Amsterdam: Cannabis-Touristen unerwünscht! | DW Reise | DW | 02.11.2021
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Niederlande

Amsterdam: Cannabis-Touristen unerwünscht!

Bürgermeisterin Femke Halsema will ein Coffeeshop-Verbot für ausländische Besucher durchsetzen. Ob das eine wirksame Maßnahmen ist, um den Partytourismus in Amsterdam wirksam einzudämmen, ist umstritten?

Coffeeshops in Amsterdam

In Amsterdam reiht sich ein Coffeeshop an den nächsten

Für so manchen Urlauber gehören der Kauf und der Konsum von Cannabis zu einem Amsterdam-Besuch ganz einfach dazu. Doch wenn es nach dem Willen von Bürgermeisterin Femke Halsema geht, soll damit bald Schluss sein. So soll Touristen ab 2022 der Zugang zu Coffeeshops verwehrt bleiben. Halsemas Ziel: Weniger Partytouristen in der niederländischen Hauptstadt, weil die für viele Amsterdamer zum Ärgernis geworden sind. Amsterdam will sich ein neues Image verpassen, weg vom Partytourismus.

Dieser Vorstoß sorgt für Unmut und Sorge bei den Coffeshop-Betreibern. Cannabis-Cafés, wie auch andere Gastgewerbe, haben angesichts strikter pandemiebedingter Restriktionen harte Zeiten hinter sich. Ein Touristenverbot käme zur Unzeit und würde schwere Einnahmeeinbußen bedeuten, befürchten viele Coffeeshop-Betreiber. Zudem könnte, so ihre Sorge, der Marihuana-Handel auf den Schwarzmarkt ausweichen.

Gähende Leere: Amsterdam im Lockdown

Gähnende Leere: Amsterdam im Lockdown (Dezember 2020)

Vor Ausbruch der Corona-Pandemie kamen jährlich rund 20 Millionen Menschen in die Grachtenstadt. Eine Stadt, wohlgemerkt, in der kaum eine Million Menschen leben.

Während Coffeeshops und andere Gewerbe von den Besuchermassen profitierten, waren sie vielen Einheimischen ein Dorn im Auge. Nachdem eine Anwohnerinitiative eine Begrenzung des Ansturms forderte, entschied die Stadt im Sommer 2021, pro Jahr maximal 20 Millionen touristische Übernachtungen zuzulassen. Damit ist Amsterdam die weltweit erste Stadt, die eine solcher Obergrenze einführt.

Um sich Wohnraum zurückzuerobern, zeigte Amsterdam Airbnb die rote Karte. Seit dem 1. Oktober gilt in Amsterdam eine Registrierungspflicht. Wer seine Wohnung vermieten will, muss das vorher anmelden. Airbnb musste daraufhin alle Anzeigen entfernen, die keine Registrierungsnummer enthielten. Der Einbruch war dramatisch: 80 Prozent der Adressen gingen verloren. 

Das für 2022 angekündigte Cannabis-Verbot nun ist ein weiterer Schritt, um Touristenmassen und vor allem grölende Partytouristen aus dem Stadtzentrum zu verbannen. Die Hoffnung ist, dass sich viele erst gar nicht auf den Weg nach Amsterdam machen, wenn die Coffeshops für Touristen geschlossen sind. 

Ausländische Touristen unerlässlich fürs Geschäft

Von einem Cannabis-Verbot für Touristen hält Eve Mcguire indes wenig. Die Verkäuferin im "Coffeeshop Reefer" fürchtet einen massiven Umsatzeinbruch. "Wenn wir Touristen ausschließen, verlieren wir 80 Prozent unserer Kundschaft," sagt Mcguire gegenüber der DW. "Niederländische Kunden verbringen keine Zeit  in Coffeeshops, sie kaufen ihr Cannabis und gehen nach Hause."

