Angriff auf die Vielfalt | Aktuell Afrika | DW | 18.03.2015
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Aktuell Afrika

Angriff auf die Vielfalt

In Tunesiens Hauptstadt haben Terroristen unter Urlaubern ein Blutbad angerichtet. Im Nationalmuseum Bardo, das als eines der bedeutendsten archäologischen Museen Nordafrikas gilt.

Bildergalerie Bardo Museum Tunis

Venusstatue im Bardo-Nationalmuseum

Die beiden antiken Masken, die das Nationalmuseum von Tunis ganz vorne auf seiner Website präsentiert, haben zumindest dieses Mal ihren Dienst versagt. Die mesopotamisch inspirierten Arbeiten aus dem späten sechsten Jahrhundert vor Christus, die im nahegelegenen Karthago einst böse Geister abwehren sollten, konnten das Attentat nicht verhindet. Von ihrem Lächeln ließen sich die Terroristen, die das Bardo-Museum zur Mittagszeit attackierten, nicht abhalten. Ihr Angriff auf das Areal, auf dem sich auch das tunesische Parlament befindet, kostete 17 Touristen das Leben. Insgesamt seien 19 Menschen umgekommen, berichtet die Regierung, die die Zahlen im Laufe des Tages nach unten korrigieren konnte. Mehrere Personen seien verletzt worden.

Noch ist unklar, welcher Institution der Angriff galt: dem Parlament oder dem Museum - oder vielleicht beiden zugleich. Nach den Angriffen auf die antiken Kunstschätze im Museum von Mossul liegt es aber nahe, den Angriff auch als einen auf die kulturelle Vergangenheit Tunesiens zu sehen. Dies umso mehr, als die Behörden des Landes seit längerem mit der Rückkehr tunesischer Dschihadisten rechnen, die im Irak und in Syrien in den Reihen des "Islamischen Staats" gekämpft haben. Der "IS" hatte sich zu den Angriffen auf das antike Erbe des Iraks bekannt.

Tunesien Tunis Angriff auf das Nationalmuseum in Bardo

Besucher des Nationalmuseums in Tunis werden nach dem Anschlag am 18.3.2015 in Sicherheit gebracht

Treffen die Vermutungen der tunesischen Behörden zu, dann nehmen die Terroristen mit ihrem Anschlag die Spuren einer einzigartigen multikulturellen Vergangenheit ins Visier. Es wäre ein Anschlag auf die vielfältige Kultur des "weißen mittleren Meeres", wie das Mittelmeer auf Arabisch genannt wird. Ein Meer, das die Länder an seinem südlichen und nördlichen Ufer trennt, und zugleich verbindet.

Reiche Kultur des Mittelmeers

Kaum irgendwo dokumentiert sich der verbindende Charakter des Mittelmeers so eindrücklich wie im Bardo-Museum. Es besitzt neben dem ägyptischen Museum in Kairo die wohl umfassendste archäologische Sammlung in Nordafrika. Dort sind die Relikte sämtlicher Zivilisationen, die sich auf tunesischem Boden befunden haben, ausgestellt. Zu den ältesten Hinterlassenschaften zählen Schindeln und steinerne Keile aus Aïn Brimba im Süden Tunesiens, angefertigt vor rund 4000 Jahren. Ebenso findet sich dort auch die Kultstätte von El Guettar.

Aus punischer Zeit bewahrt das Museum mehrere beschriftete Steinplatten auf, auf denen die Vereinbarungen Karthagos mit anderen Mittelmeermächten festgehalten sind. Sie dokumentieren Beziehungen der nordtunesischen Stadt zu Griechen, Römern und den Phöniziern - den Angehörigen eben jener Kultur, aus denen die Bewohner Karthagos einst hervorgegangen sind. Um 500 vor Christus angefertigte Masken lassen ebenfalls griechische, aber auch mesopotamische, ägyptische und schwarzafrikanische Einflüsse erkennen. Aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus entstammen die Überreste eines ehemals in Dougga im Nordwesten Tunesiens gelegenen Heiligtums, das punische und altlibysche Inschriften aufweist.

Mosaik im tunesischen Nationalmuseum (Foto: FETHI BELAID/AFP/Getty Images)

Zu den Hauptattraktionen des Bardo-Museums zählt die weltweit bedeutendste Sammlung römischer Mosaiken

Die aus dem ersten Jahrhundert vor Christus stammenden Stelen von La Ghorfa wiederum spiegeln die synkretistische Kultur Nordafrikas zur Zeit der Römer, die Karthago 146 vor Christus eroberten und zerstörten. Zahlreiche Büsten römischer Eroberer erinnern an den siegreichen Feldzug der damals stärksten Macht am Mittelmeer. Zu den Hauptattraktionen des tunesischen Nationalmuseums zählt die weltweit bedeutendste Sammlung römischer Mosaiken. Auf ihnen finden sich die unterschiedlichsten Motive: städtisches und ländliches Leben, Jagdszenen, Stier- und Gladiatorenkämpfe, aber auch kultische Handlungen. Auch christliche Motive sind auf einigen der Mosaike erhalten.

Aus islamischer Zeit stammen mittelalterliche Kalligraphien, deren bekannteste der "Blaue Koran" aus Kairouan aus dem frühen zehnten Jahrhundert ist. Von kulturellem Feinsinn des frühen Islam zeugen auch die zahlreichen erhaltenen Instrumente - so etwa Tambourine, Violinen sowie mehrere Exemplare der arabischen Laute, der oud.

Karte des Geländes, auf dem der Anschlag stattfand (Foto: Google Maps)

Karte des Geländes, auf dem der Anschlag stattfand

In der Vielfalt seiner Exponate umfasst das Nationalmuseum jenen kulturellen Reichtum, dessen Untergang in der jüngeren Vergangenheit des Landes der tunesische Historiker und Islamwissenschaftler Hichem Djaït immer wieder beklagt hatte. Die arabische Welt, schrieb er in seinem berühmt gewordenen Buch "Die Krise der islamischen Kultur", habe einen umfassenden Zerstörungsprozess durchlaufen. Dadurch haben sie den Kontakt zu ihrer jüngeren Vergangenheit verloren. Und eben darin unterscheide sie sich vom Westen, der diesen Kontakt immer gepflegt habe. Verantwortlich dafür macht er die islamistischen Strömungen der Region. "Die islamistische Bewegung hat weder eine tiefe religiöse Vorstellung, noch ist sie kulturell und intellektuell durch den Islam geprägt - dazu sind ihre intellektuellen Fähigkeiten schlicht zu schwach."

Wozu sie fähig ist, haben die mutmaßlich dschihadistischen Attentäter mit dem Anschlag in Tunis bewiesen. Dort starteten sie einen Angriff auf die Hinterlassenschaften all jener Kulturen, die es in ihren Augen vermutlich nie hätte geben dürfen.

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