Angekommen in der Wirklichkeit: ″Neues Deutsches Kino″ auf dem Filmfest München | Filme | DW | 07.07.2019
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Filmfest München

Angekommen in der Wirklichkeit: "Neues Deutsches Kino" auf dem Filmfest München

"Die Macht der Realität" war das Motto des 37. Münchner Filmfests. Viele Beiträge aus der Reihe "Neues Deutsches Kino" präsentierten sich als Filme aus dem wahren Leben. Wir haben nachgefragt, woher die Stoffe kommen.

Szene aus Es gilt das gesprochene Wort mit rauchender Frau am Tisch (Filmfest München 2019/Erik Mosoni)

Ausgezeichnete Schauspielerin: Anne Ratte-Polle in dem Kinofilm "Es gilt das gesprochene Wort" (2019)

Ein kurdischer Gigolo träumt von einer Zukunft in West-Europa, seine Urlaubsbekanntschaft, eine Pilotin aus Deutschland, will sich von einer Krebsbehandlung erholen. Ein Paar im fortgeschrittenen Alter versucht einen Neustart ins Beziehungsleben bei einem Kurzurlaub in Budapest.

Ein junger begabter Mann träumt von einer Karriere als Konzertpianist und scheitert am gnadenlosen Konkurrenzdruck innerhalb der Musikschule. Das sind nur drei von einem ganzen Dutzend Film-Geschichten, die die Regisseurinnen und Regisseure beim 37. Filmfest München (27.06. bis 06.07.2019) präsentiert haben.

Trends des deutschen Kinos nachspüren

"Neues Deutsches Kino" heißt diese traditionsreiche Reihe, ein Herzstück des Festivals in München. Dort lässt sich jedes Jahr ablesen, wohin der deutsche Film tendiert. Gibt es einen vorherrschenden Trend? Was sind das für Geschichten, die den Filmemachern auf den Nägeln brennen?

Fast ausnahmslos waren in diesem Jahr Weltpremieren in der Reihe zu sehen. In dieser Dichte darf das Münchner Filmfest auch von sich behaupten, tatsächlich einen Überblick über das aktuelle Filmschaffen in Deutschland zu ermöglichen. Ein guter Gradmesser also.

Wenn nicht alles täuscht, zieht sich gerade eine neue Ernsthaftigkeit durch das deutsche Filmgeschehen: Menschen in der Krise, Frauen und Männer, die nicht mehr ganz jung sind, schon einiges hinter sich und erlebt haben in ihrem Leben.

Filmfest München 2019 - Premierenbild mit dem Team nach der Vorstellung von Was gewesen wäre (Filmfest München 2019/Bernhard Schmidt)

In den Kinosälen der Reihe "Neues deutsches Kino" herrschte drangvolle Enge: hier das Team von "Was gewesen wäre"

Wenig Komödiantisches war in diesem Jahr zu sehen, wenig Genre-Kino wurde gezeigt, weniger Coming-of-Age-Geschichten und coole Jugend-Storys. Das gefiel nicht allen. Der Filmkritiker des Wochenmagazins "Der Spiegel" bewertete die Filmauswahl in München als "gediegen und teils betulich". Das kann man auch anders sehen.

Begegnung der Kulturen - als Beziehungsfilm

"Es gilt das gesprochene Wort" heißt der neue Film von İlker Çatak, der vor drei Jahren als Newcomer einen Oscar gewonnen hat - in der Kategorie für Filmstudenten. Jetzt erzählt Regisseur Çatak von einem Paar, das nicht ganz freiwillig zusammengekommen ist: Der Kurde Baran verdingt sich in vielen Jobs im türkischen Urlaubsort Marmaris, unter anderem auch als Gigolo für liebeshungrige Frauen aus dem Westen Europas.

Baran trifft in Marmaris auf die deutsche Pilotin Marion, eine couragierte Frau, die sehr krank ist. Wie die beiden sich näherkommen und welche Hindernisse sie dabei überwinden, davon erzählt der Regisseur zunächst mit heiteren Zwischentönen, zunehmend aber ernst und der Schwere des Themas entsprechend.

Szene aus Es gilt das gesprochene Wort mit Darsteller auf Lade eines kleinen LKW (Filmfest München 2019/Erik Mosoni)

Baran (Ogulcan Arman Uslu) will nach Westeuropa: Für die Darsteller von "Es gilt das gesprochene Wort" gab's einen Preis

In München bekam der Film gleich zwei Auszeichnungen des hochdotieren "Förderpreises Deutsches Kino" - für das Drehbuch und für die erstklassigen Schauspieler. 

Überraschend starke Resonanz - auch aus dem Ausland

Produziert hat den Film Ingo Fliess ("if…Productions"), der nach der Münchner Uraufführung auf eine internationale Verbreitung des Films hofft: "Wir hatten eine überwältigende Premiere", erzählt er im DW-Interview. "Überwältigend insofern, dass wir schon wussten, dass der Film gut ist, aber wir wussten nicht, wie viele Seiten der beim Publikum tatsächlich zum Schwingen bringt. Und wie berührt er unser Publikum zurückgelassen hat", erzählt Fliess noch ganz beeindruckt davon. 

Extrem positive Reaktionen kämen gerade auch aus dem Ausland: "'Screen Daily' hat eine regelrechte Hymne über den Film geschrieben, was jetzt hoffentlich stark hilft beim nächsten Schritt", berichtet Fliess. Und der sähe dann so aus: Einladungen von anderen, internationalen Festivals, Verkäufe an Verleiher aus dem Ausland.

Die Chancen stehen nicht schlecht für diesen ausgezeichneten Film "Es gilt das gesprochene Wort".

