125 Jahre gymnasiale Bildung für Mädchen | Deutschlehrer-Info | DW | 26.04.2018
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125 Jahre gymnasiale Bildung für Mädchen

1893 eröffnete das erste Gymnasium für Mädchen in Karlsruhe. Das war vor 125 Jahren eine Sensation und Grund für große Skepsis. Nach wenigen Wochen besuchten Vertreter der Stadt den Unterricht – und staunten.

Erst seit 125 Jahren können Mädchen in Deutschland das Abitur machen und studieren. 1893 wurde in Karlsruhe das erste deutsche Mädchengymnasium eröffnet. Kurz nach der Gründung war jedoch Unterricht kaum möglich: Aus dem ganzen Kaiserreich seien in den ersten Wochen Vertreterinnen der Frauenbewegung nach Karlsruhe gekommen, um sich das „ungeheure Geschehen“ anzuschauen, erzählt Susanne Asche, Leiterin des Karlsruher Kulturamts. Damals zweifelten viele Menschen, ob Mädchen genauso belastbar seien und sich genauso ernsthaft mit Lerninhalten auseinandersetzen könnten wie Jungen. Frauen wurde die Fähigkeit zu geistiger Arbeit nicht völlig abgesprochen, aber sie galt als unangemessen.

„Staunenswerte Leistungen“

Auch Vertreter der Stadt Karlsruhe besuchten den Mädchen-Unterricht wenige Wochen nach der Eröffnung und gaben Entwarnung: „Die Leistungen der Schülerinnen seien geradezu staunenswert gewesen. Von Überanstrengung derselben habe man nichts merken können“, heißt es im Karlsruher Tagblatt vom 5. November 1893. Und auch der Direktor des Großherzoglichen Gymnasiums zu Karlsruhe, Geheimrat Gustav Wendt, konnte die Skeptiker beruhigen: Keine der Schülerinnen habe durch die Beschäftigung mit alten Schriftstellern wie Homer oder Herodot „an echter Weiblichkeit auch nur im mindesten Einbuße erlitten.“

Wegbereiterin: Hedwig Kettler

Gegründet werden konnte die Schule durch den Einsatz der Frauenrechtlerin Hedwig Kettler (1851-1937). Für die Reformerin war das Recht auf Bildung und freie Berufswahl ein Menschenrecht. Sie selbst hatte eine „Höhere Töchterschule“ besucht, eine weiterführende Mädchenschule, die nach der 10. Klasse endete. Eine weitere schulische Ausbildung blieb ihr verwehrt.  Jahrelang hatte sie mit ihrem Verein „Frauenbildungsreform“ in allen Staaten des Deutschen Reichs vergeblich für ein Mädchengymnasium geworben. Nur im Großherzogtum Baden stieß sie auf Sympathie für ihr Anliegen, Mädchengymnasien einzurichten und Frauen zum Abitur und zum Universitätsstudium zuzulassen.

Bei der Eröffnung des Gymnasiums am 16. September 1893 sagte Kettler: „Durch die Gründung desselben und Zulassung des weiblichen Geschlechts zum Studium hat sich Baden an die Spitze der Bewegung gestellt und den ersten entscheidenden Schritt in der Frauenfrage getan.“

Was die Gründung eines vollwertigen humanistischen Gymnasiums für Mädchen für die wissenschaftliche Emanzipation der Mädchen bedeutete, sei in der Geschichtsschreibung immer wieder vergessen worden, sagt Kulturamtsleiterin Asche. Bis 1893 habe es lediglich externe Abiturvorbereitungskurse für Mädchen in Preußen gegeben.

1899: Erster Mädchen-Abiturjahrgang

Die Schülerinnen der ersten Mädchenschule wurden zunächst im Hintergebäude des heutigen Fichte-Gymnasiums in Karlsruhe unterrichtet. 1911 bezog das Mädchengymnasium ein neu gebautes Schulgebäude, das heutige Lessing-Gymnasium. 1899 legten die ersten vier Schülerinnen ihr Abitur ab und konnten auf Universitäten in Baden gehen. Unter ihnen war auch Rahel Goitein.

Als erste Frau in Deutschland hielt Rahel Goitein eine Abiturrede. Sie studierte danach als erste Frau Medizin in Heidelberg. In ihrer Rede fragte Goitein: „Wer kann heute noch glauben, dass das Streben nach Wissen Sünde, dass Bildung Verderben ist.“ Es sei vor allem die Lust am Lernen, am Wissen gewesen, die sie bewegt habe, das Gymnasium zu besuchen, betonte sie.

Mit einem Festakt wird in Karlsruhe am 3. Mai an das 125-Jahr-Jubiläum erinnert.

epd; sts/ip

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