Alphabetisierung vor Ort | Deutschlehrer-Info | DW | 04.07.2019
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Deutschlehrer-Info

Alphabetisierung vor Ort

Das Projekt KASA bietet Alphabetisierungskurse für Migranten in deren persönlichem Umfeld an. Die besonderen Lernorte und der Vergleich von Ziel- und Herkunftssprache sollen Ängste vor der fremden Schriftsprache abbauen.

6,2 Millionen funktionale Analphabeten gibt es in Deutschland laut Erhebungen aus dem Jahr 2018. Das sind Personen, die sowohl Buchstaben erkennen können, als auch in der Lage sind, ihren Namen und ein paar Wörter zu schreiben. Längere Text verstehen können sie jedoch nicht. Etwa drei Millionen dieser funktionalen Analphabeten sind Zuwanderer.

Ihnen kann das Projekt „Kontrastive Alphabetisierung im Situationsansatz“ (KASA) helfen, das von Britta Marschke und Abed All Gaffar Mohamed auf der Regionalkonferenz Nordrhein-Westfalen vorgestellt wurde. Deutschlandweit bietet es 42 Alphabetisierungskurse für türkisch- , arabisch- und persischsprachige Migrantinnen und Migranten in acht Bundesländern an. Finanziert wird es vom Bundesministerium.

Besonders an diesem Projekt ist der kontrastive Ansatz. Das bedeutet, dass der Unterricht sowohl in der Zielsprache Deutsch als auch in der Muttersprache der Lerner stattfindet. So soll der Sprach-und Schrifterwerb des Deutschen vereinfacht werden. Für diese Art von Unterricht werden Lehrer gebraucht, die neben der Zielsprache auch die Herkunftssprache der Lernenden perfekt beherrschen.

Truska Alaadin ist eine von ihnen. Sie kommt aus dem Irak, hat Anglistik studiert, ist seit etwa 15 Jahren in Deutschland und seit Oktober 2018 im Projekt beschäftigt. In ihrem Unterricht verwendet sie die Lehrmaterialen, die speziell für diese Kurse erstellt wurden und auch mit Rückmeldung der Sprachlehrer stetig weiterentwickelt werden.

Sie könne sich generell gut in die Probleme ihrer Schüler hineinversetzen und finde die zweisprachige Methode sinnvoll, sagt Alaadin. Wenn sie beispielsweise einen Buchstaben einführt, vergleicht sie ihn mit Wörtern auf Arabisch, die den gleichen Buchstaben beziehungsweise Laut enthalten. Nach dem Einführen eines neuen Lerngegenstands wird dann hauptsächlich Deutsch gesprochen. Die Zielsprache macht 60 bis 70 Prozent der Unterrichtszeit aus.

Britta Marschke, Geschäftsführerin des Vereins GIZ e.V. in Berlin (Privat)

KASA-Projektleiterin Britta Marschke

Ein weiterer wichtiger Faktor des Projektes sind für die Lerner vertraute Lernorte. Der Unterricht findet in Migrantenorganisationen, Moscheen und orientalischen Kirchen, in kleinen Teilen aber auch bei Bildungsträgern von Integrationskursen als Ergänzung statt. Marschke betont: "Wir möchten zu den Leuten hingehen um eventuelle Hürden abzubauen.”

Einer dieser Lernorte ist das Haus Vielfalt in Bonn-Tannenbusch, ein Bildungs- und Familienzentrum. „Bei uns wird darauf Wert gelegt, die Leute mit ihren Anliegen ernst zu nehmen und Hilfe für verschiedene Lebenssituationen anzubieten“, so Mona Kheir El Din vom Haus Vielfalt und gibt ein Beispiel: „Vor einiger Zeit kam ein älterer Herr zu uns. Er lernte schon ein halbes Jahr lang im Alphabetisierungskurs des BAMF die deutsche Sprache. Ihm machten die Hausaufgaben zu schaffen und er bat uns um Hilfe dabei. Es stellte sich heraus, dass er in seinem Kurs bisher wenig gelernt hatte. Er schrieb beispielsweise einen Satz ohne Leerzeichen zwischen den Worten, also wie ein ganzes Wort“, erzählt sie weiter – eindeutig ein Fall, der vom KASA-Projekt profitieren könne.

Auch Susanne Blasberg-Bense vom Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen begrüßt das Projekt: Seit 2015 sei das Thema Mehrsprachigkeit ein besonderer Fokus im Ministerium. Schulen müssten sich neu erfinden, denn 50 Prozent aller Schulkinder in NRW haben mittlerweile eine internationale Familiengeschichte.

Gerade weil das Schulsystem aber noch auf Einsprachigkeit ausgerichtet ist, sei es umso wichtiger, dass Eltern ihren Kindern eine gute Entwicklung, Erziehung und Bildung garantieren könnten, so Blasberg-Bense. Das gehe aber nur, wenn auch die Eltern über ein gutes sprachliches Niveau verfügten. An dieser Stelle setze das KASA-Projekt auch sinnvoll beim Nachwuchs der deutschen Gesellschaft an, indem es die Eltern fördere.

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