Coffeshop-Verkäuferin Eve Mcguire

Eve Mcguire hält wenig von einem Coffeshop-Verbot für Touristen

Laut dem Direktor des "Amsterdam Cannabis Museums", Gary Gallagher, beklagen viele vom Tourismus abhängige Branchen Besucher- und Umsatzrückgänge, obgleich niederländische pandemiebedingte Einreisebestimmungen gelockert wurden. Deshalb hält er es für höchst unwahrscheinlich, dass das Coffeshop-Verbot für Touristen tatsächlich umgesetzt werden wird. Viel zu groß ist das Abgleiten in den Schwarzmarkthandel. "Sie können die Regeln ändern aber sie werden nicht unsere Kultur ändern. Amsterdam hat seinen Ruf und das wird so bleiben."

Er erinnert daran, dass nach der vorübergehenden Schließung von Coffeeshops während des Lockdowns Straßendealer kurzerhand das Geschäft übernahmen. "Nach wenigen Tagen ruderte die Stadt zurück und die Läden durften wieder öffnen," so Gallagher gegenüber der DW.

Gary Gallagher vom Amsterdam Cannabis Museum

Gary Gallagher fürchtet eine Rückkehr der Straßendealer

Auch Cannabis-Verkäuferin Mcguire hält für unwahrscheinlich, dass das Verbot wirklich kommt. "Das ist eine totale Lüge. Sie werden niemals damit durchkommen." Auch die Abgabe an die vielen EU-Bürger, die in der Stadt leben und arbeiten, würde schwierig. "Sie müssten theoretisch ihre Aufenthaltserlaubnis zeigen. Aber die brauchen sie ja gar nicht, weil sie EU-Bürger sind." Man müsste sie also wie Touristen behandeln, obwohl sie in Amsterdam leben. Ein Paradox.

Partytourismus ade?

Trotzdem kann Mcguire gut nachvollziehen, warum der Vorschlag eines Verkaufsverbots für viele reizvoll klingt. Auch sie sei oft von Besuchermassen genervt gewesen und froh, als im Zuge der Pandemie Ruhe in Amsterdams Straßen einkehrte.

Amsterdams Rotlichtviertel

Amsterdams Rotlichtviertel ist ein Tourismusmagnet

Andere Stadtbewohner haben die Schattenseiten des Partytourismus noch sehr viel heftiger zu spüren bekommen. Der 26-jährige Milan lebt in einer Souterrain-Wohnung im bei ausländischen Besuchern beliebten Rotlichtviertel De Wallen. "Eines Nachts lag ich auf meinem Bett und beobachtete, wie sich jemand vor mein Fenster kauerte und dann erbrach", erinnert sich der junge Mann. Milan würde es begrüßen, wenn der Zustrom feierwütiger Touristen begrenzt würde. "Diese Leute sind respektlos, dieses Viertel ist eine Wohngegend, aber das sehen sie nicht." 

Amsterdams Bürgermeisterin Halsema hatte Anfang des Jahres vorgeschlagen, das Viertel umzugestalten und die Prostitution an den Stadtrand zu verlagern. Nicht wenige glauben, diese Maßnahme und ein Coffeeshop-Verbot für Touristen würden das Leben vieler Innenstadtbewohner beträchtlich verbessern. Außerdem, so die Hoffnung, könnten so mehr an Kultur Interessierte in die Stadt strömen - und nicht so viele, denen es nur um Rauschgift geht.

Amsterdamer Gracht

Amsterdam bietet viel sehenswerte Kunst und Architektur

Doch Gary Gallagher vom "Amsterdam Cannabis Museum" ist überzeugt, eine verstärkte Polizeipräsenz in Amsterdams Stadtkern hätte weitaus größere Wirkung. "Bislang hat die Polizei zu oft weggeschaut, aber jetzt wäre die Gelegenheit, das zu ändern." Die Anwohner wären sicher alle dafür, wenn wirklich gegen Krawall suchende Partytouristen vorgegangen würde. "Aber Besucher davon abzuhalten, ihr Geld bei uns auszugeben, das ist sicher keine schlaue Idee", betont Gallagher.