Marthe Wandou: Kameruns Kämpferin für Gerechtigkeit | Afrika | DW | 01.10.2021
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Alternativer Nobelpreis

Marthe Wandou: Kameruns Kämpferin für Gerechtigkeit

Marthe Wandou hat sich in der Region Hoher Norden Kameruns dem Kampf für die Rechte von Frauen und Kindern verschrieben. Jetzt bekommt sie für ihren Einsatz den Right Livelihood Award.

Marthe Wandou ist die Gründerin des Vereins ALDEPA (Lokale Aktion für partizipative und selbstverwaltete Entwicklung) im Hohen Norden Kameruns und in der Region um den Tschad-See. Sie ist eine der Preisträgerinnen des Right Livelihood Awards 2021, dem "Alternativen Nobelpreis". Die DW hat mit ihr gesprochen. 

DW: Marthe Wandou, was bedeutet es für Sie, mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet zu werden?

Marthe Wandou: Es ist überwältigend! Für mich ist das eine Anerkennung für unsere Arbeit, die wir für die Kinder und Frauen machen, aber besonders für die Rechte der Kinder.

Die Trägerin des Right Livelihood Awards, Marthe Wandou, aus Kamerun

Der Name ALDEPA setzt sich aus dem französischen "Action locale pour un développement participatif et autogéré" zusammen

DW: Haben Sie seit den 1990ern und dem Beginn Ihrer Arbeit Veränderungen wahrgenommen? 

Wandou: Ja, ich sehe große Entwicklungen. Besonders die Tatsache, dass mehr und mehr Eltern die Notwendigkeit sehen, die Mädchen in die Schule zu schicken. Wir sehen auch greifbare Ergebnisse bei den jungen Mädchen, die wir begleitet haben, die es geschafft haben, selbst zu Vorbildern zu werden und heute an der Sensibilisierung anderer Mädchen und der Eltern mitwirken.

Marthe Wandou in einer Gruppe junger Frauen und Männer, die in der Solarindustrie arbeiten

Perspektiven für Frauen in einer von Männern geprägten Gesellschaft - dafür kämpft Marthe Wandou

DW: Wieso sind widmen Sie diesen Themen Ihr ganzes Leben?

Wandou: Ich bin in dieser Region zur Welt gekommen. Es gibt kein Mädchen in der Region Hoher Norden in Kamerun, das noch nie geschlechterspezifische Gewalt erlebt hat, egal welcher Art. Auch ich habe das durchgemacht. Und nehmen wir mein Beispiel: In der Grundschule waren wir sehr viele Mädchen, und ich weiß, dass auch einige sehr intelligent waren. Als ich in die Oberstufe und dann weiter an die Universität gekommen bin, war ich plötzlich fast alleine. Alle, mit denen ich in der Schule war, im Gymnasium, waren nicht mehr da. Das sind Situationen, die mich zermürben. Also habe ich mir gesagt: Um hier etwas zu ändern, muss man von Grund auf anfangen. Im Augenblick haben die Frauen nicht die Möglichkeit, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Sie wurden von einer Gesellschaft mit patriarchalen Traditionen geprägt. Aber wenn man von Grund auf mit den Mädchen anfängt, und auch mit den Jungen arbeitet, kann man die Dinge bestimmt besser machen. Deshalb habe ich mir eines Tages gesagt, ich muss etwas tun! 

Marthe Wandou hebt die Finger zum Victory-Zeichen

Siegerpose einer Unermüdlichen: Marthe Wandou erhält einen der Alternativen Nobelpreise 2021

DW: Gab es einen konkreten Auslöser für Ihr Engagement?

Wandou: Bei mir hat es Klick gemacht, als ich ein kleines Mädchen getroffen habe. Es hat an der Straße verkauft. Jemand hat versucht, es zu missbrauchen. Es hat geweint, und ich habe es zur Seite genommen und ihm Fragen gestellt. Am Ende habe ich es nach Hause begleitet. Dann habe ich mit seinen Eltern gesprochen. Sie haben mir gesagt, dass es stimmt, dass ihre Tochter früher zur Schule gegangen sei. Aber dieses Jahr hätten sie kein Geld mehr dafür. Ich habe sie gefragt: Kann ich etwas tun? Wenn sie einverstanden wären, würde ich das Schulgeld übernehmen. Sie waren dazu bereit, und wir sind in die Schule gegangen - und dann hat sie weitergemacht. Im Laufe der Zeit ist das wirklich zu meiner Persönlichkeit geworden: Dieser Kampf ist mein ganzes Leben.

