Achtsamkeitsforschung: Glück, wo bist du? | Wissen & Umwelt | DW | 26.09.2019
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Psychologie

Achtsamkeitsforschung: Glück, wo bist du?

Wir alle suchen danach, mehr oder weniger erfolgreich: Glück. Doch was soll das eigentlich sein? Und wo ist es zu finden? So viel sei verraten: Das Glück ist oft ganz nah.

Was bei uns Glücksgefühle auslöst, kann sehr unterschiedlich sein: ein Eis, ein Lob, ein Sonnenaufgang oder die Geburt eines Kindes. Alles Mögliche hat das Potential, glücklich zu machen! Das Glück ist allerdings ein Verkleidungskünstler, deshalb übersehen wir es oft.

Wer es findet, darf sich - im wahrsten Sinne des Wortes - glücklich schätzen. "Glück ist eine extrem starke, positive Emotion. Ein vollkommener, dauerhafter Zustand intensivster Zufriedenheit", lautet eine psychologische Definition. 

Was nach philosophischer Prosa klingen mag, ist tatsächlich sogar messbar. Glück lässt sich mit Hilfe des MRTs im Gehirn beobachten, weiß der Neurologe, Hirnforscher und Buchautor Christof Kessler. "Wir haben im Gehirn ein spezielles Zentrum, das sogenannte mesolimbische System, auch Glückszentrum genannt. Wenn wir etwas Eindrucksvolles erleben, wie ein gutes Zeugnis oder die Geburt eines Kindes, dann wird dieses Zentrum aktiviert und Dopamin flutet das Gehirn." Dopamin, auch Glückshormon genannt, sei für das übergroße Glücksgefühl verantwortlich, sagt Kessler. 

Infografik Umfrage Glücklichsein DE

Vom Glück berauscht

Ob durch ein gutes Zeugnis, ein Kompliment oder das Lieblingsessen: Wer diese Glücksmomente kennt, weiß, wie herrlich sich Glücklichsein anfühlt. Es soll nicht aufhören. Und wenn es schon aufhören muss, dann soll es bitte schnell wiederkommen. Genau hier liegt der evolutionäre Sinn dieser Emotion: "Mit dem Glücksgefühl ist das Bestreben verbunden, das Ganze zu wiederholen", sagt Kessler. 

Gelungenes Verhalten wird also mit einem Glücksrausch belohnt und der Berauschte wird motiviert, die Heldentat zu wiederholen. Für die Entwicklung der Menschheit sei das von entscheidender Bedeutung gewesen, sagt der Hirnforscher.

"Leider stimulieren auch Drogen das Glückssystem", räumt Kessler ein. Heroin, Tabak oder Alkohol gaukeln uns kurzfristiges Glück vor und machen unter anderem deshalb so schnell abhängig. Die Jagd nach dem Glück(srausch) kann also auch in die Falle führen.

Glück ist nicht gleich Glück

Glück habe verschiedene Erscheinungsformen, der heftige, aber flüchtige Glücksrausch sei nur eine davon, sagt Johannes Michalak, Lehrstuhlinhaber für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke. Außerdem ist Michalak Achtsamkeitsforscher. 

Ursprünglich spielte die Achtsamkeit vor allem in der buddhistischen Lehre und Meditation eine zentrale Rolle. Im Westen ist das Training der Achtsamkeit vor allem durch verschiedene Psychotherapiemethoden bekannt geworden.

Infografik Top Ten der glücklichsten Bevölkerung weltweit DE

Wer glaubt, Glück sei nur da zu finden, wo das Dopamin möglichst hohe Wellen schlägt, macht sich sehr von äußeren Umständen abhängig. Und das Leben ist bekanntlich weder ein Ponyhof, noch eine Dauerparty.

Glück kann allerdings auch auf leisen Sohlen kommen. "Bei der Achtsamkeit wird die Aufmerksamkeit auf die Erfahrung gerichtet, die sich im Hier und Jetzt entfaltet und das in einer nicht-wertenden Art und Weise", erläutert Michalak.

