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"Was wir brauchen, ist ein Wechsel!"

15. Dezember 2011

Mit den alten Politikern wird es in Bahrain keinen Neuanfang geben. Das sagt der bahrainische Schriftsteller Ali Al-Jallawi im Interview mit der DW. Die Lösung der Konflikte in seinem Land sieht er in der Demokratie.

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Ali Al-Jallawi, Schriftsteller und Dichter aus Bahrain (Foto: Press) Re: Anfrage Pressebild I have attached a photo, and this can be used without mentioning the name of the photographer. Best wishes Ali Jallawi An: bilder@dw-world.de 18.01.2012 21:05 Copyright: Press, ersatzweise für den Namen des Fotografen
Der bahrainische Schriftsteller Ali Al-JallawiBild: Press

DW: Als die bahrainische Regierung mit saudischer Unterstützung den Arabischen Frühling in Ihrem Land niederschlug, was ging da in Ihnen vor?

Ali Al-Jallawi: Es war zu erwarten, dass sich unser Nachbarland Saudi-Arabien einmischt. Ein bahrainisches Volk, das nach Demokratie strebt, bringt Saudi-Arabien in eine schwierige Situation. Doch das Problem liegt nicht bei Saudi-Arabien allein. Das Problem liegt auch beim Westen und bei den Waffen, die man verwendet hat, um das Volk zu ermorden. Diese Waffen wurden im Westen, in den USA, in Europa und in Deutschland produziert. Das ist das Problem und die Doppelmoral! Westliche Politiker sprechen jeden Tag über Demokratie in den arabischen Ländern, während sie gleichzeitig Waffen an nicht demokratisch legitimierte Regime verkaufen. Im Sommer wollte Deutschland Panzer an Saudi-Arabien verkaufen. Und die könnten auch in Bahrain gegen Demonstranten zum Einsatz kommen. Wenn der Westen aber Druck ausübt, damit die Menschenrechte beachtet werden - dann werden wir in Frieden leben.

Im Alter von 17 Jahren waren Sie zum ersten Mal inhaftiert. 1995 wurden Sie zu einer weiteren dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Warum sind Sie für das Regime gefährlich?

Lassen Sie mich Ihnen ein paar Dinge erklären – und ich rede nicht von Meinungsäußerungen, sondern Fakten: In Bahrain haben wir einen Premierminister, der seit 1971 im Amt ist! Das heißt, er ist Regierungschef seit der Unabhängigkeit Bahrains von Großbritannien! Wir haben eine Regierung aus 24 Ministern, von denen die Hälfte aus dem Königshaus stammt. Generäle stammen aus dem Königshaus. Strände und Küsten gehören zu 80 Prozent dem Königshaus. Der Premier hat vor kurzem ein Grundstück für die Errichtung eines Fußballstadions gekauft – für drei Dollar! Aber Sie glauben doch nicht etwa, dass man es zulässt, über diese Fakten offen zu sprechen?

Proteste auf dem Perlenplatz in Bahrains Hauptstadt Manama, Februar 2011 (Foto: dpa)
Proteste auf dem Perlenplatz in Bahrains Hauptstadt Manama, Februar 2011 König Hamad bin Isa Al Khalifa von BahrainBild: picture alliance/dpa

Sie sind im April 2011 aus Bahrain geflohen und leben seit Juli in Weimar. Wie kam es dazu?

Meine Flucht führte mich nach Großbritannien, dort wurde ich aber nach Deutschland weggeschickt. Ich habe meine Koffer hierher gebracht und meine Heimat verlassen, doch ich trage Bahrain in Gedanken und Träumen immer in mir. Nun lebe ich in Weimar, der Stadt Goethes und Schillers, in der Stadt der Schriftsteller und Philosophen. Doch ich muss sagen, was ich bisher hierzulande gelesen habe, folgt nicht den aktuellen Entwicklungen in der Welt. Die Schriftsteller ignorieren, was in der Welt passiert, so scheint mir. Ich habe auch entdeckt, dass es etwas anderes ist, über Demokratie und Freiheit zu schreiben, als sie in der Realität zu unterstützen. Damit meine ich nicht nur die Regierungen in der Welt, sondern auch die Menschenrechtsorganisationen.