ALDEPA-Mitarbeitende gratulieren zur Auszeichnung

Applaus für die Chefin: ALDEPA-Mitarbeitende gratulieren zur Auszeichnung

DW: Mit welchen Argumenten überzeugen Sie Eltern, vor allem der ärmsten Familien, dass Mädchen in die Schule gehören, dass sie in die Schule geschickt werden sollten, aber auch, dass sie in der Schule bleiben sollten?

Wandou: Erstens, es gibt kostenlosen Unterricht. Sogar die ärmsten Familien können die Schulgebühren für die Grundschule bezahlen. Der zweite Punkt sind Vorbilder: Wie ich stammen auch andere Kolleginnen und andere engagierte Frauen aus der Region - wir konnten zur Schule gehen und haben Erfolg. Das andere Argument bezieht sich auf die Kinderheirat. Wir sprechen über die Folgen einer Kinderehe für das Leben des Kindes, seiner Familie und der Kinder, die es bekommen könnte. Es gibt Situationen, in denen Leute sagen, 'Ich verfüge über mein Kind. Ich will nicht, dass meine Tochter Prostituierte ist, dass sie schwanger oder Schande über die Familie bringt. Also ist der einzige Ausweg, dass sie heiratet.'

Aber wir arbeiten auch mit den Mädchen selbst, in den Schulen und auch in den Gemeinschaften. Wir bauen auch Mädchenvereine in den Schulen auf, damit sich die Mädchen untereinander Ratschläge geben können und aufeinander aufpassen. Sie sollen lernen, zu frühe Ehen abzulehnen, und auch lernen, im Falle von Gewalt diese anzuzeigen.

Marthe Wandou in einem Gruppenbild afrikanischer Frauen

Zu Wandous Arbeit zählen Workshops zur Unterstützung von Mädchen und Frauen

DW: In diesen Tagen jährt sich der Beginn der "anglophonen Krise" in Kamerun, also der bewaffnete Konflikt im englischsprachigen Landesteil, zum fünften Mal. Hat sich diese Gewalt auf Ihre Tätigkeit ausgewirkt?

Ja, die "anglophone Krise" hat natürlich Einfluss auf unsere Arbeit. Der Hohe Norden Kameruns ist auch stark von der Boko-Haram-Krise betroffen. Wir müssen große Herausforderungen bewältigen, wenn es darum geht, die Bedürfnisse von Menschen in Not - besonders von Binnenvertriebenen - zu decken. Aber es gab auch Schwierigkeiten auf der Ebene der Partner, die Aktivitäten in einer humanitären Notlage unterstützen. Sie mussten sich auch mit diesen Krisen auseinandersetzen und mussten Ressourcen, die eigentlich für die Region Hoher Norden vorgesehen gewesen waren, auch auf die Region NOSO aufteilen (Nord-Ouest, Sud-Ouest; Nordwesten, Südwesten - wo die bewaffneten separatistischen anglophonen Bewegungen mehr Autonomie beziehungsweise Unabhängigkeit für ihre Region fordern, Anm. d. Red.). 

Dabei darf man auch die andauernde Krise in der Zentralafrikanischen Republik nicht vergessen, die es auch noch gibt. Im Hohen Hohen Norden nehmen wir außerdem Binnenvertriebene auf, die aus den Regionen Nordwesten und Südwesten des Landes fliehen: Familien, aber besonders auch Studierende und junge Menschen, die hier auf der Suche nach einem neuen Leben sind.

DW: Häufig sind bei bewaffneten Konflikten Frauen und Mädchen die ersten Opfer …

In Bezug auf Boko Haram haben wir 2018 eine Studie über die Situation der Frauen und Mädchen in dieser Krise gemacht. Es gab Gräueltaten: Frauen, die zusehen mussten, wie ihre Männer und Kinder vor ihren Augen getötet werden. Frauen, die als Sexsklaven missbraucht wurden, nachdem sie gewaltsam entführt wurden und bei Boko Haram leben mussten. Wenn sie wiederkommen, sind sie traumatisiert, manchmal sind sie auch schwanger oder haben ein Kind. Den Vater werden sie oft nicht wieder sehen. Aber selbst wenn sie ihn wiedersehen sollten: Sie haben ja niemals selbst entschieden, mit ihm zusammen sein zu wollen.

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Das Interview führte Sandrine Blanchard. Übersetzt aus dem Französischen von Catherine Lankes.

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