20 Quadratmeter Bonner Republik | Fortbildung | DW | 12.01.2009
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Fortbildung

20 Quadratmeter Bonner Republik

In seinem Kiosk im Regierungsviertel kauften alle ein: Abgeordnete, Minister und Bundeskanzler. Doch nicht nur die Regierung zog nach Berlin, auch Jürgen Rauschs Kunden.

Jürgen Rausch, 52 Jahre, steht am 07.01.2009 vor seinem provisorischen Kiosk im ehemaligen Bonner Regierungsviertel (Quelle: Nina Funke-Kaiser)

Jürgen Rausch vor seinem provisorischen Kiosk im Bundesviertel

Jürgen Rausch mag vieles an Bonn, aber etwas liegt ihm ganz besonders am Herzen: der Pavillon im Regierungsviertel. 1957 wurde der Kiosk direkt gegenüber des Bundesrates von der Familie Rausch errichtet und seitdem versorgte sie Politiker mit Zeitungen, Würstchen und Zigaretten. Jürgen Rausch ist mit dem Kiosk groß geworden und so war es keine Frage, dass er den Betrieb 1984 weiterführen würde, als seine Mutter aus dem Geschäft aussteigen wollte.

Bonn war eine kleine Hauptstadt ohne viel Glamour: "Der Pavillon hat immer ausgereicht, schlicht und einfach. So ist auch der Charme der Nierentische der 50er immer erhalten geblieben", erzählt der 52-Jährige.

Passanten kaufen am 11.10.2000 am Kiosk im ehemaligen Bundesviertel in Bonn ein (Quelle: dpa)

Hier deckten sich mehr als 40 Jahre lang Politiker mit Süßigkeiten, Kaffee und Zeitungen ein

Prominente Kundschaft

Nahezu das gesamte politische Leben spielte sich im Regierungsviertel ab. Alles konnte zu Fuß erreicht werden, und am 20 Quadratmeter großen Rausch-Pavillon kam jeder einmal vorbei: vom Chauffeur über den Minister bis zum Bundeskanzler. "Kiesinger und Brandt waren vor meiner Zeit, aber ich kann mich daran erinnern, dass Schmidt, Kohl und Schröder auch hier eingekauft haben", sagt Jürgen Rausch.

Für ihn seien die Politiker ganz normale Kunden gewesen, obwohl er hinter seinem Tresen ziemlich viel mitbekommen habe – sowohl von politischen Diskussionen als auch privaten Problemen. Jürgen Rausch sieht das aber ganz pragmatisch: "Ich hab' gelernt, nicht darüber zu sprechen, das geht mich alles auch gar nichts an. Die Politiker wollen einfach nur ihre Ruhe haben, das kann ich gut verstehen."

Der kleine Kiosk lief gut – bis zum Ende der Bonner Republik: "Das hat mich natürlich sehr beschäftigt, weil ich nicht wusste, wie es dann hier weitergeht", erinnert sich Jürgen Rausch.

Der Kiosk im ehemaligen Regierungsviertel wird am 11.10.2006 abtransportiert. Das denkmalgeschützte Gebäude soll nach Abschluss der Bauarbeiten am World Conference Center wieder an seinem Standort aufgestellt werden (Quelle: dpa)

Deutschlands wohl berühmtester Kiosk schwebt von dannen

Ein Kiosk zieht um

Er habe befürchtet, dass "alles so ausplätschern" werde. Schließlich zogen die Politszene und damit fast alle seiner Kunden nach Berlin. Nach langem Hin und Her wurde das Areal, auf dem auch der Pavillon stand, an den koreanischen Investor SMI Hyundai verkauft. Dort entsteht gerade das World Conference Center (WCC), ein Projekt, das Bonns Ruf als Konferenzstadt besiegeln soll.

Als die Bauarbeiten begannen, gab es nur ein Problem: den Kiosk, der seit dem Jahr 2000 unter Denkmalschutz steht. "Ich hab mich da gar nicht selbst drum bemüht", erzählt Jürgen Rausch und fügt verschmitzt grinsend hinzu: "Aber natürlich hab ich mich darüber gefreut, das ist wichtig, sonst wird hier ja alles platt gemacht."

Der Pavillon musste dem Großprojekt weichen – wenn auch nur vorübergehend: Im Oktober 2006 wurde Deutschlands wohl berühmtester Kiosk auf Stahlträgern abtransportiert. "Ein bisschen mulmig war mir da schon zumute", gibt Jürgen Rausch zu.

Momentan steht der Kiosk in Bornheim und wartet auf einen neuen Einsatz. Denn nach Ende der Bauarbeiten soll der Pavillon wieder an seinen ehemaligen Platz zurück. Und Jürgen Rausch will wieder an den Tresen, der fast so alt ist wie er selbst.

Gemälde des Künstlers Reiner Grundwald. Dargestellt ist der Kiosk, bei dem die Mitarbeiter des Bundestags Würstchen und Zigaretten kauften

Auch Künstler ließen sich vom Kiosk inspirieren: ein Gemälde des Bonner Malers Reiner Grunwald

Wem gehört das Bonner Relikt?

Doch so einfach ist das nicht: Jürgen Rausch sieht sich selbst als Eigentümer, aber für die Stadt ist das anders. Da der Investor des Kongresszentrums das Areal gekauft habe, gehöre ihm auch der Kiosk, erklärt Martin Krämer, der Leiter des städtischen Liegenschaftsamtes. Jürgen Rausch sei lediglich der Pächter gewesen und der Pachtvertrag sei fristgerecht gekündigt worden.

Inzwischen haben sich die Beteiligten aber geeinigt: "Das letzte Wort ist zwar noch nicht gesprochen", erzählt Jürgen Rausch, "aber es sieht gut aus. Ich bin eben ein Kämpfer." Dass es weitergeht, ist auch wichtig für Rausch, der Kiosk ist seine Existenz. Aber nicht nur das: "Die Arbeit ist nichts Besonderes, aber ich hab sie lieb gewonnen, und es macht unglaublich viel Spaß."

Bis der Pavillon zurück ins Regierungsviertel ziehen darf, versorgt Jürgen Rausch in einem provisorischen Holzkiosk seine derzeitigen Kunden: die Bauarbeiter. Und egal, wer in Zukunft bei ihm Würstchen und Kaffee bestellt: Jürgen Rausch freut sich darauf. "Ich bin immer positiv gestimmt", meint er und fügt hinzu: "Und Bonn hat auch allen Grund, positiv in die Zukunft zu sehen."

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