Alltagsroutine, Vernunftehe - oder Liebe? | Europa | DW | 13.09.2013
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Europa

Alltagsroutine, Vernunftehe - oder Liebe?

In Bonn trafen sich Vertreter der Bürger Frankreichs und Deutschlands, um die Freundschaft zwischen beiden Ländern zu feiern. Auch der oberste Bürger Deutschlands, Bundespräsident Gauck, war dabei.

Merkel und Hollande umarmen sich Foto: Reuters

Die Zuneigung zwischen Bundeskanzlerin Merkel und Staatspräsident Hollande scheint oft etwas gezwungen

In diesem Jahr jagt eine deutsch-französische Festveranstaltung die nächste. Vor 50 Jahren besiegelten Bundeskanzler Konrad Adenauer und Präsident Charles de Gaulle die Versöhnung der beiden ehemaligen Kriegsgegner mit dem "Elysée-Vertrag". Doch es soll bei den vielen Feiern nicht nur um die hohe Politik gehen. In Bonn kamen am Donnerstagabend (12.09.2013) die Vertreter von Städten zusammen, die grenzüberschreitende Partnerschaften gegründet haben, aber auch von deutsch-französischen Gesellschaften, Freundeskreisen und Orchestern.

Und gerade diese Ebene der Bürger ist auch Bundespräsident Joachim Gauck so wichtig, dass er dazu extra aus Berlin gekommen war. Er kenne "keine zwei anderen Länder mit einem so dicht und dauerhaft stark geknüpften Netz von persönlichen und institutionellen Beziehungen", sagte Gauck im früheren Plenarsaal des Bundestages, der ja zu Adenauers und de Gaulles Zeiten in Bonn war. Auch der Ort dieser Zusammenkunft war also eine Erinnerung an die alten Zeiten.

Die Jungen brauchen keine Versöhnung mehr

de Gaulle und Adenauer inmitten jubelnder Menschen Foto: picture-alliance/dpa

Für de Gaulle und Adenauer waren es vor 50 Jahren große Gesten

Doch dieses Schwelgen in Erinnerungen kann auch ein Problem sein, findet Gauck: "Kaum ein Jugendlicher heute versteht noch, wie sich Deutsche und Franzosen einmal voller Hass gegenüberstehen konnten. Versöhnung ist für sie heute nicht mehr die Triebfeder dafür, sich füreinander zu interessieren." Man müsse das scheinbar Selbstverständliche neu schätzen lernen. Doch Alain Juppé, ein früherer französischer Ministerpräsident und als Bürgermeister von Bordeaux auf Besuch in Bonn, gibt sich im Gespräch mit der Deutschen Welle zuversichtlich: "Es geht nicht um Nostalgie. Im Gegenteil; wir schauen in die Zukunft. Denn wir sind uns sehr bewusst, dass wir in dieser neuen Welt, in der wir leben, besser zusammen gehen als getrennt."

Auch einige der jungen Leute, die zur Festveranstaltung gekommen sind, könnten den Bundespräsidenten beruhigen. Ihnen bedeute die deutsch-französische Freundschaft heute "sehr viel"; sie erzählen von Auslandssemestern und Schüleraustauschen in Frankreich und von Freundschaften, die bis heute halten. Eine junge Frau bedauert aber, auf Partys in Frankreich habe sie erlebt, "man tauscht sich nur über die Gegensätze aus und nicht über die Gemeinsamkeiten." Dabei hätten beide Länder so viel gemeinsam. Gemeinsame Interessen und Herausforderungen, davon sprechen auch Gauck und Juppé.

Dialog als ständige Aufgabe

Doch stimmt das wirklich mit den Gemeinsamkeiten? Wie weit beide Länder oft auseinanderliegen, das zelebrieren gerade die beiden Spitzenpolitiker Angela Merkel und François Hollande immer wieder neu. Sei es beim Thema Syrien-Intervention, in der Wirtschafts- oder Europapolitik. Das bestreitet auch der Franzose Alain Juppé nicht: "Die französisch-deutsche Zusammenarbeit ist nicht immer auf Rosen gebettet. Wir haben nicht immer dieselben Interessen, wir haben Konflikte. Aber wir sind absolut überzeugt: Wenn wir das grauenvolle Kapitel des vergangenen Jahrhunderts beenden wollen, müssen wir ein Vertrauensverhältnis suchen und uns systematisch um den Dialog zwischen Frankreich und Deutschland bemühen."

Die Unterschiede können sogar gut sein

Bürgermeister unterschreibt Partnerschaftsabkommen auf Trikolore Foto: Janine Jaubert

Deutsch-französische Städtepartnerschaften als Begegnungen der Bürger

Frank Baasner, Direktor des Deutsch-Französischen Instituts Ludwigsburg, geht noch einen Schritt weiter. Die Unterschiede zwischen beiden Ländern seien in der Europapolitik manchmal sogar hilfreich. Im Interview mit der Deutschen Welle argumentiert Baasner: "Es hat sich herausgestellt, dass die oft diametral entgegengesetzten Startpunkte beide gezwungen haben, sich zu bewegen." Und dann würden sich oft die nördlichen EU-Länder eher um Deutschland und die südlichen eher um Frankreich scharen, und alle würden dann oft eine kompromissfähige Position finden. "Von daher ist nicht die Ähnlichkeit das Geheimnis, der Schlüssel zum Erfolg, sondern die Unterschiede sind es."

Der deutsch-französische Chor aus Bonn hat beim Festakt auch das Stück "Boum" des französischen Komponisten Charles Trenet gesungen. Nicht die deutsch-französischen Beziehungen platzen darin mit einem großen Knall, sondern es heißt: "Wenn unser Herz macht 'bumm', macht alles mit ihm 'bumm', und es erwacht unsere Liebe." Die Politiker sprechen oft von einer deutsch-französischen Vernunftehe. Andere scheuen sich nicht, das Wort "Liebe" in den Mund zu nehmen.

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