Adler: ″Solange mich die Künstler brauchen″ | Musik | DW | 01.08.2018
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Konzertagenturen

Adler: "Solange mich die Künstler brauchen"

Wenn er einmal seine Memoiren schreiben sollte, lande er vermutlich vor Gericht, sagt Konzertagent Witiko Adler. Im DW-Interview erzählt der Künstlerfreund persönliche Geschichten zu großen Namen des Musikgeschäfts.

Deutsche Welle: Sie sind 1947 ins Künstlermanagement-Geschäft eingestiegen und übernahmen 1948, nach dem Tod Ihres Vaters, die Leitung der Konzert-Direktion Hans Adler. Danach kam das Wirtschaftswunder und es ging mit dem Wiederaufbau Deutschlands schnell voran. Ich habe den Eindruck, dass es mit dem Wiederaufbau des Musiklebens sogar noch schneller ging. War das so?

Witiko Adler: Wir haben uns sehr bemüht, das Musikleben wieder in Gang zu kriegen. Es ging auch darum, Künstler – meist jüdische – wieder nach Deutschland zurückzuholen. Da gab es erhebliche Schwierigkeiten.

War die klassische Musik ideologisch geschädigt, weil viele Nazis Klassik-Liebhaber waren?

Teilweise, ja. Für viele Künstler war es die Frage: "Kann man wieder zurück nach Deutschland gehen? Was sagen die anderen?" Viele mussten sehr intensiv bearbeitet werden, ehe sie sich entschlossen haben, wieder zurück zu kommen. Andere hingehen waren sofort da, zum Beispiel Yehudi Menuhin. Er dachte da anders.

Menuhin engagierte sich für humanistische Zwecke. Hatte er im Grunde ein schweres Leben, trotz seines Erfolges? Er war doch ein Wunderkind. Inwieweit wurde seine spätere Karriere vom frühen Ruhm überschattet?

Yehudi Menuhin (Imago/United Archives International)

Im Zeichen der Versöhnung der Völker trat der Geiger Yehudi Menuhin im zerstörten Nachkriegs-Deutschland auf

Ich glaube, das hat das Publikum oder die Musikwelt um ihn gebaut. Er hat sich nicht darum gekümmert und war ein völlig unkomplizierter Mensch. Wenn er mal in einem Künstlerzimmer war und es keine Liege dort gab, dann nahm er ein Handtuch, legte sich auf den Boden hin und ruhte sich dort aus.

Heute haben wir Multimedia, Soziale Medien und ein riesiges Unterhaltungs- und Informationsangebot. Steht Ihr Geschäft mit Livekonzerten heute mehr unter finanziellem Druck als das früher der Fall war?

Finanzen haben in der Musik immer eine große Rolle gespielt. Auch wenn man um Jahrhunderte zurückschaut: Auch die großen Komponisten wussten sehr genau, was sie verlangen müssten und konnten.

Haben Sie schon Mal daran gedacht, Ihre Memoiren zu schreiben?

Wenn ich ein Buch schreiben sollte, dann müsste ich die Wahrheit schreiben. Die Wahrheit könnte aber von manchen Leuten als unangenehm empfunden werden.

Wie kam die Begegnung zwischen Anne-Sophie Mutter und Karajan zustande?

Eines Abends um halb acht rief mich der Intendant der Berliner Philharmoniker, Wolfgang Stresemann, an. Er hatte Karajan gerade vom Flughafen abgeholt. Da war zwischen ihnen die Rede von einer jungen Geigerin. Er wusste aber nicht, wie sie hieß. Ich sagte: "Ich weiß, wer das ist."

Wir haben dann das Vorspielen bei Karajan in der Philharmonie arrangiert. Hinterher kam Karajan auf mich zu und sagte: "Rufen Sie in Salzburg an, und sagen Sie: 'Pfingstmontag mit Mozart, Köchel 216, ist für mich ok.'" Das war der Beginn der wirklich großen Karriere von Anne-Sophie Mutter.

