50 Jahre ″Tatort″: TV-Klassiker hat Jubiläum | Filme | DW | 28.11.2020
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Kultserie

50 Jahre "Tatort": TV-Klassiker hat Jubiläum

Mit gleich zwei Jubiläumsfolgen feiert das Deutsche Fernsehen die Ausstrahlung des ersten "Tatorts" 1970. Die deutsche Krimiserie ist auch im Ausland Kult.

Ein Ermittler-Team aus einer deutscher Stadt klärt einen Kriminalfall auf. Das gehört zum "Tatort"-Prinzip. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums haben sich die Serienmacher nun aber mal etwas anderes einfallen lassen: Im zweiteiligen Tatort "In der Familie" sind zwei Ermittler-Teams und damit auch zwei Städte miteinander verbunden. Ein Mord in München führt den Täter nach Dortmund, wo er beim Betreiber einer Pizzeria Unterschlupf sucht. Ein Ort, der nicht nur als Restaurant dient, sondern auch Drogenumschlagplatz einer italienischen Mafia-Organisation ist. Um den Mord aufzuklären, reisen die Münchner Ermittler Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) im ersten Teil ins Ruhrgebiet (Ausstrahlung am 29.11.2020). Der zweite Teil spielt dann eine Woche später in München.

Die erste Tatort-Folge überhaupt hieß "Taxi nach Leipzig" und wurde am 29.11.1970 - also vor genau 50 Jahren - im deutschen Fernsehen gezeigt. Der Krimi war ein deutsch-deutsches Familiendrama, das sich im noch geteilten Deutschland zwischen der BRD und der DDR abspielte.

Faszination Tatort

Von Anfang an zeigte sich: Der Tatort war und ist ein Spiegelbild Deutschlands - mit seiner Geschichte, seinen gesellschaftlichen Problemen, seinen Befindlichkeiten.

Pommesbude in Köln, im Vordergrund essen zwei grauhaarige Männer Pommes mit Ketschup und Mayo an einem Stehtisch.

Jedem Tatort sein Lokalkolorit: Die Kölner Ballauf und Schenk gönnen sich nach gelöstem Fall Fritten und Kölsch

Das Konzept: Jede Woche ein Tatort aus einer anderen deutschen Stadt, aus einem anderen Bundesland, mit jeweils anderen Ermittlern. Die Charaktere könnten unterschiedlicher kaum sein: Die kühle Schönheit aus dem Norden. Das klamaukende Männerpaar aus dem Münsterland. Der hitzige Draufgänger aus Hamburg. Der verschroben-geniale Ermittler aus Dortmund. Die selbstgefälligen Schönlinge aus München. Die sanfte und einfühlsame Kommissarin aus Konstanz. Der fluchende Rüpel aus Duisburg. Das attraktive Cowgirl aus Frankfurt. Und und und....

Jede Kommissarin und jeder Kommissar hat ein privates Päckchen zu tragen: alleinerziehend, Ex-Alkoholiker, beziehungsunfähig oder traumatisiert. Es sind keine hochglanzpolierten Charaktere, wie man sie aus den modernen US-Krimiserien kennt. So haben die Tatort-Kommissare auch schon mal Bauch, große Nasen oder sind schlecht gekleidet.

Video ansehen 04:45

Die Schauspielerin Florence Kasumba

Auch die Frauen sind nicht immer "perfekt". Sie alle sind Antihelden, die ihr persönliches Schicksal allzu oft mit in ihren Beruf schleppen. Fast jeder Ermittler hat einen Gegenpol an seiner Seite, der ihn in jeder Hinsicht erdet, ihn ergänzt. All diese verschiedenen Figuren machen den Tatort seit mehr als vier Jahrzehnten so abwechslungsreich.

Von der ersten bis zur jüngsten Folge ist nur eines gleich geblieben: der Vorspann. Stahlblaue Augen im Fadenkreuz, dann schemenhaft davonlaufende Beine in typischer 1970er-Jahre-Optik. Dazu die berühmte Melodie des Jazzkomponisten Klaus Doldinger - bis heute eine Herausforderung, wenn es darum geht, sie sauber mitzusingen.

Wenn ein Krimi eine Fernsehgemeinschaft bildet

Der Tatort ist die einzige Fernsehserie, die regelmäßig in Deutschlands Kneipen läuft. Sonst wird dort in der Regel nur Fußball oder der Eurovision Song Contest gezeigt. In Nicht-Corona-Zeiten war das Tatort-"Rudelgucken" für viele Krimifans zur Traditiongeworden - so konnte man das Wochenende in Gesellschaft und mit einem Bierchen ausklingen lassen. Das Tolle dabei: Man ist nicht alleine, hört die Kommentare der anderen Zuschauer und kann selbst etwas zum Besten geben.

Ein Mann in schwarzem Mantel und Zigarillo steht neben einem Mann mit Brille und Smoking.

Axel Prahl (l.) und Jan Joseph Liefers als Thiel & Boerne

Ähnlich faszinierend ist die parallel laufende Twitter-Action: Der Hashtag #tatort überflutet sonntagabends die Timelines mit kritischen, ätzenden und auch witzigen Kommentaren. Die beliebtesten Ermittler sind die Münsteraner: Hauptkommissar Thiel (bodenständiger Normalo) und der Pathologe Professor Karl-Friedrich Boerne (selbstgefälliger Schnösel). Sie lösen ihre Fälle auf unkonventionelle Art und kabbeln sich zwischendurch wie ein altes Ehepaar. Obwohl der Klamauk öfter über der Handlung steht, freut sich das Gros der Tatort-Fans, wenn Thiel & Boerne am Start sind.

Tatort im Ausland

"Scene of the Crime" ist der Titel, unter dem der Tatort international vermarktet wird. In 50 Ländern sollen schon Tatort-Folgen zu sehen gewesen sein - von Australien bis Belarus. Das iranische Fernsehen zeigte 2010 mehrere Tatort-Folgen, Russland kaufte einen Til Schweiger-Tatort unter dem Titel "Nick's Law".In den Niederlanden ist der Tatort regelmäßig zu sehen (OmU), allerdings nur zu später Stunde.

Tatort Logo weiße Schrift auf weißem Fadenkreuz, darunter rot.

Auch in Österreich (Wien) und in der Schweiz (Luzern) werden Tatorte gedreht

1973 schaffte es eine Folge ins US-Kino: "Tote Taube in der Beethovenstraße". Für Regie und Drehbuch war der US-Regisseur Samuel Fuller engagiert worden, der das deutsche Fernsehpublikum mit einer verrückten und für damalige Verhältnisse temporeichen Erpressergeschichte erschreckte. Schnelle Schnitte, schräge Kameraführung, treibende Avantgarde-Musik. Das wirkte überhaupt nicht deutsch, sondern eher wie ein US-Streifen. Da dieser Tatort auf Englisch gedreht wurde, kam er ins US-Kino.

Sonst hält man sich in den englischsprachigen Ländern mit dem deutschen Tatort eher zurück. Original mit Untertiteln ist bei den meisten Fernsehzuschauern genauso unpopulär wie Synchronfassungen. Dennoch müssen interessierte US-Zuschauer nicht auf den deutschen Kult-Krimi verzichten: Der Spartensender MHz WorldView etwa zeigt neben weiteren ausländischen Produktionen auch Tatort-Folgen.

Video ansehen 05:29

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