Goldsucher bedrohen Indigene mit dem Tod | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 05.08.2019
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Amazonas

Goldsucher bedrohen Indigene mit dem Tod

Laut Verfassung steht den Yanomami ihr Land exklusiv zu. Aber Goldschürfer dringen in ihr Territorium ein und bedrohen sie mit dem Tod. Nun rufen die Yanomami um Hilfe. Und hoffen auf Unterstützung aus dem Ausland.

Dário Vitório Kopenawa wird mit dem Tode bedroht, schon lange. Er gehört zum indigenen Volk der Yanomami und leitet mit seinem Vater Davi Kopenawa dem Yanomami-Verband "Hutukara". Seit sie illegale Goldschürfer in ihrem Territorium zur Anzeige gebracht haben, nehmen die Todesdrohungen zu. "Sie sagen, dass Hutukara ihre Arbeit behindern", sagt Dário Kopenawa im Telefonat mit der DW, "und dass sie uns umbringen, wenn wir sie noch einmal anzeigen."

Den Indigenen zufolge ist die Zahl der Eindringlinge im letzten halben Jahr explodiert. 20.000 hätten sie gezählt. Das wären ebenso viele Goldsucher wie Indigene in diesem Gebiet. Um an das Gold zu kommen, roden die Invasoren den Wald, heben Gruben aus und verschmutzen den Boden und das Wasser mit giftigen Chemikalien wie Quecksilber. Damit gefährden sie die Lebensgrundlage der Yanomami.

Ein Territorium, so groß wie Portugal

Das Siedlungsgebiet dieses Volkes im nördlichen Teil des Amazonasbeckens gehört zu den entlegensten Winkeln Südamerikas. Es liegt zu etwa gleichen Teilen in Venezuela und Brasilien. Von den 35.000 der Yanomani leben etwa 19.000 im brasilianischen Teil, der mit mehr als 96.000 Quadratkilometern allein etwa so groß ist wie Portugal. 1992 erkannte die Regierung das Gebiet als "Terra Indígena", als Indigenengebiet an.

Mehr als 600 solcher Gebiete gibt es in Brasilien, zusammen bedecken sie etwa ein Achtel der Landesfläche: mehr als eine Million Quadratkilometer. Dort haben die Indigenen nach der brasilianischen Verfassung weitreichende, exklusive Nutzungsrechte - theoretisch zumindest.

Brasilien Wayapi Indianer (Getty Images/AFP/A. Gomes)

Auch von Goldsuchern bedroht: Angehörige der Wajapi im Bundesstaat Amapa

Aktivisten reklamieren, diese Rechte würden zugunsten staatlicher Großprojekte aufgeweicht. Dass sie illegal verletzt werden, bezweifelt eigentlich niemand. Erst Ende Juli drangen bewaffnete Goldsucher in das Gebiet der Waiãpi im Bundesstaat Amapá ein und töteten einen Indigenen.

Sie kommen, um zu bleiben

Auch in Auseinandersetzungen zwischen den Yanomami, dem größten Volk im Amazonasbecken, und Goldsuchern hat es bereits Tote gegeben. Derzeit, sagt Kopenawa, laufe es anders: "Sie bringen Drogen mit und schmeicheln sich ein. Sie bringen den Indigenen Essen, Schnaps, Schusswaffen und Munition und sagen, dass sie zu den guten Goldschürfern gehören und helfen wollen."

Offenbar geht es nicht um einen Raubzug, sondern ein längerfristiges Vorhaben. Im Territorium der Yanomami entsteht bereits eine regelrechte Infrastruktur: Bei Überflügen wurden ganze Barackensiedlungen mit WLAN-Punkten, Bars und Bordellen gesichtet. Versteckte Landebahnen erleichtern den Nachschub und den Abtransport der Beute.

BdW Global Ideas Bild der Woche Brasilien illegale Goldminen (Reuters/N. Doce)

Mit Satellitenschüssel, Ventilator und Churrasco-Grill: Illegale Goldschürfersiedlung im Norden Brasiliens

"Diese Goldschürfer arbeiten nicht alleine", darion ist sich Kopenawa sicher. "Sie werden von Politikern und mächtigen Unternehmern finanziert." Nichtregierungsorganisationen aus Brasilien und dem Ausland, wie "Survival International" mit Sitz in London, teilen diese Einschätzung. Sarah Shenker, Sprecherin von Survival International, sagt: "Wir müssen der Welt zeigen, was dort passiert. Wir sehen, dass internationaler Druck die Situation der indigenen Gemeinschaften langfristig am besten verändert."

