Amil Shivji: ″Afrika ist nicht eindimensional″ | Kultur | DW | 20.09.2018
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Filmfestival

Amil Shivji: "Afrika ist nicht eindimensional"

Zum 16. Mal zeigt das Afrika-Filmfestival in Köln Filme, die sich dem afrikanischen Kontinent widmen. Amil Shivji, der Schirmherr, im Gespräch über die Grenzen im Kopf und die Stärke jedes Einzelnen.

Amil Shivji ist ein tansanischer Filmemacher und Dozent an der Universität in Dar es Salaam. 2014 präsentierte er zum ersten Mal seine Kurzfilme "Shoeshine" und "Samaki Mchangani" (Landfisch) beim Afrika Filmfestival in Köln. Seitdem ist er zu Gast bei vielen internationalen Filmfestspielen. Dieses Jahr eröffnete er als Schirmherr das Afrika Filmfestival in Köln mit seinem neuen Film "T-Junction".

Deutsche Welle: Der Fokus des 16. Afrika Filmfestival ist die Binnenmigration in Afrika. Ihr Film "T-Junction" ist eine Geschichte über zwei tansanische Mädchen, die sich in einem Krankenhaus kennenlernen. Es ist keine klassische Migrationsgeschichte. Wie passt Ihr Film in das Programm des diesjährigen Festivals?

Amil Shivij: Der Film handelt von den Geschichten zweier Mädchen, die aus zwei verschiedenen Gesellschaftsschichten kommen – und von der Teilung unseres Gesellschaftssystems. Der Film zeigt, dass wir trotz der Unterschiede viele Gemeinsamkeiten haben. Und er zeigt auch, dass Solidarität zwischen den Gemeinschaften möglich ist. Ich glaube, dass mein Film sich insofern auf Migration bezieht, als dass sich Migration nicht nur auf das Überqueren einer Staatsgrenze bezieht. Wir haben auch innerhalb unserer Gesellschaften Grenzen.

Sie sind der Schirmherr des diesjährigen Afrika Filmfestivals in Köln. Welches Bild von Afrika zeigen die Filme? Gibt es auch Themen, die hoffnungsvoll und positiv über diesen Kontinent sprechen?

Genau deswegen liebe ich das Afrika Filmfestival in Köln, denn das Ziel ist es, Afrika nicht eindimensional, sondern ein facettenreiches Bild des Kontinents zu zeichnen. Und das ist sehr wichtig. Es gibt viele schöne Kurzfilme, die die Realität in all ihren Facetten zeigen. Jede Stadt, jedes Dorf, jede Straße auf der Welt hat ihre Probleme, aber es gibt immer Hoffnung, es gibt immer einen Widerstand der Menschen gegen diese Probleme. Der Grund, wieso wir noch existieren, ist, dass wir widerstandsfähig sind. Wir kämpfen, wir geben nicht auf. Wir sind durch Kriege, Hunger und Naturkatastrophen gezeichnet, aber wir geben nicht auf. Wir sind keine eindimensionale Gesellschaft. Es gibt Filme, die genau das zeigen - und nicht nur mit Stereotypen brechen, sondern uns auch Freude und Hoffnung geben, wenn wir sie gucken.

Plakat Afrika Film Festival in Köln

80 neue Filme, 30 internationale Gäste: Das Afrika Filmfestival in Köln 2018

Das Thema Migration, das auch der Fokus des Filmfestivals ist, ist allgegenwärtig in dem medialen und politischen Diskurs in Deutschland und Europa. Doch meist geht es um die Migration nach Europa. Dabei lebt fast die Hälfte aller Flüchtlinge auf der Welt in Afrika. Wie wird über Migration in Afrika gesprochen, wie sieht der politische Diskurs aus?

Wenn wir in Afrika über das Thema Binnenmigration sprechen, klingt das für mich etwas ironisch und widersprüchlich. In den 1960ern existierte eine starke Idee vom Pan-Afrikanismus, nicht nur als kulturelle Identität sondern auch als politisches und wirtschaftliches System. Im Rahmen des Pan-Afrikanismus würde man nicht von Flüchtlingen, sondern von Reisenden sprechen. Die Grenzen würden uns nicht aufhalten. Stattdessen müssen sich jetzt die Flüchtlinge aus Burundi, die nach Tansania geflüchtet sind, anhören, dass sie in ihr Land zurückkehren sollen. Wieso ist das so? Wieso verdrängen wir sie, wenn sie in Not sind, und wir in der Lage sind, sie zu unterstützen?

Wenn es um die Diskussion über Nationalismus geht, passieren in Afrika ähnliche Prozesse wie hier in Europa. Eigentlich war Nationalismus eine sehr wichtige Ideologie für uns in Afrika in den 50ern und 60ern, darunter verstand man aber das Gefühl der Unabhängigkeit. Ganz anders als in Europa. Doch jetzt nutzen unsere Führungspersönlichkeiten die gleiche Sprache wie damals, aber die Zeiten haben sich geändert, unsere Geschichte ist jetzt eine andere. Wenn man heute von Nationalismus spricht, schlägt er in Fremdenhass um. Das ist sehr beängstigend und engstirnig. Wir müssen die Sprache ändern und nicht über Nationalismus, sondern über Pan-Afrikanismus sprechen.

Wenn für Sie Pan-Afrikanismus die Lösung ist, was müssen die Länder machen, was verbindet sie?

Eine der Sachen, die uns verbindet, ist, dass wir die gleichen Teufel bekämpfen. Wenn ich den Film "T-Junction" in Afrika zeige - von Südafrika, über Zimbabwe und Ägypten bis nach Burkina Faso: Der Grund, wieso er so gut aufgenommen wird, ist, dass die Menschen diesen Kampf der verschiedenen Arbeiterschichten verstehen. Sie verstehen es einfach. Sie alle kennen die Frau am Straßenrand, die Essen verkauft oder den Zeitungsverkäufer. Sie gibt es in jeder Gesellschaft, und sie kämpfen täglich ums Überleben. Ich wollte eine Geschichte erzählen, die eigentlich jeder kennt. Wenn ich solche Geschichten zeige, vergessen die Menschen die Sprachbarrieren, den Fremdenhass. Damit können wir uns alle identifizieren. Es sind die gleichen Probleme. Und auch wenn es nicht die eine Lösung für alle gibt, dafür sind die Probleme zu komplex und jedes Land hat seine Spezifika, so können wir doch voneinander lernen und uns unterstützen.

Das Gespräch führte Rayna Breuer

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