Amokfahrer von Trier will schweigen | Aktuell Deutschland | DW | 19.08.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Deutschland

Amokfahrer von Trier will schweigen

Im Dezember war der 51-jährige Angeklagte mit seinem SUV durch die Fußgängerzone von Trier gerast und hatte fünf Menschen ermordet. Der Prozessauftakt verlief nun anders als erwartet.

Der Angeklagte im Landgericht Trier hinter Sicherheitsglas

Der Angeklagte im Landgericht Trier hinter Sicherheitsglas

Angehörige und Opfer in Trier warten seit Dezember auf Antworten auf die Frage nach dem Warum. Doch der Auftakt des Verfahrens vor dem Landgericht Trier in Rheinland-Pfalz sorgt zunächst für Enttäuschung. Der mutmaßliche Täter will nämlich schweigen. "Ich will selbst keine Aussage machen", sagte der 51-Jährige. Seine Verteidigerin fügte hinzu: "Weder zur Person noch zur Sache."

Angeklagt ist der Mann wegen fünffachen Mordes und versuchten Mordes in 18 Fällen, wobei 14 Passanten schwer verletzt wurden. Vier Menschen hatten sich noch in letzter Sekunde retten können.

Lichter, Kerzen und Blumen

Lichter, Kerzen und Blumen im Gedenken an die Opfer (Archivbild)

Oberstaatsanwalt Eric Samel sagte bei der Verlesung der Anklageschrift, es sei die Absicht des Deutschen gewesen, möglichst viele Menschen zu töten oder zu verletzen, als er sie gezielt mit hohem Tempo ansteuerte. Er habe die "Arg- und Wehrlosigkeit" der Fußgänger ausgenutzt, die sich keiner Gefahr bewusst waren. Daher sei die Tat mit der Waffe Auto heimtückisch gewesen.

Das jüngste Todesopfer ist neun Wochen alt 

Dann schilderte Samel, wie der Angeklagte am 1. Dezember 2020 gegen 13.45 Uhr mit dem schweren SUV in die Fußgängerzone einbog und stark beschleunigte. Zunächst steuerte er frontal ein Ehepaar an, die Frau (73) erlag später ihren Verletzungen. Dann raste er auf dem Hauptmarkt auf eine Familie zu, die zum Einkaufsbummel unterwegs war. Sie konnte nicht ausweichen, denn er kam von hinten. Das neun Wochen alte Baby wurde aus dem Kinderwagen geschleudert und starb - wie dessen Vater (45).

Dann hielt er auf eine Frau auf einem Fahrrad (52) zu - und verletzte sie tödlich. Und schließlich erfasste er eine Studentin (25) von hinten: Sie wurde 50 Meter weit durch die Luft geschleudert und war sofort tot. Mit mehr als 80 Kilometern pro Stunde war der Amokfahrer in der belebten Simeonstraße unterwegs, stellte die Polizei später fest.

Zudem gab es rund 300 Traumatisierte, die Augenzeugen wurden, wie Menschen starben, schrien, flüchteten oder Verletzten halfen. Mehrere Personen erlitten so schwere Verletzungen, dass sie bis heute behandelt werden. Unter ihnen ist ein 62-jähriger Polizeibeamter mit einem schweren Schädelhirntrauma. 

Deutschland nach der Amokfahrt von Trier | Gedenken

Zwei Tage nach der Amokfahrt gedenken Menschen in der Trierer Innenstadt mit einer Schweigeminute der Opfer

Von dem angeklagten gelernten Elektroinstallateur weiß man: Er ist alleinstehend, arbeitslos, ohne festen Wohnsitz. Offenbar war er durch seine persönlichen Lebensumstände frustriert, wie der Oberstaatsanwalt weiter ausführte. Von Anwälten und Notaren habe er sich missverstanden gefühlt. "Er entwickelte einen allgemeinen Gesellschaftshass." Vor diesem Hintergrund sei er dann auch am Tattag ins Auto gestiegen.

Insgesamt 26 Termine sind in dem Verfahren bis Ende Januar 2022 angesetzt. Die Staatsanwaltschaft hat mögliche 291 Zeugen benannt, um die Ereignisse aufzuklären, die bundesweit für Entsetzen sorgten.

Neben der Frage nach dem Warum der Tat wird die Frage der Schuldfähigkeit des Angeklagten im Prozess zentral sein. Nach vorläufiger Einschätzung eines psychiatrischen Sachverständigen leidet der Angeklagte an einer Psychose.

se/jj (dpa, afp, ap)

Die Redaktion empfiehlt