In Bahrain überlagern sich mehrere Konfliktlinien: Der Iran verfolgt Interessen, ebenso das Nachbarland Saudi-Arabien. Für die USA ist das Land geostrategisch wichtig, es unterhält dort einen Flottenstützpunkt. Hinzu kommen der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten und der Wunsch der Bahrainis nach politischer Partizipation. Wie lassen sich diese Spannungsfelder Ihrer Meinung nach auflösen?

Die einzige Lösung ist die Demokratie: Jeder Bürger soll eine Stimme haben. Über allen soll das Gesetz stehen, wie eine rote Ampel: Alle verstehen die Signale, egal woran sie glauben und welche Sprache sie sprechen. Alle Macht soll vom Volke ausgehen. Das ist das Einzige, was den Konflikt befrieden kann. Derzeit werden die Konflikte von der Regierung geschürt, damit sie die Konflikte zwischen den Ethnien in den Vordergrund stellen kann – gemäß dem idiotischen Motto, das schon von den Kolonialherrschern praktiziert wurde: Entzweie die Menschen, dann kannst du sie leichter beherrschen!

König Hamad bin Isa Al Khalifa von Bahrain (Foto: dpa)
König Hamad bin Isa Al Khalifa von BahrainBild: AP

Es gibt Stimmen innerhalb und außerhalb Ihres Landes, die hoffen, Kronprinz Salman bin Hamad Al Khalifa könnte eine Modernisierung des Landes einleiten. Wie beurteilen Sie diese Hoffnungen?

Die einen setzen auf den Kronprinzen, andere auf den Ministerpräsidenten, wieder andere auf den König. Doch seit einem Jahr geht der Mord am Volk weiter. Menschen werden verhaftet und keiner ändert daran etwas. Der Kronprinz hat bisher nicht Wesentliches zustande gebracht, er hat die Opposition zum Dialog aufgerufen. Doch dann haben sich die saudischen und die bahrainischen Sicherheitskräfte eingemischt. Der König hat eine Kommission gebildet, die die Niederschlagung der Aufstände untersucht hat und die Gewalt gegen Zivilisten und Folter benennt. Nun werden wieder Reformen versprochen. In der Tat ist der Ruf nach Reformen in Bahrain alt. Der Arabische Frühling war nicht der Anlass, er war der Funke, der das Feuer neu entfacht hat. Die Regierung hat auf die Forderungen des Volkes immer gleich reagiert, in dem es Sicherheitskräfte gegen das Volk eingesetzt, mit leeren Versprechungen geködert oder Kommissionen gegründet hat. Was wir brauchen, ist ein Wechsel: Das Volk geht für legitime Forderungen auf die Straße, während die Regierung stets mit der gleichen Logik und mit der gleichen Mentalität reagiert.

Jenseits der Politik: Wie sehen ihre persönlichen Pläne aus?

Für meine nähere Zukunft habe ich mir zwei Dinge vorgenommen: Erstens, Deutsch zu lernen und zweitens, meinen dritten Roman zu schreiben. Der Titel des Werks: „Hida jad allah“ - ein Wortspiel, das auf den ersten Blick heißt: Die Schuhe von der Hand Gottes. Tatsächlich aber geht es um einen Schuhmacher namens Jad Allah. Dieser Mann war ein Schumacher in meinem Dorf, den ich als Kind kennen gelernt habe. In meinem Buch ändert Jad Allah die Gesellschaft, indem er sie glücklich macht, weil er ihnen Schuhe macht oder repariert. Ich hoffe sehr, dass meine Romane ins Deutsche übersetzt werden.

Proteste in Bahrains Hauptstadt Manama am 15. März 2011 (Foto: AP)
Proteste in Bahrains Hauptstadt Manama am 15. März 2011Bild: AP

Das Interview führte Birgit Görtz
Redaktion: Thomas Kohlmann

Ali Al-Jallawi wurde 1975 in Bahrain geboren. Seit dem Alter von 14 Jahren schreibt er Gedichte. Mit 17 wurde er erstmals verhaftet, mit 20 für drei Jahre inhaftiert. Während der Haft legte er seinen eigenen Worten zufolge seine radikalen religiösen und politischen Überzeugungen ab. Im April 2011 gelang ihm die Flucht in die Arabischen Emirate und anschließend in den Libanon und nach Jordanien. Auf Vermittlung des PEN Zentrums Deutschland lebt Al Jallawi seit Juli 2011 in Weimar. Mittlerweile hat er in Deutschland Asyl beantragt.

Autorin: Birgit Görtz
Redaktion: Thomas Kohlmann