Achille Mbembe: ″Ein überflüssiger Konflikt″ | Afrika | DW | 05.10.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Afrika

Achille Mbembe: "Ein überflüssiger Konflikt"

Die Krise im anglophonen Teil Kameruns hätte verhindert werden können, wenn die kamerunische Regierung klüger und weniger brutal reagiert hätte, sagt der kamerunische Philosoph Achille Mbembe im DW-Interview.

Portraitfoto von Achille Mbembe (DW/Stefan Möhl)

Achille Mbembe Historiker und Philosoph aus Kamerun

Am Sonntag wählen die Kameruner einen neuen Präsidenten. Neben dem 85-jährigen Langzeitpräsidenten Paul Biya konkurrieren acht weitere Kandidaten um das Amt. Mit Sezessionsbestrebungen der anglophonen Bevölkerung im Westen des Landes und Boko-Haram-Islamisten im Norden ist die Lage in Kamerun mehr als angespannt.

DW: Herr Mbembe, Sie sind ein kamerunischer Historiker und Philosoph und Autor von "Ausgang aus der langen Nacht", ein Essay dass sich mit der Kolonialisierung Afrikas und vor allem den sezessionistischen Bestrebungen den englischsprachigen Regionen Kameruns auseinandersetzen. Wie sehen Sie diesen Konflikt?

Mbembe: In meinen Augen ist es ein überflüssiger Konflikt. Aber es ist kein Ende in Sicht. Die Fragen der anglophonen Bevölkerung sind völlig berechtigt. Zum Beispiel wie man das Zusammenleben in einem Staat organisiert, der im Grunde eine koloniale Erfindung ist. Wie schafft man ein Zusammenleben, das kulturelle und sprachliche Unterschiede respektiert und ein freies Leben gewährleistet? Das ist im Grunde die Frage, die sich die Menschen in den anglophonen Regionen stellen. Die Antwort der Regierung ist jedoch sehr brutal und überhaupt nicht klug. Das hat in einigen Bereichen der englischsprachigen Meinungsbildung zur Radikalisierung geführt. Und so endet das Ganze in einem Konflikt, den wir hätten vermeiden können.

Auf wann kann man die Ursprünge dieses Konfliktes zurückdatieren?

Nach dem ersten Weltkrieg wurde Deutschland von seinen Kolonien enteignet, darunter auch Kamerun. Ein Teil ging an Frankreich, der andere Teil an Großbritannien. Jede der so genannten Schutzmächte verwaltete ihren Teil. Als es dann 1961 zur Wiedervereinigung kam, versuchte das herrschende Regime in Yaoundé die anglophonen Teile des Landes auf allen Ebenen - Bildung, Rechtssystem und so weiter - zu assimilieren und den anglophonen Teil zu französisieren. Dagegen begehren die englischsprachigen Kameruner auf - und versuchen heute, sich von dieser Republik zu trennen.

Die Regierung verwendet den Begriff Terrorismus, wenn sie von der Separationsbewegung der anglophonen Bevölkerung spricht. Was halten Sie von diesem Ausdruck?

Sie sind im Unrecht diesen Unabhängigkeitskampf der anglophonen Regionen als terroristischen Kampf zu bezeichnen. Es ist ein vollwertiger politischer Kampf. Und es gibt unter den Anglophonen verschiedene Interessensvertreter. Einige fordern eine Abspaltung und wollen nichts mehr mit dem zentralistischen und räuberischen Staat zu tun haben, der von Yaoundé aus regiert wird. Andere wünschen sich eine Rückkehr zum Föderalismus. Wieder andere würden sich mit einer tiefgreifenden und ernsthaften Regionalisierung zufrieden geben. Das sind politische Fragen, und Sie müssen politisch damit umgehen.

Im Norden hingegen haben wir es mit einer nebulösen terroristischen Gruppierung zu tun, ohne klare Hierarchien. Diese Gruppe tötet Zivilisten und sät Zerstörung. Es gibt also keinen politischen Gesprächspartner. Diese Bewegung müssen wir vernichten.

Führt der Kampf der Regierung gegen die anglophonen Separatisten zu Machtverlusten?

Ja, das Risiko ist groß. Vor allem in einem Land, einem Staat, der bekannt dafür ist, die Gesetze nicht einzuhalten. Kamerun ist streng genommen kein Rechtsstaat, und das Risiko besteht, dass alle rechtlichen Garantien geschwächt werden, die Kamerunern ein Minimum an Freiheit garantieren. Das zweite Risiko besteht in Hinblick auf die weit verbreitete Korruption: Einige Akteure könnten den Kampf gegen die Abspaltung oder gegen den Terrorismus dazu nutzen, unrechtmäßig Vermögen anzuhäufen. In diesen Bereichen fließt viel Geld. Das alles kann in eine Sackgasse führen.

Achille Mbembe ein kamerunischer Historiker, Politikwissenschaftler und Theoretiker des Postkolonialismus. Zu seinen bedeutendsten Werken zählen "Kritik der schwarzen Vernunft", und "Ausgang aus der langen Nacht", die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Seit 2001 lehrt er am Institut für Sozial- und Wirtschaftsforschungen der Witwatersrand-Universität in Johannesburg. Am 8. Oktober wird Mbembe für seine Arbeit mit dem deutschen Gerda Henkel Preis 2018 ausgezeichnet.

Das Interview führte Hadrien Lacoste.

Die Redaktion empfiehlt