Ella Fitzgerald (Getty Images/Keystone)

Ella Fitzgerald hatte das persönliche Auftreten wie eine "klassische" Musikerin

1963 holten Sie einen anderen jungen Musiker nach Berlin: den Pianisten Daniel Barenboim aus Argentinien. Wie kam das zustande?

Wir hatten damals das Generalmanagement vom RIAS-Sinfonierochester (Anmerkung der Redaktion: später hieß es "Radio-Symphonie-Orchester Berlin" und heute "Deutsches Symphonie-Orchester"). In der Konzertreihe "RIAS stellt vor" spielten junge Künstler, die noch nie in Berlin gespielt hatten. Irgendwann haben wir Daniel Barenboim verpflichtet. Er war schon früher einmal vom Dirigenten Wilhelm Furtwängler angefragt worden, hatte aber auf Wunsch seines Vaters abgelehnt, weil es noch zu früh war.

Meine Mutter, die damals noch im Geschäft war, sagte: "Ich weiß nicht, ob man das machen soll." Da kam mir ein Heft von "Musical America" in die Hände. Darin war die Anzeige eines Beethoven-Zyklus in New York, mit Claudio Arrau, Anton Rubinstein, Rudolf Gerkin – und Daniel Barenboim. Da habe ich gesagt: "Wenn das in New York über die Bühne geht, dann muss er schon toll sein."

Valentino Liberace US-amerikanischer Pianist (picture-alliance/Photoshot/Universal Pictorial Press Photo)

Haarscharf an der Grenze zum Kitsch: In Amerika wurden durch die spektakulären Auftritte von Liberace viele zu Klassik-Fans

Der amerikanische Pianist Liberace wurde von ihnen auch vertreten. Er galt als Inbegriff des schrillen, hochstilisierten Künstlers. Wie wurde er vom deutschen Publikum aufgenommen?

In der Philharmonie ging es nicht, dass er – wie sonst oft – mit seinem Rolls Royce auf die Bühne gefahren kam. Aber er erschien im Hermelin-Pelz und musste dann ein völlig konventionelles Programm spielen – anders als in Amerika, wo er Was-Weiß-Ich aufgeführt hat. Das Konzert war nicht ausverkauft. Mit ist aber immer noch das Publikum in Erinnerung: Die Hälfte erschien in großer Abendbekleidung. Wir haben uns gefragt: "Was ist da nur passiert!?"

Sein Ruf eilte ihm wohl voraus. Sie haben auch die Jazzsängerin Ella Fitzgerald vertreten...

Sie kam einmal im Jahr und trat in der Berliner Philharmonie auf. Genau wie die klassischen Künstler war sie ganz zurückhaltend. Sie hatte eine wunderbare, tolle Ausstrahlung. Der Pianist Oscar Peterson kam meistens auch mit.

Und wie war es mit Sammy Davis Jr.?

Er gab ein Benefizkonzert für Israel. Das war nach dem Sechstagekrieg. Er kam zu keiner Probe, hatte das Orchester alleine proben lassen und erschien erst abends. Und dann war er voller Ehrfurcht, dass er in der Philharmonie auftreten durfte – so hat er es mir auf laufendem Bande erzählt. Ich muss sagen: Er hat einen tollen Abend abgeliefert, wirklich einmalig.

Lorin Maazel Dirigent (Getty Images/E. Auerbach)

Der einstige Wunderkind Lorin Maazel prägte jahrelang das Musikleben in Berlin - und wurde von Witiko Adler vermittelt

Sie werden auch mit dem jungen Lorin Maazel in Verbindung gebracht.

Lorin Maazel kam mit 24 Jahren zum ersten Mal nach Berlin, um beim Radio-Symphonie-Orchester Berlin zu dirigieren. Er hat in Berlin wie eine Bombe eingeschlagen, vom ersten Tag an. Nachher – das kam durch uns – wurde er Chef bei diesem Orchester, und gleichzeitig auch Generalmusikdirektor der Deutschen Oper. Da hat er viele Jahre lang gewirkt.

Wohnen Sie noch im gleichen Haus, in dem auch ihre Büros sind?

Ja.

Wie viele Stunden arbeiten Sie täglich?

So lange, wie mich die Künstler brauchen.

Das Gespräch führte Rick Fulker.

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