Indigene Rechte unter Beschuss

Bisher verbieten brasilianische Gesetze solche Aktivitäten. Doch Versuche, die Rechte der Indigenen zu beschneiden, gibt es seit Jahrzehnten immer wieder. Lobbygruppen versuchen alles, um die Gesetze zu ändern. Und in der aktuellen Regierung haben sie offenbar mehr Verbündete als die Yanomami und die anderen Indigenen.

Brasilien Protest von Indigenen in Brasilia (Reuters/N. Doce)

Brasilia: Indigene demonstrieren für ihre Rechte (April 2019)

Schon im Wahlkampf hatte Brasiliens Präsident versprochen, Bergbau auf indigenem Boden zu legalisieren. Ein entsprechender Gesetzentwurf liegt nun vor. "Ein riesiger Reichtum, diese Erde. Es ist absurd, was dort an Bodenschätzen liegt", sagte Bolsonaro bei der Präsentation. "Ich ersuche die Erste Welt, diese Gebiete in Partnerschaften auszubeuten und Mehrwert zu schaffen."

Tatsächlich steckt das Gebiet voller Bodenschätze. Nach Angaben der Non-Profit-Organisation Instituto Socioambiental in São Paulo gibt es derzeit 534 Anträge zum Abbau von Mineralien, allein auf dem Gebiet der Yanomami.

Der Staat gibt die Kontrolle auf

Viele allerdings wollen nicht so lange warten. Sie schaffen Tatsachen. Gefahr droht ihnen kaum, seit die Funai, eine Behörde des Justizministeriums zum Schutz der Indigenen-Rechte, drei ihrer vier Stützpunkte dort geschlossen hat. Auch das Militär, das die Funai bei gefährlichen Operationen unterstützt, hat seine beiden Stützpunkte in dem Gebiet aufgegeben.

Aus der Bundesstaatsanwaltschaft in Roraima heißt es, man führe geheime Ermittlungen im Zusammenhang mit illegalem Bergbau. Sie warnt sogar vor der Gefahr eines Genozids in dem Indigenengebiet. Für die Staatsanwältin Manoela Lins Cavalcante wäre die Wiedereröffnung der Funai-Stützpunkte ein wichtiger Schritt, um das Überleben der Indigenen zu sichern: "Ohne sie kann der Staat dieses Gebiet nicht effektiv kontrollieren." Deshalb sei es auch nicht verwunderlich, dass sich die Goldschürfer breit machten.

Brasilien Indigene Völker adressieren Protestschreiben an Bolsonaro (picture-alliance/dpa/Agencia Brazil/M. Camargo)

Protest gegen die Beschränkung der Arbeit der Indigenenbehörde Funai (Dezember 2018)

Bereits im vergangenen November hat ein Gericht die Wiedereröffnung verfügt. Die Funai erkennt die Notwendigkeit dazu sogar an. Die Antwort auf eine Anfrage der DW lässt jedoch erkennen, dass die brasilianische Bundesregierung und die des Bundesstaates Roraima sowie die Funai die richterliche Anordnung aus Kostengründen anfechten.

Die Hoffnung liegt im Ausland

Vor gut einem Monat hat der Yanomami-Verband Hutukara in Brasilia Anzeige wegen der sprunghaft gestiegenen Zahl der Eindringlinge erstattet. Vize-Präsident Kopenawa gehörte zu der Abordnung, die die Dokumente beim Justiz- und beim Verteidigungsministerium sowie in der Funai vortrugen. Bei den Unterlagen waren auch GPS-Daten von illegalen Gruben in ihrem Territorium. Nun heißt es hoffen.

Unterstützung von oberster Stelle erwartet er jedenfalls nicht: "Der Präsident tut gar nichts, um die Goldgräber von unserem Boden zu entfernen. Der aktuelle Präsident ist noch schlimmer als seine Vorgänger", sagt Kopenawa. "Er versucht, die indigenen Völker Brasiliens loszuwerden." Helfen, sagt er, könnte eigentlich nur Druck aus dem Ausland.

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