Allein erziehen in Deutschland: Es bleibt schwer | Deutschland | DW | 02.08.2018
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Familie

Allein erziehen in Deutschland: Es bleibt schwer

Ein gesellschaftliches Stigma wie vor einigen Jahrzehnten gibt es zwar nicht mehr. Vor allem finanziell sind Alleinerziehende aber immer noch stark benachteiligt; das zeigen neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden und ihren Kindern ist immer noch doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Nach einer neu vorgestellten Studie des Statistischen Bundesamtes ist jeder dritte Alleinerziehenden-Haushalt betroffen; in der Gesamtbevölkerung ist es jeder sechste.  

Dazu passend haben Alleinerziehende auch deutlich weniger finanzielle Rücklagen. So haben fast 63 Prozent der alleinerziehenden Eltern nicht die Mittel, unerwartete Ausgaben in Höhe von 1000 Euro zu bestreiten. Im Bevölkerungsdurchschnitt sind es 30 Prozent aller Haushalte.

Jede fünfte Familie besteht aus nur einem Elternteil

In der Studie wird auch die Erwerbstätigkeit Alleinerziehender betrachtet. Es zeigt sich, dass ein knappes Drittel der allein erziehenden Mütter keine Arbeit hat, obwohl mehr als die Hälfte dieser Frauen gern arbeiten würde. Dagegen gehen Frauen in Partnerschaften zu einem höheren Anteil einer Arbeit nach - und die, die keinen Job haben, wollen das auch überwiegend so.

Alleinerziehende Väter - sie machen mittlerweile zwölf Prozent der Alleinerziehenden aus - arbeiten deutlich öfter als Frauen in Vollzeit. Eine Erklärung könnte sein, das Männer sich unverändert vor allem um ältere Kinder kümmern, während Kleinkinder bei den Müttern sind.

Von den circa 8,2 Millionen Familien in Deutschland war im vergangenen Jahr etwa jede fünfte ein Haushalt mit nur einem Elternteil. Vor 20 Jahren war es noch jede siebte Familie - ein leichter Anstieg also. 
 

Infografik Familien nach Lebensform Deutschland DE

Neue Möglichkeiten durch das Internet

Dass Alleinerziehende trotzdem von der Politik immer noch als Sonderfall behandelt und etwa gegenüber verheirateten Paaren steuerlich benachteiligt werden, kann Janina Weser nicht nachvollziehen. Die 34-Jährige ist Mutter einer sechs- und einer einjährigen Tochter und schreibt ihre Erfahrungen als Alleinerziehende in ihrem Blog "Perlenmama" auf.

"Als ich vor fünf Jahren startete, ging es mir einfach darum, ein paar Gedanken loszuwerden. Aber relativ schnell bekam ich ein tolles Feedback von anderen", erzählt Weser. Mittlerweile hat der Blog circa 50.000 Visits im Monat - und Weser, wie sie sagt, eine tolle Community, mit der sie sich austauschen kann.

Das Internet hat Weser nicht nur geholfen, sich gehört zu fühlen und sich mehr auszutauschen. Auch ihr heutiges Berufsleben - sie arbeitet in Teilzeit bei einem Startup und unterrichtet an einer Fernuniversität - wäre ohne das Netz nicht möglich. Weser macht alles zuhause - im Home-Office.

Bis sie auf diese Weise Geld verdienen konnte, hat es aber gedauert: "Ich habe lange nach Arbeit gesucht; es war sehr schwer, etwas zu finden. Viele Arbeitgeber haben leider immer noch Vorbehalte, Alleinerziehende zu beschäftigen, weil sie Fehlzeiten und mangelnde Flexibilität befürchten."

Janina Weser (Privat)

Janina Weser: "Ich fühle mich als Alleinerziehende oft immer noch benachteiligt"

Nachholbedarf bei Arbeitszeiten und Kinderbetreuung

Laut Ursula Adam vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg ist genau dies einer der Faktoren, die das Armutsrisiko von Alleinerziehenden und ihren Kindern steigern. "Die Arbeitgeberseite ist hier gefragt, mehr auf Alleinerziehende zuzugehen. Teilweise passiert das auch schon, und man versucht sich an individualisierten und familienfreundlicheren Arbeitszeitmodellen", so die Soziologin.

In der Tat müssen sich Alleinerziehende bei ihren Arbeitszeiten meist nach dem Tagesablauf des Nachwuchses richten. Selbst wenn man einen der begehrten Kitaplätze ergattern konnte oder das Kind bereits zur Schule geht, sind die Kleinen doch oft nur bis mittags beschäftigt und betreut. Mehr als Teilzeit ist, wenn überhaupt, deshalb für viele nicht drin. Und das ist der zweite Grund für ein erhöhtes Armutsrisiko unter Alleinerziehenden. Adam erklärt: "Was vielerorts fehlt, ist eine qualitativ gute und bezahlbare Kinderbetreuung, gerade zu den Rand- und Ferienzeiten." 

Mutter Kind Alleinerziehende Beruf Erziehung Flash-Galerie (BilderBox)

Kinder und Job zu vereinbaren ist gerade für Alleinerziehende ein großes Problem

Zudem, so führt die Forscherin an, zahle immer noch rund die Hälfte der Ex-Partner, obwohl dazu verpflichtet, Alleinerziehenden nichts oder nicht den vollen Unterhalt. Dieses Problem habe der Staat nun für die Betroffenen jedoch durch ein länger geltendes Unterhaltsvorschussrecht zumindest etwas besser abgefedert.

Soziale Kontakte helfen

Ein weiterer Aspekt ist laut Adam, dass Alleinerziehende ja nicht nur in Sachen Geld alleine dastehen: "Es fehlt auch auch ein Partner zum Austauschen und dessen Familie. Viele Alleinerziehende fühlen sich ohne Unterstützung und in ihren sozialen Kontakten eingeschränkt."

Umso wichtiger ist es, sich ein soziales Netzwerk aufzubauen, so wie Janina Weser es sowohl online als auch offline gemacht hat. Wenn die Remscheidterin etwas aus dem Supermarkt braucht, aber keine Zeit zum Einkaufen hat, weiß sie, dass sie auf Freunde oder die Familie zählen kann. Ihr Tipp: "Einfach klar kommunizieren, was man sich wünscht, dann helfen die meisten gern. Und Leuten ruhig mal mit dem Zaunpfahl winken, dass man ja trotz und auch mit den Kindern zusammen etwas unternehmen kann."

Auf Seiten des Staates sieht Weser teilweise noch Verbesserungsbedarf: "Es geht meiner Meinung nach gar nicht, dass das Kindergeld beim Bezug von Hartz IV als Einkommen angerechnet wird." Eine gute Idee, um effektiv etwas gegen Kinderarmut in Deutschland zu tun, wäre für sie ein bedingungsloses Elterngrundeinkommen. Das würde die "große Wertschätzung und Anerkennung" gegenüber Alleinerziehenden, von der Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bei der Vorstellung der neuen Zahlen gesprochen hat, wirklich widerspiegeln.

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