Ach übrigens, lieber Paulus… | Spurensuche | DW | 27.01.2020
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Spurensuche

Ach übrigens, lieber Paulus…

In welcher Gestalt begegnet uns Gott? In Jesus Christus zeigte er uns sein menschliches Gesicht. Die Begegnung zwischen Paulus und Jesus in Damaskus war eine besondere, wie Christian Feldmann zeigt.

… müssen wir Christen uns wohl bei Dir für die unglückliche Wortwahl in unserem Heiligenkalender entschuldigen: Da steht heute „Bekehrung des Apostels Paulus“ auf dem Programm, genauso heißt es da. Damit wird auf Dein sogenanntes „Damaskuserlebnis“ angespielt, von dem Du selbst erzählst: Ein Wanderrabbi und Zeltmacher seist Du gewesen, ein wenig fanatisch, führend beteiligt an den ersten Auseinandersetzungen zwischen dem traditionsbewussten Judentum und jener Minderheit, die in Deinem gekreuzigten Kollegen Jesus – ein Wanderrabbi auch er – den Messias sah, den verheißenen Erlöser seines Volkes.

Vor Damaskus dann plötzlich die Erkenntnis – sie wird schon länger im Stillen gereift sein –: Es stimmt, Jesus ist der Befreier, der Retter! Eine ruhige Sicherheit: Jesus ist der Mensch, in dem Gott sich uns gezeigt hat, voller Liebe und Leidenschaft. Ein stürmisch aufgebrochenes Vertrauen: An Jesus will ich mich halten, von ihm will ich erzählen.

Das hast Du dann auch getan, glücklich und nachdenklich, auf Deinen Reisen durch die ganze römische Welt und in Deinen tiefgründigen Briefen an die jungen Christengemeinden, die heute noch in den Kirchen im Gottesdienst gelesen werden.

Aber Bekehrung? Das klingt doch, als seist Du vorher, als frommer Jude und Gegner der Christensekte, ein Lump gewesen, ein Verirrter und Verlorener, und dann urplötzlich und überraschend, durch irgendein merkwürdiges Erlebnis, doch noch ein anständiger Mensch geworden.

Aber das stimmt ja nicht. Gläubig, an Gott interessiert, auf der Suche nach einem letzten Sinn bist Du auch vorher schon gewesen. Vielleicht auf eine engherzige Weise, ängstlich, misstrauisch, sehr intolerant, Menschen ausgrenzend und verfolgend, die ihren eigenen Weg zu Gott gehen wollten.

Nein, damals vor den Toren von Damaskus hast Du keinen neuen Gott entdeckt – aber einen besseren Weg zu dem alten Gott gefunden, den Du immer schon geliebt hast. In denen, die Du zuerst verfolgtest – aus Sorge um die ehrwürdige Tradition, aus Unverständnis, aus Scheu vor einer neuen Sicht der Dinge – hast Du Deine Brüder entdeckt.

Und im Rabbi Jesus, den Du einst wegen seines selbstbewussten Anspruchs fürchtetest, auf den Du vielleicht auch eifersüchtig warst wegen seiner unbefangenen Nähe zum Himmel, zum himmlischen Vater, in ihm erblicktest Du nun staunend Gottes menschliches Gesicht.

Staunen – das ist wohl der Punkt. Du hast den Mut gehabt, Dich überraschen zu lassen. Dich zu öffnen. Den Blick zu weiten. Vielleicht heißt „Glauben“ genau das: Nicht mehr nur selbst finden wollen, sondern sich finden lassen. Kein Besitzerstolz mehr: Gott kenne ich längst, ich weiß, wie er ausschaut und was er mit mir vorhat, dieser Gott, der mir gehört und der sich nicht ändert.

Stattdessen Mut und Demut zugleich: Gott, Du bist unberechenbar. Vielleicht siehst Du ganz anders aus, als ich immer dachte. Komm mir ruhig in die Quere – solange daraus eine Begegnung mit Dir wird.

Nein, Gott, Du gehörst mir nicht. Aber ich will Dir gehören.

 

zum Autor: Christian Feldmann (Jahrgang 1950) hat über 50 Bücher publiziert. Dabei portraitiert er besonders gern klassische Heilige und fromme Querköpfe aus Christentum und Judentum. Feldmann lebt und arbeitet in Regensburg.