Albanien kämpft mit den Folgen des Erdbebens | Europa | DW | 27.11.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Naturkatastrophe

Albanien kämpft mit den Folgen des Erdbebens

Einen Tag nach dem Erdbeben hat Albaniens Ministerpräsident Rama den Notstand ausgerufen. Das Dorf Thumana nördlich von Tirana ist am stärksten betroffen. Die Suche nach Vermissten und Verschütteten läuft auf Hochtouren.

Erleichtert klatschen die Dorfbewohner jedes Mal, wenn ein Verschütteter lebend aus den Trümmern geborgen wird; Tränen und Verzweiflung brechen sich Bahn, wenn ein anderer nur noch tot geborgen werden kann. Auch Stunden nach den verheerenden Erdstößen mit einer Stärke von 6,4auf der Richterskala ist die Lage noch unübersichtlich. Hilfe kommt nicht nur aus Albanien selbst, sondern auch aus den Nachbarländern. Mittlerweile sind Suchtrupps mit schweren Gerätschaften eingetroffen; sie arbeiten unter Hochdruck, um noch Verschüttete zu retten. Inzwischen ist rund um die zerstörten und einsturzgefährdeten Gebäude alles abgesperrt.  Ein Kordon von Polizisten umringt das Gebiet.

Ein paar Schritte weiter ringt ein Mann mit den Tränen. Seine Frau und sein einziger Sohn werden noch vermisst. Alle drei hatten in der Nacht des Erdbebens versucht, aus dem dritten Stock ihres Wohnhauses zu entkommen, als plötzlich eine Zwischendecke unter ihnen aufbrach und Frau und Kind in die Tiefe riss.   

Albanien nach Erdbeben (DW/Ani Ruci)

Bürgermeister Bushi organisiert die Nothilfe für die Erdbebenopfer

Schnelle Hilfe nach dem Schock

Artur Bushi ist der Bürgermeister des Kreises Kruja, der vom Beben am stärksten betroffen ist. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, pausenlos versucht er, die Hilfe, die Versorgung und Unterbringung der Menschen zu organisieren, die ihr Dach über dem Kopf verloren haben. "Erste Priorität hat für uns natürlich, weitere Menschenleben zu retten", sagt Bushi gegenüber der DW. "Vom ersten Moment, als das Beben uns erschütterte, haben wir uns in der Gemeinde zusammengetan, um das Nötigste zu tun. Wir haben direkt Hilfe aus der Hautstadt Tirana und viel Unterstützung aus den Nachbarländern erfahren. Die Solidarität ist groß", sagt Bushi. Eine der ersten Organisationen vor Ort war das Rote Kreuz. Dessen Mitarbeiter Ditjon Kurti berichtet, dass unmittelbar nach den Beben Helfer aus der gesamten Region zusammengekommen sind: "Wir versuchen alles, um die Menschen zu retten und werden bleiben, bis wir alle Trümmer beseitigt haben."

Albanien nach Erdbeben (DW/Ani Ruci)

Ibije Torocino und ihre Familie hatten Glück im Unglück

Am Abend stehen auf dem Fußballplatz des Dorfes Thumana die ersten Notunterkünfte. In einem der Zelte hockt Familie Torocino. Die vierköpfige Familie wohnte im obersten Stock eines eingestürzten Hochhauses. In den Trümmern wird immer noch nach Überlebenden gegraben. "Wir sind noch immer total geschockt. Die Kinder zittern ununterbrochen", berichtet Ibije Torocini: "Das Erdbeben hat uns im Schlaf getroffen. Das ganze Hochhaus schwankte. Mein Mann und ich haben die Kinder gegriffen und sind zur Wohnungstür gerannt. Sie war blockiert. Ein Schrank hatte sich durch das Erdbeben vor die Tür geschoben. Als wir versuchten, ihn zur Seite zu schieben, hörten wir einen schrecklichen Lärm: Der Wassertank von unserem Dach war durch die Betondecke gekracht und mitten in unser Wohnzimmer gefallen. Wir schafften es, die Tür zu öffnen und rannten um unser Leben nach unten. Nur wenige Momente, nachdem wir in Sicherheit waren, stürzte das ganze Hochhaus in sich zusammen."

Auch die Familie von Klevis Toci hatte Glück im Unglück: "Es war grauenvoll, alles schwankte. Meine Familie und ich haben es aus dem Haus geschafft, als immer noch alles bebte. Wir haben es geschafft, aber viele meiner Nachbarn nicht. Ich bete, dass sie noch am Leben sind!"    

Albanien nach Erdbeben (Reuters/F. Goga)

Viele Albaner harren aus Angst vor Nachbeben im Freien aus

Außergewöhnliche Solidarität mit Albanien

Der Schock bei den Anwohnern sitzt noch immer tief. Immer wieder kommt es zu Nachbeben, rund 300 wurden bisher gezählt. Bürgermeister Bushi berichtet, dass die Regierung Verträge mit Hotels in den nahen Städten Lezha und Durres schließen will, damit die Menschen schnell dort untergebracht werden können. Die Hilfsbereitschaft ist groß: Im Inland und im Ausland spenden die Menschen für die Opfer. In vielen Sammelstellen tragen die Menschen Kleidung und Lebensmittel zusammen. Besonders die Nachbarländer bekundeten ihre Solidarität; viele Staaten schickten Hilfe. Albanien und Kosovo haben am Mittwoch Staatstrauer ausgerufen. Der albanische Ministerpräsident Rama sagte einen ursprünglich geplanten Besuch in Berlin kurzfristig ab. Der 28. und 29. November sind Albaniens Nationalfeiertage. "In diesem Jahr können sie jedoch keine unbeschwerten Festtage sein", sagte Rama. 

Die Redaktion empfiehlt