Innenministeriums als inoffizielle Auslandsorganisation der konservativen AKP, der Partei des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

AKP-Abgeordneter knüpfte enge Kontakte zu den Osmanen

Das ZDF-Magazin "Frontal 21" und die "Stuttgarter Nachrichten" berichteten, ein türkischer Abgeordneter mit guten Beziehungen zu Erdogan habe enge Kontakte zu den Osmanen geknüpft. Weiter hieß es unter Berufung auf Abhör- und Observationsprotokolle deutscher Sicherheitsbehörden, der AKP-Abgeordnete Metin Külünk habe Geld an führende Mitglieder der Osmanen übergeben oder übergeben lassen. Die Ermittler gingen demnach davon aus, dass von dem Geld auch Schusswaffen gekauft worden seien. Külünk soll laut den Recherchen auch daran mitgewirkt haben, die Proteste gegen die Armenier-Resolution des Bundestages im vergangenen Jahr zu organisieren.

Deutschland Osmanen Germania Gang
Mitglieder der Osmanen Germania protestierten im Juni 2016 gegen die geplante Bundestagsresolution zum Völkermord in Armenien Bild: picture alliance/dpa/P. Zinken

Das Bundesinnenministerium in Berlin teilte mit, die in den Medien erhobenen Behauptungen stünden teilweise im Zusammenhang mit einem Ermittlungsverfahren in Hessen, das bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt gegen Mitglieder der Osmanen anhängig sei. Die Sicherheitsbehörden gingen den Hinweisen auf einen möglichen Einfluss staatlicher türkischer Stellen nach. Das gelte erst recht für mögliche geplante Gewalttaten.

"Wir übernehmen das ganze Land"

Die Osmanen Germania gelten als die am schnellsten wachsende rockerähnliche Vereinigung in Deutschland. Nach eigenen Angaben haben sie bereits mehr als 2000 Mitglieder. Viele junge Männer mit Migrationshintergrund fühlen sich von den martialischen Videos angesprochen, mit denen die Gruppe im Internet für sich wirbt. Polizeiexperten schließen nicht aus, dass die schlagkräftige Truppe auch auf dem Weg sein könnte, am lukrativen Millionengeschäft mit Schutzgeld, Drogen und Prostitution mitzuverdienen. Von sich behauptet der Box-Club: "Wir übernehmen das ganze Land".

se/sam (afp, zdf, afp)