Alter Falter! Ist das wirklich aus Glas? | Wirtschaft | DW | 17.07.2019
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Mittelstand goes Hightech

Alter Falter! Ist das wirklich aus Glas?

Mit faltbaren Smartphones wollen Samsung und Huawei den Markt aufmischen. Beide aber haben mit den Displays noch Probleme. Ein Mittelständler aus Garbsen aber kann Handy-Displays falten.

Roman Ostholt staunte nicht schlecht, als sein für die Messe angefertigter Faltdisplay-Prototyp plötzlich verschwunden war. "Alle wollten es sehen und kurz in die Hand nehmen", erinnert sich der Bereichsleiter für Dünnglasbearbeitung des Lasertechnologie-Spezialisten LPKF Laser & Electronics. Das war im Mai auf der Display-Week im sonnigen Kalifornien.

Das Branchentreffen stand unter dem Eindruck der gescheiterten Produkteinführung des Galaxy Fold vom Weltmarktführer Samsung im Frühjahr. Das lang angekündigte faltbare Handy aus Korea war Zukunftsmusik geblieben. Der Grund: technische Probleme bei der Umsetzung. Ein bitterer Rückschlag für die Welt der Handyhersteller und deren Zulieferer.

USA - Samsung Galaxy Fold Event (Imago Images/Kyodo News)

Große Präsentation des Samsung Galaxy Foldable im Februar 2019 in San Francisco

Jetzt hat das mittelständische Unternehmen LPKF in Garbsen bei Hannover eine mögliche Lösung gefunden. "Als ich die auf dem Kongress der Display Week präsentierte, war es mucksmäuschenstill in der Messehalle", erinnert sich Ostholt. "Das ist wirklich aus Glas?" war die am häufigsten gestellte Frage an diesem Tag.

Die Szene im kalifornische San Jose war keine Ausnahme: der Innovationsgeist des deutschen Mittelstands wird weltweit bewundert und honoriert. Immer mehr Firmen gehen hierzulande erfolgreich neue Wege. Der Filzstifthersteller Edding aus Hamburg verbessert nicht nur seine Stifte, sondern weitet sein Angebot auf neue Märkte wie Nagellack aus. Der Fahrradbauer Canyon aus Koblenz arbeitet mit Leistungssportlern zusammen, um seine Modelle an die Bedürfnisse seiner Kunden anzupassen. Und der Fertighausbauer Bien-Zenker im hessischen Schlüchtern setzt als erstes Unternehmen seiner Branche auf einen Industrieroboter, der den Umgang mit Holz lernen musste. Neuerungen made by Mittelstand.

LPKF-Vizechef Roman Ostholt

LPKF-Vizechef Roman Ostholt

Innovations-Motor Mittelstand

Die Commerzbank hat das mit Zahlen belegt: 81 Prozent der Befragten ihrer Studie zu "Unternehmerperspektiven" sehen in der hohen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte den wesentlichen Treiber für den weltweiten Erfolg. Die Untersuchung wirft auch einen Blick auf die veränderten Strategien zur Internationalisierung des Mittelstands. Tenor: Risiken ja, aber auch viele Chancen. Stichwort Digitalisierung: Hier sehen Mittelständler viele Chancen und weniger Risiken. 78 Prozent haben keine Angst vor disruptiven Geschäftsmodellen. Die günstigen finanziellen Rahmenbedingungen beflügeln 73 Prozent. Trotzdem rechnen zwei Drittel der Befragten in den nächsten zwei Jahren mit geringerer Planungssicherheit - mehr als die Hälfte befürchtet sogar konjunkturelle Eintrübungen. Gründe hierfür sind politische und wirtschaftliche Unsicherheiten. Rund die Hälfte sieht in globalen Handelskonflikten eine Bedrohung für das eigene Geschäft. Aber wie reagieren? 78 Prozent der Mittelständler mit einem Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro steuern mit verstärkter Innovationstätigkeit gegen. Ebenso viele setzen auf digitalisierte Produkte und Prozesse.

Hochpräzisionslaser des Lasermaschinenbauers LPKF

Hochpräzisionslaser des Lasermaschinenbauers LPKF

Neue Wege gehen - eine Strategie, die auch die Lasertechnologie-Spezialisten in Garbsen verfolgen: Forschung und Entwicklung gehört für LPKF (650 Mitarbeiter, Umsatz 2018: 120 Millionen Euro) zum Alltag: Ergebnisse sind Spezialtechnologien für die Herstellung von Leiterplatten, integrierten Schaltkreisen, Mikrochips, Automobilteilen und Solarmodulen - und eben seit ein paar Monaten auch faltbare Displays und Bildschirme.

"Gerade einmal drei Monate hat unser Team gebraucht, um mit unserem patentierten Verfahren namens LIDE ein Glas so zu bearbeiten, dass es nicht bricht, wenn es wie ein Buch zusammengefaltet wird", erinnert sich der LPKF-Vorstandsvorsitzende Götz Bendele. LIDE steht für Laser Induced Deep Etching. Damit können Elektronikhersteller ultradünnes Glas bearbeiten, ohne Oberflächendefekte zu erzeugen. Um so weit zu kommen, lässt Bendele seinen Ingenieuren viel Freiheit, kreativ zu sein: "Es darf nicht nur darum gehen, Zielvorgaben linear abzuarbeiten", ist er überzeugt. Wichtig sei auch, was auf dem Weg dorthin passiert, Freiraum zum Ausprobieren zu schaffen - ein bisschen Startup Feeling in Garbsen.

Götz Bendele, Vorstandschef der LPKF Laser&Electronics AG

Götz Bendele, Vorstandschef der LPKF Laser&Electronics AG

Das Geheimnis des Erfolgs

Das Geheimrezept? Manchmal reiche es, einfach loszulegen. "Findet eine Lösung, um präzise Löcher in Glas zu bohren, ohne das Material zu schwächen", so lautete der Auftrag für Ostholts Team. Sie bearbeiteten daraufhin die Glasoberfläche mit einem Spezial-Laser und dann mit einer chemischen Flüssigkeit. Das Ergebnis: Strukturiertes Glas ohne Oberflächenschäden. Das durchsichtige Material ließ sich sogar so bearbeiten, dass es stabil und gleichzeitig flexibel genug war, um es ohne Probleme zu falten.

Ermutigt von den Resultaten beschloss das Team um Ostholt den ursprünglichen Auftrag noch breiter zu fassen: "Wer schnell und präzise bohren kann, kann selbstverständlich auch schneiden", war Ostholt überzeugt.

Mut, etwas Neues auszuprobieren und flache Hierarchien, um schnell reagieren zu können, findet man bei LPKF, Edding, Canyon und Bien-Zenker. Aber das sind nicht die einzigen Voraussetzungen, die für Innovationen notwendig sind: "Noch wichtiger sind die Mitarbeiter", sagt Bendele. "Wir bemühen uns um die klügsten Köpfe und entwickeln für unsere Kunden immer neue Lösungen an der Spitze des technologisch Machbaren. Wer Spaß an solchen Hightech-Aufgaben hat, ist bei uns richtig aufgehoben und wird mit Sicherheit spannende Geschichten erleben."

Für LPKF waren außerdem wichtig: Fördermittel und Wettbewerbe der Bundesregierung sowie der Austausch mit Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen - und die enge Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Kunden.

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