Angst vor Corona in Kolumbiens Gefängnissen | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 27.03.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Lateinamerika

Angst vor Corona in Kolumbiens Gefängnissen

Lange haben die kolumbianischen Behörden die katastrophale Hygiene in den Gefängnissen ignoriert. Nach tödlichen Häftlingsrevolten aus Angst vor Corona ist nun der Notstand ausgerufen worden. Nicole Frölich aus Bogota.

Polizisten stehen während des Aufstandes auf dem Dach es Gefängnisses von Cúcuta

Polizisten stehen während des Aufstandes auf dem Dach es Gefängnisses von Cúcuta

Offiziell hat sich noch kein kolumbianischer Gefängnisinsasse mit dem neuen Coronavirus infiziert. Es kann aber auch gut sein, dass die Infektionen schlichtweg nicht diagnostiziert wurden. Die Stiftung "Komitee der Solidarität mit Politischen Gefangenen" hat haarsträubende Aussagen der Insassen eines Gefängnisses in Cartagena gesammelt. Sie beklagen sich über ihre Schutzlosigkeit gegenüber dem Virus.

"Zahlreiche Insassen weisen Fieber und Erkältungssymptome auf. Wenn sie zur Krankenstation gehen, werden sie einfach wieder auf den Hof geschickt ohne untersucht zu werden und ohne dass Präventions- und Schutzmaßnahmen vorgenommen werden", so die Stiftung auf ihrer Webseite. In mehreren Anstalten des Landes ist außerdem die Rede davon, dass Schutzmasken, Seife und sogar fließend Wasser fehlen.

Gefängnisinsassen fühlen sich schutzlos

Aus Angst vor Corona begannen die Insassen von dreizehn Strafvollzugsanstalten am vergangenen Wochenende einen offenbar koordinierten Protest. Denn während die kolumbianische Regierung das ganze Land unter Quarantäne stellt, liegt die Auslastung mancher Gefängnisse bei 260 Prozent.

Ein Krankenwagen während des Aufstands im Gefängnis in Cucuta auf das Gelände

Ein Krankenwagen während des Aufstands im Gefängnis in Cucuta auf das Gelände

Zunächst spielten die kolumbianischen Behörden den Zwischenfall mit 23 Toten herunter. Es habe sich um einen koordinierten Ausbruchsversuch gehandelt und es gebe "kein Gesundheitsproblem, dass diesen Plan und die darauffolgende Meuterei provoziert" habe, beteuerte Justizministerin Margarita Cabello. Wenig später rief jedoch die für Vollzugsanstalten zuständige Behörde INPEC den Notstand im Gefängnissystem aus. Grund: Probleme mit der Gesundheitsversorgung.

Humanitäre Krise am Horizont

Laut der kolumbianischen NGO Dejusticia ist die Angst der Gefängnisinsassen berechtigt. "Es gab in der Vergangenheit Ausbrüche von Tuberkulose und anderen hochansteckenden Atemwegserkrankungen. Selbstverständlich haben die Inhaftierten jetzt Angst vor dem Coronavirus", sagt der Justizexperte Juan Hernández. "Wenn dieses Virus in die kolumbianischen Gefängnisse gelangt, wird es sich verbreiten wie ein Lauffeuer. Wir halten es durchaus für möglich, dass wir es bald mit einer humanitären Krise zu tun haben werden."

Eine Angehörige wartet nach der Revolte vor dem Gefängnis

Eine Angehörige wartet nach der Revolte vor dem Gefängnis

Eine Krise, die auch anderen Ländern bevorstehen könnte. Kolumbien ist bei weitem kein Spitzenreiter in der Region wenn es um die Überlastung des Gefängnissystems geht. Im März 2019 waren der Online-Datenbank "World Prison Brief" zufolge die haitianischen Vollzugsanstalten zu 454 Prozent ausgelastet. In El Salvador und Guatemala zu je 333 Prozent. Es herrschen menschenunwürdige Zustände. Häftlinge leiden Hunger, werden krank, sterben - sogar schon in "normalen" Zeiten.

In Brasilien, einem Land das immer wieder durch Gewaltexzesse in seinen verwahrlosten Gefängnissen in den Schlagzeilen landet, wollten tausende von Gefangenen der drohenden Katastrophe entkommen. Nachdem ihnen aus Vorsorgegründen der Freigang verwehrt wurde, brachen letzte Woche rund 1300 Insassen aus mehreren Gefängnissen im Bundesstaat Sao Paulo aus. Auch im Nachbarland Venezuela ergriffen Häftlinge nach der Ankündigung von Abschottungsmaßnahmen die Flucht: 84 Männer entkamen aus dem Gefängnis von San Carlos. Zehn weitere wurden beim Fluchtversuch erschossen.

Ausweg durch alternative Vollzugsmethoden

Einer der populärsten Vorschläge, um die Auslastung lateinamerikanischer Gefängnisse zu reduzieren, hat mit alternativen Vollzugsmethoden zu tun: Hausarrest für all jene, die nicht drohen zu fliehen oder rückfällig zu werden.

Eine Gruppe kolumbianischer Menschenrechtsorganisationen verlangt außerdem Hafterleichterungen für über Sechzigjährige, Menschen mit Vorerkrankungen, Schwangere und junge Mütter.

Kolumbiens Präsident Iván Duque

Kolumbiens Präsident Iván Duque

In mehreren Ländern werden solche Maßnahmen nun ernsthaft in Erwägung gezogen. Auf dem Tisch des kolumbianischen Präsidenten Iván Duque soll bereits ein Dekret zur Freilassung von bis zu 15.000 Sträflingen liegen. Ein erster, winziger Schritt. Aber der nationale Ombudsmann wünscht sich mehr. Noch vor einigen Tagen verlangte die Aufsichtsbehörde "permanente Lösungen für das überlastete System. (…) Die Strategie darf nicht konjunkturgebunden sein. Wir müssen ehrgeizig und kreativ sein."

Die Pandemie als Sprungbrett zum strukturellen Wandel

Ob die lateinamerikanischen Regierungen inmitten der Corona-Krise die kreative Energie aufbringen können, die ihnen schon im Regelbetrieb fehlt, ist zweifelhaft. Doch was hier verlangt wird, sind keine Gefälligkeiten. Jeder Mensch hat das Recht auf das höchste erreichbare Maß an körperlicher und geistiger Gesundheit. Ein Recht, dass hunderttausenden von Inhaftierten zwischen Mexiko und Chile verwehrt bleibt.

Die Gefahr des Coronavirus könnte die, welche die unmenschlichen Zustände in den Gefängnissen Lateinamerikas seit Jahrzehnten ignorieren, zum Handeln zwingen. Oder sie könnte als eine verpasste Chance auf tragische Weise in die Geschichte eingehen.

Die Redaktion empfiehlt