Wer schon einmal spielenden Kindern zugeschaut hat, dürfte eine Idee davon haben, was "im Hier und Jetzt sein" bedeuten könnte. Den Kleinen fällt es nicht schwer, sich vollkommen im Moment zu vertiefen. Das Zurückliegende spielt ebenso wenig eine Rolle wie das Kommende.

"In unserem Alltag sind wir allerdings häufig entweder damit beschäftigt, über bereits Vergangenes oder die Zukunft nachzudenken. Wir sind also nur sehr selten in dem einzigen Moment, in dem wir wirklich lebendig sind: der Gegenwart", sagt der Achtsamkeitsforscher.

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Mit Achtsamkeits-Training gegen Stress

Glück braucht Mut

Und das bedeutet: Wir verpassen permanent etwas. "Der Reichtum, den jeder Augenblick hat, geht mir durch die Fixierung auf Probleme verloren", sagt Michalak. Wer viel Zeit damit verbringt, über den nervigen Chef, die mittelmäßigen Kollegen oder den anstrengenden Ehemann nachzudenken, wird die kühle Herbstluft und die bunten Farben des Laubes während eines Spazierganges eher nicht wahrnehmen.

So berauben wir uns nicht nur der vielen kleinen Glücksmomente: Das ewige Grübeln kann bis in die Depression führen. Auch hier kann Achtsamkeit helfen. Die Konzentration auf den Moment unterbricht den Grübel-Prozess. Anstatt sich weiterhin in Wut-Phantasien über den Chef zu verlieren, kann die Aufmerksamkeit auf das richten, was ich in diesem Moment tatsächlich erlebe. 

Nur wer sich die Zeit nimmt, den Fokus auf das eigene Dasein zu richten, ist am Ende handlungsfähig. "Achtsamkeit kann dabei helfen, Entscheidungen zu treffen: Nervt der Chef so sehr, dass ich den Arbeitsplatz wechseln muss? Oder kann ich ihn vielleicht sogar akzeptieren, wie er ist", erklärt Michalak.

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Wie wird man glücklich?

Schmerz gehört dazu

Achtsamkeit bedeutet also nicht nur, dass sich mir ausschließlich die Schönheit dieser Welt offenbart, mit ihren blühenden Blumen, singenden Vögeln und leckerer Eiscreme. Wer achtsam ist, der spürt vor allem sich selbst und das kann mitunter auch sehr wehtun.

Die eigene Wut oder Trauer wahrzunehmen und anzunehmen, sei ein wesentlicher Aspekt der Achtsamkeit, sagt Michalak. Das ist es, was er mit "nicht-wertend" meint. Ein großer Teil des menschlichen Unglücks besteht darin, dass wir uns mit vermeintlich negativen Gefühlen permanent auf dem Kriegspfad befinden. Anstatt sie kommen und wieder gehen zu lassen.

Die gute Nachricht ist also: Der Achtsame findet das Glück überall. Die schlechte ist: Der Weg zum Glück ist nicht unbedingt schmerzfrei. Natürlich bleibt die Möglichkeit, das Glück weiterhin im Kick zu suchen: beim Sex, Essen oder mit Hilfe von Drogen.

Doch Glück ist eben nicht gleich Glück. "In Studien wurde festgestellt, dass Kinder die Lebenszufriedenheit ihrer Eltern zwar erstmal negativ beeinflussen", sagt Michalak. Schlafmangel, Stress und das Gefühl, kein eigenes Leben mehr zu haben machen den Alltag mit einem Baby zwar weniger komfortabel und sorgen eher für Unzufriedenheit, als für berauschende Glücksgefühle. "Die sogenannte eudaimonische Lebensqualität, also eine tief empfundene Sinnhaftigkeit des Lebens, steigt allerdings." Noch ein Glück, das nur unter Schmerzen geboren werden kann.

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