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Politik

Afghanische Flüchtlinge an Europas Außengrenze

3. März 2020

Seit Tagen versuchen Geflüchtete, die türkisch-griechische Grenze zu überqueren. Darunter auch Afghanen, die zum Teil seit vielen Jahren auf ihre Chance warten, in die Europäische Union zu gelangen.

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Migranten an der griechisch-türkischen Grenze
Bild: picture-alliance/dpa/XinHua

Ein Video auf Twitter zeigt folgende Szene: Ein Mann trägt hilflos ein kleines Mädchen hin und her. Im Hintergrund ist Rauch. Wahrscheinlich Tränengas. Ein anderer Mann ruft auf Dari, einer der beiden Hauptsprachen Afghanistans: "Gib ihr einen Klaps auf den Rücken!" Das Kind bekommt wahrscheinlich keine Luft. Daneben eine Frau, die außer sich ist. Sie schreit laut.

Das Video und ähnliche zeigen, wie griechische Sicherheitskräfte die Flüchtlinge an der Grenze mit fast allen Mitteln aufhalten. Tränengas und Blendgranaten kommen zum Einsatz.

Flüchtlinge in Sackgasse

Laut UN harren etwas 13.000 Geflüchtete auf der türkischen Seite an der Grenze zu Griechenland aus. Seit der türkische Präsident Erdogan die Öffnung der Grenzen vor drei Tagen angekündigt hat, versuchen immer mehr Flüchtlinge nach Europa zu kommen. Doch an Griechenlands Grenze gibt es fast kein Durchkommen.

Erneut stecken die Flüchtlinge in einer Sackgasse. Unter ihnen befinden sich jedoch nicht nur Syrer, sondern auch Afghanen, die teilweise seit Jahren auf die Grenzöffnung warten.

Verzweifelte Lage

"Es ist eine menschliche Katastrophe", sagt Mohammad Hussain Mohammadi gegenüber der DW aufgeregt. "Seit gestern sind drei Menschen gestorben." Die Deutsche Welle kann die Aussage über den Tod von drei Personen nicht überprüfen. Offizielle Angaben gibt es dazu bisher noch nicht.

Der junge Afghane Mohammad Hussain Mohammadi befindet sich in Edirne ganz in der Nähe der griechischen Grenzstation Kapikule. "Ich habe Türkisch gelernt und suche seit acht Monaten Arbeit. Sie geben Afghanen aber keine Jobs. Ich bin gezwungen in die EU zu gehen, um zu überleben", sagt er verzweifelt.

BG Flüchtlingskrise Griechenland/Türkei
Die Flüchtlinge harren an der türkisch-griechischen Grenze in improvisierten Lagern ausBild: Reuters/M. Sezer

Die griechischen Sicherheitskräfte hätten ihn und weitere Geflüchtete vom Grenzübertritt abgehalten. Er und einige andere seien verletzt worden. Nun ist er wieder in der Türkei und weiß nicht, was er tun soll. Einer seiner Freunde, der in seinen Wohnort in der Türkei zurückgekehrt sei, hätten die türkischen Behörden die Wohnungsschlüssel abgenommen und gesagt, er solle verschwinden. Flüchtlinge seien in der Türkei nicht länger willkommen.

Enttäuschung über die Europäische Union

Vor allem Frauen und Kinder leiden an den Zuständen an der griechischen Grenze. So wie Marzia*, die mit ihren Kindern und anderen Geflüchteten an einer Raststätte an der Autobahn bei Edirne wartet. Ihr Mann lebt bereits in Finnland. Marzias Versuche, zu ihrem Mann im Rahmen des Ehegattenachzugs zu kommen, sind gescheitert. Etliche Male hat sie mithilfe eines Anwalts versucht, ihren Antrag durchzubringen. Ohne Erfolg. "Ich habe kein Geld und keine Kraft mehr", sagt sie der Deutschen Welle. "Meinem Sohn geht es psychisch nicht gut, auch meine anderen Kinder haben Angstzustände. Ganz zu schweigen von mir selbst." Nun fühlt sie sich gefangen. "Ich kann weder zurück noch weiter. Die Griechen haben mir mein Geld weggenommen, wie soll ich jetzt zurück in die Türkei. Was soll ich tun?", fragt die junge Mutter.

"Was ist das für eine EU, von der sie alle sprechen? Wo sind die Rechte der Frauen, von denen sie schwärmen? Wie lange sollen wir noch so leben?", fragt auch Fariha* flehend. Sie ist mit Marzia und etwa hundert weiteren Personen zusammengekommen, um nach Griechenland zu kommen. "Wir wollen ja den legalen Weg gehen. Aber wie?" Auch Fariha hat immer wieder versucht, in der Türkei den legalen Weg zu beschreiten und stellte einen Asylantrag. "Sie stellen uns immer nur weitere Hürden in den Weg. Wir haben keine andere Wahl als in diesem Elend zu leben und es immer wieder zu versuchen. Denken Sie, ich würde meinen Kindern freiwillig diesen Dreck und diese Kälte antun?", sagt sie weinend.

Warum fliehen die Afghanen?

19 Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes durch die USA und ihre Alliierten ist Afghanistan für die Mehrheit der Einwohner nicht sicherer geworden. Ein erst am Wochenende unterzeichnetes Friedensabkommen zwischen den Taliban und der Vereinigten Staaten garantiert bisher nur, dass die Taliban keine amerikanischen Stützpunkte und deren Sicherheitskräfte angreifen. Der Friedensprozess mit der afghanischen Regierung steht noch am Anfang. Er kann sich Monate, vielleicht Jahre hinziehen.

Afghanistan Anschlag auf Krankenhaus in Sabul
Anschläge wie dieser vom September 2019 sind in Afghanistan weiterhin an der Tagesordnung, auch wenn die Gewalt seit dem Friedensvertrag zwischen den USA und den Taliban vom letzten Wochenende etwas abgenommen hatBild: picture-alliance/AP Photo/A. Wali Sarhadi

"Neben der für Zivilisten oftmals tödlichen Sicherheitslage, sehen sich sehr viele Menschen individueller Verfolgung aus den unterschiedlichsten Gründen ausgesetzt – vor allem von den Taliban", erläutert Bellinda Bartolucci. Die Abteilungsleiterin Rechtspolitik bei ProAsyl fügt hinzu: "Die wenigsten haben die Möglichkeit, innerhalb von Afghanistan einen sicheren Ort zu finden, weshalb hunderttausende Menschen vor allem in die Nachbarländer Iran und Pakistan fliehen." Nur ein Bruchteil der Leute schaffe die weite und lebensgefährliche Flucht nach Mitteleuropa, die meistens über die Türkei und Griechenland führt.

Laut einer Studie der Asien-Stiftung aus dem Jahr 2019 gab die Mehrheit der Befragten an, aufgrund der unsicheren Situation in Afghanistan das Land verlassen zu wollen. Weitere Gründe wie Arbeitslosigkeit und schlechte Lebensbedingungen aufgrund der mangelhaften Regierungsführung, kommen an zweiter und dritter Stelle.

 

In Zusammenarbeit mit Reza Shirmohammadi.

*Die Namen der Frauen wurden zu deren Schutz geändert.