Beziehung nach der Beziehung: "Was gewesen wäre"

Um eine schwierige zwischenmenschliche Beziehung geht es auch in Florian Koerner von Gustorfs Film "Was gewesen wäre". Koerner, Jahrgang 1963, ist bisher vor allem als Produzent des international erfolgreichen deutschen Regisseurs Christian Petzold in Erscheinung getreten, Jetzt hat er sich für die Kinoproduktion "Was gewesen wäre" erstmals selbst auf den Regiestuhl gesetzt.

Szene aus Was gewesen wäre mit den beiden Darstellern lächelnd beim Plausch (Filmfest München 2019)

Finden zueinander: Paul (Ronald Zehrfeld) und Astrid (Christiane Paul) in "Was gewesen wäre"

Auch Regisseur Koerner erzählt von einem Paar, dass einige Hindernisse überwinden muss um zusammen zu kommen. Astrid und Paul haben beide schon einige Beziehungen hinter sich. Nun versuchen sie ein neues Leben, mit neuem Partner - was sich als schwierig erweist. Vor allem weil Astrid bei einem Kurzurlaub in Budapest auf eine alte Jugendliebe trifft.

Florian Koerner von Gustorf im DW-Interview (DW/J. Kürten)

Regiedebüt: Regisseur Florian Koerner von Gustorf im DW-Interview in München

Koerner ging es in dem Film vor allem um die Frage, wie Paare, die schon einiges hinter sich haben, überhaupt gemeinsam miteinander leben können: "Wenn man sich in dem Alter trifft und zusammenfindet, geht es auch ja darum, die Vergangenheit des Anderen zu akzeptieren."

In so einem Alter, reflektiert der Regisseur im DW-Interview, "ist jeder natürlich mit seiner Geschichte zum Teil so belastet, dass man sich überlegt: Muss ich das jetzt (dem neuen Partner, Anmerk. d. Red.) erzählen? Gehört das zu unserer neuen Beziehung dazu, was ich früher erlebt habe? Oder kann ich das für mich behalten?" All das seien Situationen, die sich erst im fortgeschrittenen Alter einstellen.

Sabrina Sarabi erinnert in "Prélude" an Michael Haneke

Einen jungen Mann hingegen stellt Regisseurin Sabrina Sarabi in ihrem Film "Prélude" in den Mittelpunkt. Auch hier überwiegt eine melancholische und skeptische Grundstimmung.

Der 19-jährige David, gespielt von Louis Hofmann, will Konzertpianist werden. Er geht auf ein Konservatorium und wird dort mit hohen Erwartungen und einem gnadenlosen Konkurrenzkampf und Eifersüchteleien unter den Mitbewerbern konfrontiert.

Szene aus Prelude mit Jungem am Klavier (X Verleih)

Lohnen die Mühen des knallharten Konkurrenzkampfes? Louis Hofmann als Klavierschüler in "Prélude"

Sarabi erzählt das zum Ausgang des Films mit einer gnadenlosen Härte, die an frühe Arbeiten von Altmeister Michael Haneke erinnern lässt. "Das Thema, mit dem sich der Film befasst, findet absolut nicht nur in der Musikwelt statt, genauso gut wäre ein Betriebswirtschaft-Student oder ein Sportler denkbar gewesen, der den zu hohen Erwartungen und dem Leistungsdruck unterliegt", zeigt sich die Regisseurin überzeugt.

Sie habe das Musikkonservatorium letztendlich als Umfeld für ihren Film gewählt, weil sie es aus künstlerischer Sicht am interessantesten gefunden habe.

"Die jungen Leute spüren einen stärkeren inneren Druck."

Ist das Thema Leistungsdruck denn heute besonders brennend? "Ja, absolut", sagt Sarabi im DW-Interview. "Wir sind einerseits in einem totalen Freiheitsgefühl und so einem Versprechen aufgewachsen, dass wir alles machen dürfen, was wir wollen." Es gäbe zwar "gefühlt weniger Vorgaben und Regeln", aber das führe zu einer "höheren Eigenverantwortung und damit eben auch zu einem stärkeren inneren Druck", so die Regisseurin (Jahrgang 1982), die an der Kunsthochschule für Medien in Köln studiert hat.

Junger Mann und junges Mädchen im Klavierraum der Musikschule (X Verleih)

Freunde und Konkurrenten am Klavier-Konservatorium: die Schauspieler Johannes Nussbaum und Liv-Lisa Fries

Das sind nur drei von zwei Dutzend deutschen Filmgeschichten, die in München 2019 zu sehen waren, weitere Beispiele ließen sich aufzählen. Ist das nun ein Trend: Ältere Charaktere, die auf der Kinoleinwand mit dem Leben ringen? Junge Menschen, die fernab jeder Leichtigkeit ins Leben starten?

"Neues deutsches Kino": Filme für erwachsenes Publikum

Das Motto des diesjährigen Filmfests "Die Macht der Realität" traf jedenfalls auf viele deutsche Filme zu. Es gab nur wenig zu lachen in München, was der Reihe "Neues Deutsches Kino" aber nicht zum Nachteil gereichte. Und es waren viele überzeugende Filme dabei, oft herausragend gespielt, ruhig und bedacht in Szene gesetzt.

Die deutsche Kino-Geschichte werden diese Filme vielleicht nicht revolutionieren, formal wurden nur wenig Grenzen überschritten. Doch dürften diese Filme von deutschen Regisseurinnen und Regisseure gute Chancen haben beim Publikum - auch im Ausland.

"Es gilt das gesprochene Wort" startet am 1. August  2019 in den deutschen Kinos, "Prélude" am 29. August, "Was gewesen wäre" am 21. November.

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